Herbst 2000

Gesellschaft & Kultur

Interview

Die ultimative Handelsware

David Hulme

Interview mit dem prominenten Autor und Sozialaktivisten Jeremy Rifkin über seine Meinung zu Biotechnologie, neue Ökonomie und„ Vermarktung des Lebens.“ 

Nicht jeder will hören, was Jeremy Rifkin zu sagen hat: Seine Botschaft enthält eine Herausforderung, der sich offenbar nur wenige stellen möchten. In diesem Interview vertieft Vision-Herausgeber David Hulme einige der schwierigen Fragen, die Rifkin aufgeworfen hat.

 

DH Sie haben die Trilogie The End of Work, The Biotech Century und The Age of Access geschrieben. Können Sie die wichtigsten Faktoren zusammenfassen, die Grundlage der Veränderungen sind, die Sie in diesen Büchern behandeln? 

JR Der gemeinsame rote Faden ist, dass wir einen grundlegenden Wandel in der Natur der Wirtschaft erleben. In der Arena der Wirtschaft halten jetzt auf breiter Front neue wissenschaftliche und technologische Trends Einzug, und sie werden unsere Lebensweise dramatisch verändern.

Das erste Buch befasst sich mit der Verlagerung von der Massen- zur Elitearbeit, die der Wandel der Natur der Arbeit mit sich bringt. Das zweite handelt von der Verlagerung unserer Ressourcenbasis von fossilen Brennstoffen, Metallen und Mineralien zu Genen und der biologischen Revolution. Und das dritte handelt vom Strukturwandel der Wirtschaft im Übergang von einer Marktwirtschaft zu einer netzwerkbasierten Wirtschaft und von Eigentumsrechten zu Zugangsrechten.

DH Sie haben einmal die Formulierung „Sakralität der Natur„ gebraucht. Hat Sakralität oder Heiligkeit irgendwie mit diesen Themen zu tun?

JR Ja, durchaus, in dem Sinn, dass wir ein einzigartiges Vermächtnis geerbt haben. Der wichtigste Teil dieses ganzen Experiments ist der Puls des Lebens. Das ist heiliger Boden, und das war er von Anbeginn der Geschichte bis vor kurzer Zeit. Angesichts der Einführung dieser hochwirksamen, neuen biologischen Instrumente und der Biotech-Revolution beginnen wir nun wieder zu fragen: Was ist das Wesen des Lebens? Hat es einen absoluten Wert oder nur einen Nutzwert? Wie wir uns dem Zeitalter der Biologie nähern, wird weitgehend davon abhängen, ob wir von der Auffassung ausgehen, dass Leben zunächst einen Eigenwert hat oder dass es einen Nutzwert hat. Das wird weitgehend bestimmen, wie wir mit dieser Wissenschaft umgehen - wie wir sie in den Märkten und Gesellschaften der nächsten beiden Jahrhunderte anwenden.

Ich argumentiere, besonders in The Biotech Century, dass es einen harten Weg und einen sanften Weg gibt. Der eine basiert darauf, Gott zu spielen, eine zweite Genesis zu schaffen und Architekten einer geschichtlichen Epoche der kommerziellen Eugenik zu sein. Der andere basiert darauf, Haushälter und Verwalter der vorhandenen Schöpfung zu sein und die Wissenschaft dazu einzusetzen, sich besser in die übrige Natur zu integrieren.

Ich finde nicht, dass die Wissenschaft selbst das Problem ist. Es ist sehr wertvoll, etwas über Gene zu lernen - solange es nicht auf simplifizierende Weise geschieht und wir verstehen, dass die Gene nicht allmächtig sind, sondern nur ein Teil des Bildes des Lebens. Das Problem ist hier, wie die Wissenschaft in unserem alltäglichen Leben einzusetzen ist - in der Wirtschaft, in unserem Privatleben, in unserer Kultur, in unserer Gesellschaft und unserem Gemeinwesen. Im Moment steht nur ein Weg auf der Tagesordnung: der harte Weg einer Heerschar von Life-science-Unternehmen - in Wirklichkeit ein Weg des technisch Machbaren, der uns letztlich zu einer Zivilisation der kommerziellen Verwertung des menschlichen Erbgutes führen wird.

Ich plädiere für einen sanften Weg, bei dem diese Wissenschaft - alles, von der Landwirtschaft bis zur Medizin - so angewandt wird, dass wir Haushälter und Verwalter sind, dass wir den Puls des Lebens besser verstehen und mit ihm arbeiten, statt eine neue, zweite Schöpfung nach unserem eigenen Bild zu konstruieren.

