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Ethik/Philosophien/Theorien Atheisten im Gottlosigkeitswahn
Jg. 9/Nr. 2
Stell dir vor, es gibt keine Länder —JOHN LENNON, „IMAGINE“
„Ich empfinde es als amüsante Strategie, wenn ich gefragt werde, ob ich Atheist bin, darauf hinzuweisen, dass der Fragesteller auch Atheist ist, wenn es um Zeus, Apollo, Amun Re, Mithras, Baal, Thor, Wotan, das Goldene Kalb und das Fliegende Spaghettimonster geht. Ich gehe nur einen Gott weiter.“ —RICHARD DAWKINS, THE GOD DELUSION
„Ein Argumentierender, der so unfair ist, zu wenige Wahlmöglichkeiten zu bieten und dann impliziert, aus dieser kleinen Menükarte von Alternativen müsse eine Wahl getroffen werden, begeht den Fehler des falschen Dilemmas; das Gleiche gilt für denjenigen, der diese fehlerhafte Argumentation akzeptiert.“ —INTERNET ENCYCLOPEDIA OF PHILOSOPHY, "TÄUSCHUNGEN" |
Richard Dawkins hat einen theologischen Sturm entfesselt. Sein Buch The God Delusion (2006, deutsch September 2007, Der Gotteswahn) richtet sich vehement gegen den Glauben an einen persönlichen, allmächtigen Gott und ist ein entschiedenes Plädoyer für den Atheismus als Philosophie der Wahl. Für Dawkins und seine neo-atheistischen Kollegen sind Religion und Glaube an Gott nichts weiter als eine Täuschung allergrößten Ausmaßes. Eigentlich nichts Neues seit Nietzsches erbittertem philosophischem Kampf wider die Religion gegen Ende des 19. Jhs. Dawkins’ Breitenwirkung könnte allerdings wesentlich größer sein – vielleicht weil er auf einigen starken Strömungen des Zeitgeistes schwimmt.
In seinem ironischen Song „Imagine“ empfahl uns John Lennon, uns eine Welt ohne Nationalismus, Krieg, Habgier, Hunger und Religion vorzustellen. Wenn nur diese Aspekte des menschlichen Lebens nicht mehr da wären, so träumte er, könnten wir eine Welt erfahren, in der die Menschen als wahre Brüder und Schwestern vereint und in Frieden leben, „die ganze Welt miteinander teilen“ und „für heute leben“. Das ist eine verlockende Vorstellung, und sie fällt im Denken von Neo-Atheisten, die wie seinerzeit Nietzsche gegen die Existenz Gottes und den Wert der Religion argumentieren, auf fruchtbaren Boden. Aufsehenerregende Titel prominenter Atheisten erobern die Bücherregale – doch auch die Vertreter des Glaubens an Gott, besonders aus den Reihen der Naturwissenschaftler, zeigen sich ebenso energisch und produktiv in der Aufdeckung der in ihren Augen seichten Argumente der Atheisten (siehe unsere Buchbesprechung „Gott und Wissenschaft versöhnen“). Diese Diskussion wird oft etikettiert als „Naturwissenschaft gegen Religion“, doch dies ist irreführend. Es geht eigentlich in der gegenwärtigen Diskussion nicht um eine grundsätzliche Kontroverse zwischen Naturwissenschaftlern und Theologen. Vielmehr bringen atheistische Wissenschaftler ihre antireligiösen Überzeugungen mit Vehemenz offen und scharf zum Ausdruck, und die gottgläubigen Wissenschaftler verteidigen ebenso wortgewaltig ihren Glauben. An vorderster Front der veröffentlichten Meinung gegen die Religion steht Richard Dawkins, ein prominenter Apologet des Darwinismus und