DH Man könnte wahrscheinlich einwenden, Gott hat dem Menschen die Intelligenz gegeben, um diese Dinge herauszufinden, und folglich hat Gott uns das Recht gegeben, diese Dinge zu tun.

JR Nun, man könnte argumentieren, dass Gott uns die Wahlmöglichkeit gegeben hat, wie wir diese Wissenschaft anwenden. Wir könnten sie in der Landwirtschaft zur Erzeugung genetischer Nahrungsmittel anwenden, mit allen möglichen schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt, die Gesellschaft und die Wirtschaft. Oder wir könnten dieselbe Wissenschaft dazu nutzen, eine sehr effiziente, marktorientierte, organische Nahrungsmittelproduktion zu entwickeln, basierend auf der Verwaltung einer integrativen Beziehung zwischen unserer Nahrung und den örtlichen Ökosystemen, in denen der Anbau dieser Nahrungsmittel eingeführt wird.

In der Medizin wäre es der harte Weg, den Samen und das Ei gentechnisch zu verändern - unsere Babys so zu programmieren, dass sie die ultimative Shopping-Erfahrung werden und dass wir Gott werden. Oder wir könnten die neue Wissenschaft nutzen, um die Beziehung zwischen genetischer Veranlagung und Umwelteinflüssen besser zu verstehen, sodass wir eine vorbeugende Medizin und ein sehr hoch entwickeltes, marktorientiertes Wellness- und Gesundheitswesen schaffen könnten (vgl. Boxartikel von Jeremy Rifkin über „GENTECHNISCHE VERÄNDERUNGEN AM MENSCHEN„).

Das sind sehr unterschiedliche Zielrichtungen, die auf sehr unterschiedlichen Prinzipien und Wertesystemen beruhen.

DH Das „Human Genome Project„ macht offensichtlich Fortschritte; eine erste Version wurde der Welt im Juni angekündigt.

JR Sie wurde als eine der großen wissenschaftlichen Errungenschaften der Weltgeschichte angekündigt, und das mit Recht. Die Frage ist, wie man dieses Wissen anwendet. Erlauben wir zum Beispiel, dass alle rund 100 000 Gene, die die „Kopie„ des Menschen ausmachen, geistiges Eigentum der Life-science-Unternehmen werden? Oder finden wir Wege, dieses neue Wissen so zu nutzen, dass es gerechter verteilt wird, als ein Erbe und eine Verantwortung der ganzen Menschheit, das sie gemeinsam zu verwalten hat?

Diese Gene sind keine Erfindungen. Sie sind Entdeckungen der Natur. Sie sind Geschenke.“

Ich würde sagen, dass es kein Problem darstellt, wenn Unternehmen Patente für Verfahren haben. Anders steht es mit Produkten. Diese Gene sind keine Erfindungen. Sie sind Entdeckungen der Natur. Sie sind Geschenke. Das Gen für zystische Fibrose oder für ein Wachstumshormon oder welches Gen auch immer wurden nicht im Labor erfunden. Sie wurden einfach entdeckt.

Unser Patentrecht sagt klar aus, dass Entdeckungen der Natur nicht patentierbar sind. Wir haben nicht erlaubt, dass Chemiker sich die chemischen Elemente wie Helium, Sauerstoff und Aluminium patentieren ließen. Wir haben ihnen Patente für die Verfahren erlaubt, mit denen sie diese Stoffe isoliert haben, aber wir hätten sicher nicht zugelassen, daß sie Uran, Helium und Sauerstoff als Erfindungen für sich beanspruchen. Das wäre absurd gewesen.

Der Fall der Gene ist analog. Deshalb würde ich sagen, dass der sanfte Weg hier darin besteht, einen „Großen Vertrag„ zu entwickeln, den alle Länder der Welt unterzeichnen, um das genetische Allgemeingut - unser biologisches Erbe - als gemeinsames Vermächtnis zu bewahren, das die Staaten der Welt für künftige Generationen und für unsere Mitgeschöpfe verwalten, wie wir es mit der Antarktis getan haben.

Wenn wir zulassen, dass der Genpool Eigentum von Staaten oder Unternehmen wird, bin ich absolut sicher, dass wir im 21. Jahrhundert Genkriege erleben werden, so wie es in der Epoche des Merkantilismus Kriege um seltene Metalle und im Industriezeitalter Kriege um Öl gab. Ich denke also, das Richtige ist hier, als Verwalter zu dienen, den Genpool als Allgemeingut offen zu halten, ihn als gemeinsames Vermächtnis zu sehen.