wohl der militanteste und beredteste unter den Neo-Atheisten. Dawkins ist Ordinarius des Charles-Simonyi-Lehrstuhls für öffentliches Wissenschaftsverständnis an der Universität Oxford und bekannt für seine Eloquenz und Geistesschärfe. Er ist geistreich und gelehrt, es gibt kaum einen eloquenteren Wissenschaftsschriftsteller, insbesondere auf dem Gebiet der Evolutionsbiologie. Seine Kritiker werfen ihm vor, dass er dieses Mal sein Kompetenzgebiet verlassen hat und dass seine metaphysischen Schlussfolgerungen weit über das wissenschaftlich Belegte hinausgehen. Es ist nicht zu bezweifeln, dass der Professor mit seinem neunten Buch von seinem gewohnten Thema abweicht. Auch der Ton ist deutlich verändert. Zwar war er immer ein erbitterter Gegner von Gott und Religion, doch in diesem Band zieht er jedes irgendwie verwendbare Argument heran, um seiner grossen Abneigung und seiner Empörung über alles Religiöse Ausdruck zu verschaffen. Dies ist seine fixe Idee geworden, fast sein Lebensinhalt. Abgrundtiefe Verachtung ist kein guter Ratgeber, wenn man einen Sachverhalt objektiv be- oder verurteilen will. Es kommt nicht von ungefähr, dass wir als Titel für diesen Artikel „Gottlosigkeitswahn“ gewählt haben. Dawkins nutzt seinen hohen Bekanntheitsgrad aus den Medien und wirbt mit seinen Büchern, seinen Artikeln und seiner Website um Unterstützung für etwas, das einer Revolution gleichkommt. Er schließt sich John Lennons Imagination an und hegt die Hoffnung, dass sich nun überall anonyme Atheisten „outen“ und gemeinsam die Anerkennung des atheistischen Glaubensbekenntnisses erringen. Er hofft, dass dann Religionsanhänger die seiner Meinung nach unlogische und irrige Natur ihrer Überzeugungen einsehen, sie aufgeben und das „gesunde“, unabhängige Denken des Atheismus annehmen. Da er in Religion nicht viel mehr sieht als einen ansteckenden Virus, der wie eine Seuche um sich greift und von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird, wünscht er sich leidenschaftlich, dass Kinder endlich von der religiösen Erziehung durch Eltern, Lehrer und Geistliche befreit werden.
Die Geschichte der Religionen ist wahrlich kein Ruhmesblatt. Manche Kritiker behaupten, dass im Namen der Religion mehr Menschen abgeschlachtet wurden als durch andere Kriegsgründe. Angesichts der Millionen Toten, die die atheistischen Systeme des 20. Jahrhunderts gefordert haben, muss diese Behauptung angezweifelt werden. Nichtsdestoweniger ist unbestritten, dass im Namen der Religion in der Geschichte viel Unheil geschehen ist. Aber beweist der Missbrauch der Religion den grundsätzlichen Irrtum? Bestimmte religiöse Überzeugungen (oder Missverständnisse) haben unbestreitbar zu Gewalt, Unterdrückung, Verfolgung und Krieg geführt. Zweifellos ist die Religion auch als Mittel bewusster Irreführung missbraucht worden. In der Welt von heute hat das religiöse Konfliktpotenzial eine zusätzliche erschreckende Dimension erhalten: Durch das Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen steht heute das Überleben unseres Planeten und seiner Zivilisation selbst auf dem Spiel. Der Flaschengeist der Atomkraft ist freigelassen, und immer mehr Länder verfügen über ein bedrohliches Arsenal von Kernwaffen, chemischen und biologischen Waffen. Dawkins warnt vor einem verhängnisvollen Weltbrand, von dem sich die Erde vielleicht nicht erholt, wenn Anhänger militant religiöser oder nationalistischer Ideologien ihrer Überlegenheit Geltung verschaffen wollen. Der Professor mag von der Logik seines erbitterten Angriffs auf die Religion überzeugt sein, doch jeder Angriff fordert unweigerlich einen Gegenangriff heraus. Ein Angriff ist an sich auch noch kein Beweis. Tiefe religiöse Überzeugungen gleich welcher Glaubenszugehörigkeit dürfte Dawkins (wie schon seinerzeit Nietzsche) kaum erschüttern. Im Gegenteil, sein Schlachtruf könnte dazu führen, dass Fundamentalisten aller Religionen auf stur stellen – und damit zu größerer gegenseitiger Intoleranz. Das Grundthema in Dawkins’ Denken ist, wenn wir nur die Religion und den Glauben an Gott verbannen könnten, wäre die Welt glücklicher und friedlicher. „Lasst Atheismus herrschen, und achtet darauf, wie die Zivilisation blüht und gedeiht wie nie zuvor“, scheint sein Mantra und Glaubensbekenntnis zu sein. Ein solches Ergebnis müsste sich eigentlich anhand von berühmten Fallbeispielen im 20. Jahrhundert nachweisen lassen. Schufen die gewaltigen atheistischen Regime (die das 20. Jahrhundert so verunstalteten) das Glück und den Frieden, die die Menschen ersehnen? Können wir wirklich unseren Glauben und unsere Hoffnung auf die Neuschöpfung eines atheistischen Menschen setzen, der die Zivilisation zum Blühen und Gedeihen bringt und Glück, Frieden und Freiheit verbreitet? (Siehe unsere Artikelreihe „Messiasse! Herrscher und die Rolle der Religion“ – Teil 7 und 8.) Vergessen wir nicht, dass wir laut Charles Darwin (und Richard Dawkins) selbst ohne Gott und Religion noch immer eine egozentrische und wettbewerbsorientierte menschliche Natur haben, geformt, wie sie behaupten, durch natürliche Selektion und das Überleben des Stärksten. Dawkins erkennt an, dass die Folgen dieses Erbes recht unerfreulich sein können, und so stellt er eine passende „Erlösungstheorie“ auf: Der Mensch kann über sein brutales Erbe hinauswachsen. Die Frage ist nur: wie? Mit welcher Gedankenakrobatik (und Logik) kann er aus Darwins Theorie ableiten, der Mensch hätte die Fähigkeit, eben diese enormen evolutionären Kräfte einfach umzukehren, die ihn erst geschaffen haben? Oder welche Beweise sehen wir in der Geschichte seit Darwin, dass der Mensch überall auf Erden „irgendwie“ (oder aus Notwendigkeit) selbstlos, friedlich, liebevoll und kooperativ wird? Der Kern des Problems ist: Im atheistischen wie auch im religiösen Lager sind die Protagonisten gefangen in ihrem eigenen ideologischen (und menschlichen) Interesse und legen ganz einfach selbst fest, was für sie gut und böse ist. Diesen zentralen Konflikt zu begreifen und eine Lösung zu finden, geht tiefer als die eher oberflächliche Diskussion zwischen Atheismus und Religion. Aufgrund der menschlichen Natur haben das atheistische wie auch das religiöse Weltbild sowohl Gutes als auch Böses hervorgebracht.