Hierzu möchte ich noch etwas sagen. Ich denke, wir haben es hier mit einer sehr ernsten philosophischen Frage zu tun. Alle Eltern müssen sich die Frage stellen, ob es für ihre Kinder gut ist, in einer Welt aufzuwachsen, wo das Leben - die Gene, die Chromosomen, die Zellen, die Organe, die Gewebe - als Erfindungen gesehen werden. Eltern vermitteln ihren Kindern, wenn sie noch ganz klein sind, dass Leben vor allem einen absoluten Wert hat - dass es ein Geschenk ist. Man muss es achten. Man muss es ehren. Erst wenn Kinder etwas größer sind, machen ihre Eltern sie mit der Tatsache vertraut, dass Leben manchmal einen Nutzwert hat und dass wir es gelegentlich einem anderen Lebewesen nehmen müssen.

Doch ich kenne keine Eltern, die ihren Kindern als erstes beibringen, das Leben sei einfach eine Erfindung. Wenn Kinder in einer Welt aufwachsen, wo Leben als intellektuelles Eigentum angesehen wird - als Information, die man besitzen kann wie eine Erfindung -, dann verschwindet meines Erachtens der Begriff „absoluter Wert„ ganz aus der menschlichen Algebra, und dann haben unsere Kinder keinen Bezugspunkt mehr, an dem sie festmachen könnten, was ein absoluter Wert eigentlich ist.

Deshalb finde ich, dass es über die Wirtschafts- und Umweltfragen hinaus die weit tiefere philosophische Frage gibt, ob Leben ein Geschenk ist oder eine menschliche Erfindung.

DH Was bedeuten all diese wirtschaftlichen Entwicklungen und die Verlagerung zu einer Wirtschaft des globalen Zugangs für die Souveränität des Nationalstaats?

JR Nun, ich glaube, man wird in allem umdenken. Über die Diskussion um E-Commerce, Internet und Cyberspace hinaus bringen diese Technologien eine neue Art mit sich, Geschäfte zu machen. Wir bewegen uns von den Märkten fort und auf Netzwerke zu, und dabei verändert sich unsere Lebensweise - der Gesellschaftsvertrag, der Begriff des Nationalstaats sowie seiner Rolle und Aufgabe - ebenso dramatisch wie beim Übergang vom Merkantilismus zur Marktwirtschaft vor 300 Jahren. So ist The Age of Access in gewisser Hinsicht ein Versuch, die anthropologische Landschaft dieser neuen Wirtschaftsepoche darzustellen, in der wir von Märkten zu Netzwerken, von der Geographie zum Cyberspace, von Eigentumsrechten zu Zugangsrechten und von industrieller zu kultureller Produktion übergehen. All dies verändert die Art, in der Geschäfte funktionieren, von Grund auf; es wird neue Vorstellungen über den Gesellschaftsvertrag mit sich bringen und uns zwingen, neu zu bedenken, was ein Staat ist und was er leisten soll.

DH Der Kapitalismus kann ein ziemlich rücksichtsloses, beutegieriges System sein, das jede neue Chance ausnutzt. Sehen Sie die Notwendigkeit eines sozialen Gewissens - etwa in Form von Grundwerten -, das dem Kapitalismus zugrunde liegen und Exzesse verhindern sollte? Wenn ja, was sollte nach Ihrer Meinung die Basis solcher Werte sein?

JR Nun, diese Werte kommen immer von der Kultur, denn die Kultur ist der primär vorhandene Sektor und ihre Wirtschaft ist ein sekundärer, abgeleiteter Sektor, ebenso wie die Staatsform. Zuerst bilden Menschen eine Kultur und gemeinsame Werte und danach ein gesellschaftliches Vermögen; dann bilden sie Marktkapital und Staaten.

In der Kultur liegen die Grundwerte. Hier ist der Ort des Glaubens und der Theologie. Hier sind unsere sozialen Beziehungen, unsere gemeinsamen Metaphern, unsere Vertrautheit, unsere Sinnerfahrung. Und deshalb müssen wir so an die neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten und Herausforderungen herangehen, dass gewährleistet ist, dass unser kultureller Besitz bereichert wird und im Vordergrund jeder Diskussion steht. In einer rein kommerziellen Diskussion wird nach dem „Wie„ gefragt, nicht nach dem „Sollen wir?„. Fragen nach dem „Sollen wir?„ kommen immer aus der Kultur. Fragen nach dem „Wie„ sind rein nützlichkeitsorientiert und kommen immer vom Markt.