Muss daraus, dass so viele Religionen nachweislich mit Unzulänglichkeit behaftet oder auf Unwahrheit aufgebaut sind, logischerweise folgen, dass alle Religionen abgeschafft werden sollten? Mit Recht geißelt Dawkins das herkömmliche Christentum für „die leichtfertige Unbekümmertheit, mit der [es] die Einzelheiten bei Bedarf erfindet. Es ist einfach schamlos erfunden.“ Tatsächlich sind viele christliche Glaubensinhalte und Praktiken nicht in der Bibel, dem anerkannten Lehrbuch der Christenheit, zu finden, und manche stehen sogar im Widerspruch zu ihr. Sören Kierkegaard, der dänische Philosoph des 19. Jahrhunderts, sagte: „Über die Jahrhunderte haben Millionen von Menschen Gott Stück für Stück aus dem Christentum hinausgeschwindelt.“ Zweifellos eine schockierende Aussage. Mitte des 20. Jahrhunderts schrieb der französische Schriftsteller Jacques Ellul: „Wir müssen zugeben, dass es zwischen dem, was wir in der Bibel lesen und den Praktiken der Christen eine unglaubliche Distanz gibt.“ Kierkegaard behauptete sogar: „Das Christentum des Neuen Testamentes existiert ganz einfach nicht.“ (Siehe unser Videotranskript „Gott aus dem Christentum hinausgeschwindelt“.) Doch Dawkins’ Alternative – der materialistische Atheismus – ist weit davon entfernt, eine reale Alternative zu sein. Es ist ein logischer Fehlschluss, zu sagen, wenn eine Option wahrscheinlich falsch sei, müsse die angebotene Alternative automatisch richtig sein. Dawkins übersieht, dass es so etwas wie gute Religion geben könnte. Wie seinerzeit Nietzsche kämpft er gegen den Irrtum und übersieht die Wahrheit. Eine Rückbesinnung auf die ursprünglichen Glaubensinhalte und Werte, wie sie die Bibel darlegt, könnte eine Religion zum Vorschein bringen, die diesen Namen verdient. Wie die Bibel definiert, liegt wahre Religion in der Vortrefflichkeit unseres Charakters, in der Art, wie wir vor Gott leben und in unserem Umgang mit anderen, nicht allein darin, was wir glauben. Doch die normativen Ideen eines Gottes, der sich anmaßt, uns Vorschriften zu machen, wie wir leben sollten, sind nichts für Dawkins. Sein Stolz ist nicht nur sein Atheismus, sondern auch seine Wissenschaft, sein logisches, wissenschaftliches Denken und die Ideen seines Helden Charles Darwin. Durch den bemerkenswerten Fortschritt der Wissenschaft mit ihrem Potenzial, immer mehr zu entdecken, hätten wir, wie er meint, eine viel stimmigere und befriedigendere Erklärung des Lebens und des Kosmos, als die Religion je liefern könne. Die Vorstellungen der Religion empfindet Dawkins als regelrechte Beleidigung seiner Intelligenz: Wie er es sieht, steht sie in krassem Widerspruch zu wissenschaftlich bewiesenen Fakten. Interessanterweise sehen auch Gottgläubige ihrerseits viele Facetten der Evolutionstheorie als Beleidigung ihrer Intelligenz und beschuldigen die fundamentalistischen Anhänger des Evolutionsglaubens ebenso als verbohrt.
Was wäre aber, wenn Darwins Theorie in wichtigen Aspekten falsch wäre? Wo stünde Dawkins dann? Alle wissenschaftlichen Theorien können hinterfragt werden, und selbst die einleuchtendsten werden manchmal durch weitere Forschungen und Untersuchungen widerlegt. Nehmen wir Darwins Vorstellungen von der sexuellen Selektion: Diese wurden zu einer allumfassenden biologischen Theorie für Geschlechterrollen weiterentwickelt, doch einige hoch angesehene Biologen halten sie für sehr fehlerhaft (obgleich dies selten anerkannt wird). So einleuchtend Darwins Vorstellungen auch sind – auch er war ein fehlbarer Theoretiker, und selbst Naturwissenschaftler räumen ein, dass er nicht alles richtig verstand. Die Behauptung, seine Sicht der Dinge widerlege die Notwendigkeit eines Schöpfers bzw. Gottes, ist weder rational noch logisch. Zwar nimmt die Theorie dies gemeinhin als wahr an, doch aus den gegebenen Fakten ist es nicht zu schließen. Darwin hatte über die Ursprünge des Lebens wenig Überzeugendes zu sagen, und Dawkins räumt ein, das äußerst unwahrscheinliche Ereignis, das die Entstehung von Leben bewirkte, sei „ein völlig anderer Fall“ als die Evolution von Leben. Dennoch bringt er die Entstehung des Lebens in Einklang mit dem Evolutionsschema und versucht so, seine „Logik“ zu retten. Er wiederholt z.B. ein Argument aus seinem Buch von 1986 The Blind Watchmaker (deutsch „Der Blinde Uhrmacher“) und spekuliert: Wenn unsere Galaxie zwischen einer und 30 Milliarden Planeten hat und unser Universum 100 Milliarden Galaxien, könnte es Milliarden von Milliarden Planeten geben, auf denen Leben möglich wäre. Daher könnte eine Chance von eins zu einer Milliarde, dass Leben spontan hervorgebracht wird, zu dem Ergebnis führen, dass es auf einer Milliarde Planeten potenziell Leben geben könnte. Solche Zahlenspiele können allerdings nur den oberflächlichen Denker beeindrucken, der jede Gelegenheit wahrnimmt, sein Argument irgendwie zu untermauern. Mit derselben Logik könnte man auch fragen: Könnte das Leben durch die schöpferische Macht eines übernatürlichen Gottes entstanden sein? Diese Möglichkeit ist nicht auszuschließen. Schließlich ist der Naturwissenschaft noch immer nicht der Beweis dafür gelungen, dass überhaupt Leben aus Nicht-Leben entstehen kann. Ist die Vorstellung, dass Gott für den Lebensfunken verantwortlich ist, nicht logischer und befriedigender, als dass das „unglaublich unwahrscheinliche Ereignis“, die Entstehung des Lebens, ein Produkt des Zufalls ist? Kategorisch abzulehnen, dass ein übernatürlicher Gott die Dinge genau so wollte und werden ließ, geht weit über den Bereich der Wissenschaft hinaus. In dieser Hinsicht ist Dawkins’ Rhetorik als extrem und persönlich zu sehen, und durchaus nicht alle Philosophen und Naturwissenschaftler stimmen ihr zu. Seltsamerweise fühlt sich selbst Dawkins, trotz seiner festen Überzeugung, dass es keinen Gott gibt, verpflichtet, die Tür einen ganz kleinen Spalt offenzulassen. Vielleicht darum trägt eines der Kapitel den etwas weniger dogmatischen Titel „Warum es fast sicher keinen Gott gibt“ (Betonung hinzugefügt). Des Weiteren, wenn Gott letztlich der Schöpfer alles dessen ist, was existiert (einschließlich Darwin und Dawkins!), warum sollte seine Existenz dann Stoff für ihre Spekulationen sein? Einige Wissenschaftler haben festgestellt, dass unser Universum anscheinend auf die Entstehung und Erhaltung von Leben, wie wir es kennen, abgestimmt ist und nach überaus komplexen Naturgesetzen mit mathematischer Sicherheit funktioniert (Feinabstimmung der Naturkonstanten, erklärt durch das „anthropische Prinzip“). Warum ist das Universum überhaupt da? Hat es einen Sinn? Aus welchem Grund leben wir in Zeit und Raum – Dimensionen, die von feststellbaren Gesetzen beherrscht sind? Warum sollte es unlogisch oder falsch sein, zu glauben, dass hinter alledem Gott steht? Dass Gott nicht naturwissenschaftlich fassbar und messbar ist, bedeutet nicht, dass Gott nicht existiert. Kann es sein, dass die Atheisten in die Falle getappt sind, dass nicht sein kann, was sie nicht so sehen wollen und können? Schließlich beschränkt sich Naturwissenschaft auf das Physische und Beobachtbare und kann nicht darüber hinausgehen. Wenn Gott außerhalb des Materiellen existiert, kann Naturwissenschaft seine Existenz weder beweisen noch widerlegen.