DH Was bedeuten all diese Entwicklungen für die Zukunft menschlicher Konflikte und Kriege?

JR Tja, die werden uns erhalten bleiben. Es gibt einige interessante Licht- und Schattenseiten dieses Übergangs von einer Epoche der Eigentumsbeziehungen und Marktgeschäfte zu einer Epoche der Zugangsbeziehungen und der Vernetzung.

Bei diesem Übergang von der marktbasierten zur netzwerkbasierten Wirtschaft definieren wir Freiheit neu. In einer Marktwirtschaft beruht Freiheit auf der Idee der Autonomie; und um autonom zu sein, braucht man Eigentum. Der Staat hat die Aufgabe, die Freiheit zu schützen, indem er den ausschließlichen Besitz von Eigentum schützt. So kann man autonom sein und Wahlmöglichkeiten haben, statt verpflichtet oder abhängig zu sein.

In Netzwerken hingegen ist Autonomie der Tod. Die Dot.com-Generation will Eigentum, aber noch mehr will sie verbunden sein. Sie will Beziehungen. Sie will eingebunden sein in riesige, ineinander greifende Netzwerke. Für sie ist Freiheit also Zugang zur Inklusivität - Teil von Beziehungen zu sein - statt Autonomie und Exklusivität wie für unsere Generation, die so sehr an eine marktbasierte Wirtschaft gebunden war.

DH Sie haben von mehr Zusammenarbeit, Vertrauen und Teamarbeit gesprochen. Was ist mit Egoismus, Habgier und Ausbeutung? Nehmen sie in dieser Art Wirtschaft ab?

JR Nein, sie nehmen eine noch tiefere Form an. In The Age of Access habe ich ein Kapitel über das neue Ideenmonopol geschrieben. Wenn überhaupt, dann ist die neue Macht viel allgegenwärtiger. Wenn Sie nur die Entwicklung des Franchising von Geschäftsideen in den letzten 20 Jahren betrachten, sehen Sie die überwältigende Macht, die in diesen riesigen kommerziellen Netzwerken ausgeübt werden kann, wo Eigentum nicht mehr auf Märkten den Besitzer wechselt, sondern wo der Hersteller es behält, sodass Sie und ich nur Zugang dazu erhalten.

In dieser neuen Epoche der Netzwerke gibt es zwar noch Eigentum, aber es bleibt in der Hand der Hersteller, und Sie und ich erhalten Zugang dazu in Form von „ 24-7-Beziehungen.“

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn Monsanto einem Farmer Saatgut zur Verfügung stellt, wechselt das Saatgut nicht den Besitzer. Es gibt keinen Verkäufer, es gibt keinen Käufer, also gibt es keinen Markt. Stattdessen schließt Monsanto einen Lizenzvertrag mit dem Farmer: Der Farmer hat Zugang zu dem im Saatgut enthaltenen intellektuellen Eigentum und kann diese Information nutzen und für eine Ernte anbauen, aber das neue Saatgut, das er dann erntet, gehört nicht dem Farmer, weil die Besitzverhältnisse nie gewechselt haben. In dieser neuen Epoche der Netzwerke gibt es zwar noch Eigentum, aber es bleibt in der Hand der Hersteller, und Sie und ich erhalten in Form von „24-7-Beziehungen„ [ rund um die Uhr - 7 Tage in der Woche] Zugang zu ihm. So kann man den Stoff, aus dem das Leben ist, fester in der Hand behalten. Das ist eine verheerende Form von Kontrolle.

Doch man sieht dies auch in subtileren Formen. Schauen Sie sich die Ford Motor Company an. Die würden am liebsten nie wieder ein Auto verkaufen. In den USA und Kanada gehört jedes dritte Auto noch immer dem Hersteller. Wenn sie Ihnen ein Auto auf dem Markt verkaufen, ist ihre Beziehung mit Ihnen kurzlebig, und ihre Kontrolle über Sie ist kurzlebig. Wenn sie einen Leasingvertrag mit Ihnen bekommen, sodass Sie Zugang zum Erlebnis des Fahrens haben statt das Fahrzeug zu kaufen, werden Sie Teil des Fahrerlebnisses und bezahlen zwei Jahre lang rund um die Uhr, 7 Tage in der Woche für dieses Erlebnis. Sie werden ein Teil ihres Netzwerks, und Sie sind ihnen verpflichtet. Das ist der Unterschied zwischen einem Markt und einem Netzwerk.