Für Dawkins ist religiöses Denken in seiner Gesamtheit verkehrt. In seinen Augen ist jeder Ausdruck von Glauben gefährlich, ein verhängnisvolles Übel, eine unsinnige Gehirnwäsche, die immensen Schaden anrichtet, insbesondere in den Köpfen von schutzlosen, leicht zu beeindruckenden Kindern. (Siehe Kastenartikel „Sollte man Kinder im Glauben unterweisen?“) Das Problem hier ist, dass Dawkins’ Sicht des religiösen Glaubens tatsächlich ein Zerrbild dessen ist, was wahrer Glaube eigentlich bedeutet. Schon seine Beschreibung ist voreingenommen, verkürzt, gefährlich und unvereinbar mit der biblischen Beschreibung. Zwar erklärt Dawkins Glauben an Gott für unzulässig, weil sein Intellekt etwas so Unwissenschaftliches nicht mitmacht, doch andererseits empfiehlt er einen unerschütterlichen Glauben an die Wissenschaft als Quelle allen Lernens und letztlich aller wichtigen Antworten. Er selbst zeigt sich gegenüber dem Denken Darwins bemerkenswert gläubig. Dabei ist die Theorie seines Helden in einigen (und zwar grundlegenden) Aspekten noch immer nicht bewiesen. Einige von diesen wurden ad acta gelegt, und andere werden sich vielleicht noch als irrig erweisen. (Siehe unseren Artikel „Das Leben – unreduzierbare Komplexität“.) Zweifellos ist The God Delusion ein Buch, das nachdenklich macht. Der Professor übt berechtigte Kritik an einigen lieb gewordenen, aber nicht biblischen religiösen Überzeugungen und entlarvt sie als unzulänglich und widersprüchlich. Er schreibt z.B., die Lehren des herkömmlichen Christentums über die Trinität, eine vergöttlichte Maria („nur dem Namen nach keine Göttin“) und ein „Pantheon . . . angereichert durch ein Heer von Heiligen“ trieben „den immer wiederkehrenden Flirt mit dem Polytheismus in die Richtung einer galoppierenden Inflation“. Es könnte für gläubige Menschen insofern gut sein, zu erfahren, dass Religion in wesentlichen Aspekten tatsächlich Menschenwerk ist, dem es an biblischer, göttlicher Grundlage und daher an Glaubwürdigkeit mangelt. Selbst John Lennons bekannter Text – „Imagine there’s no heaven . . . no hell below us, above us only sky (Stell dir vor, es gibt keinen Himmel . . . Keine Hölle unter uns, über uns nur das Firmament)“ – birgt bei näherem Hinsehen aus einer biblischen Perspektive einige Überraschungen. Es gibt keine Grundlage für die Vorstellung, dass die Erlösten in den Himmel kommen und die Nicht-Erlösten und Verdammten ewig im nie verlöschenden Höllenfeuer bestraft werden. Beides sind Beispiele von Verfälschungen, die unendlich viele Menschen beunruhigt und traumatisiert haben. Allerdings hat auch Dawkins’ atheistischer Glaube auffallende Mängel. In diesem Fall ist eine Art falscher Glaube nicht besser als die andere; Fehler gibt es auf beiden Seiten. Der springende Punkt ist dieser: Die von Menschen verursachten Mängel der Religion machen Gott ebenso wenig ungültig, wie schlechte und fehlerhafte Wissenschaft alle Wissenschaft ungültig macht. Wenn Gott wirklich existiert und die Bibel sein inspiriertes Wort ist, wie sie behauptet, dann kann der Glaube eine dramatisch andere Sicht auf das Leben und die Zukunft öffnen: einen Reichtum, einen Sinn und eine Bestimmung, die Aussicht auf eine unendlich viel bessere und friedlichere Welt, eine grenzenlose und bemerkenswerte Zukunft. Vision widmet sich der Aufgabe, die Bedeutung des echten, unverfälschten und in der Bibel gelehrten Glaubens zu ergründen, dessen Wahrheiten oft im Widerspruch zu den gängigen religiösen Lehrmeinungen stehen. Wir bemühen uns um einen ausgewogenen, aufgeklärten biblischen Blickwinkel, der fundierte historische und wissenschaftliche Erkenntnisse einschließt und fundamentalistischen Entgleisungen entgegenwirken soll. Wir lehnen Dawkins’ leidenschaftliche Opposition gegen Gott ab, doch wir teilen sein Entsetzen über die allzu offenkundigen Mängel so vieler Dinge, die als Religion gelten. Aus diesem Grund werden wir in jeder Ausgabe damit fortfahren, eine wahrhaft biblische Sicht des Lebens zu ergründen. JOHN MEAKIN
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