Aber es gibt auch Vorteile. Eines der Dinge, die ich in dem Buch erwähne, könnte ein Vorteil für die Umwelt sein. In einem Markt schützen Unternehmen die Umwelt nicht, weil sie nicht in der Bilanzsumme enthalten ist. In einem Netzwerk hingegen ist sie die Bilanzsumme. Wenn also Carrier zum Beispiel Klimaanlagen verkauft, dann verkaufen sie Ihnen die größte Klimaanlage, die Sie zu kaufen bereit sind. Und wenn sie eine Menge Energie verbraucht, die Ozonschicht schädigt und den Treibhauseffekt verstärkt - Carrier hat Geld verdient. Doch jetzt hat Carrier (wie andere Unternehmen auch) begriffen, dass mit marktbasierten Geschäften und Märkten nicht so viel zu verdienen ist wie mit Netzwerkbeziehungen. Also stellen sie jetzt „cool services„ zur Verfügung. Statt Ihnen die Klimaanlage auf einem Markt zu verkaufen, installieren sie ihre Klimaanlage bei Ihnen zu Hause oder im Geschäft, und dann haben Sie Zugang zu ihren „cool services„. Und so bezahlen Sie für die andauernde Erfahrung der Klimatisierung, statt in einer einmaligen Transaktion eine Klimaanlage zu kaufen.

Damit hat sich die Sachlage vollständig geändert. Jetzt will Carrier so wenig Energie wie möglich dafür verbrauchen, Ihnen einen guten Klimaservice zu liefern, denn je mehr Energie verbraucht wird, umso mehr Geld verlieren sie. So sind sie nun viel eher bereit, zu modernisieren, Beleuchtungsanlagen oder spezielle Sturmfenster einzubauen, um den Energieverbrauch zu senken, denn nun haben sie für den Service zu sorgen, und Sie sind ein Kunde.

Man kann es also folgendermaßen sehen: In Märkten will man die Produktion und das Umsatzvolumen einer Transaktion maximieren. In Netzwerken will man die Produktion minimieren und die Einsparungen teilen oder an den Gewinnen beteiligt sein. Es ist eine ganz neue Art von Geschäften, und in einigen ausgewählten Wirtschaftszweigen könnte die Umwelt der Gewinner sein. Die negative Seite ist, daß Sie eines Tages aufwachen werden, und alles in Ihrer Welt ist Ihnen nur „zur Verfügung gestellt„!

DH Was wird in der neuen Ökonomie des 21. Jahrhunderts aus wichtigen Ideen, die als kommerziell unattraktiv angesehen werden?

JR Nun, ich gebe Ihnen das beste Beispiel, die Encyclopaedia Britannica. Das war großformatiges Eigentum, als Sie und ich Kinder waren. Jetzt hat sich die Encyclopaedia Britannica vollkommen zu einer Dienstleistung entmaterialisiert. Aus einem marktbasierten Produkt ist eine netzwerkbasierte Dienstleistung geworden. Jetzt klickt man die Website der Encyclopaedia Britannica an! Sie ist eine reine Dienstleistung. Sie ist kein Produkt mehr, das den Besitzer wechselt. Sie sind Teil des Netzwerks Encyclopaedia Britannica.

Das Positive ist, dass sie kostenlos ist, weil kommerzielle Sponsoren ihre Werbung auf bestimmten Seiten dieser Dienstleistung anbringen können. Wenn Sie also „Rom„ anklicken wollen, ist wahrscheinlich American Express auf dieser Seite, um Ihnen einen Urlaub zum Schnäppchenpreis zu verkaufen. Andererseits kann man sich vorstellen, dass nicht allzu viele Menschen „Antikes Sumer„ anklicken. Also werden kaum allzu viele Sponsoren auf dieser Seite sein. Was wird aber in zwei, drei Jahren sein? Wird die Encyclopaedia Britannica ebenso viel Geld ausgeben, um für diese Seite zu recherchieren und sie zu aktualisieren, wenn niemand sie anklickt und keine kommerziellen Sponsoren davon profitieren, dass sie auf dieser Seite sind? Was geschieht mit den Gedanken, die vielleicht sehr wichtig für unsere Geistesgeschichte und unsere kulturelle Identität sind, aber nicht sehr wichtig fürs Geschäft?

Was geschieht mit den Gedanken, die vielleicht sehr wichtig für unsere Geistesgeschichte und unsere kulturelle Identität sind, aber nicht sehr wichtig fürs Geschäft?“ 

DH Manche Menschen sprechen vom Scheitern des Kapitalismus. Es gibt die These, dass Kapitalismus an sich amoralisch ist. Er braucht ein moralisches System, das ihn stützt. Das Christentum war, zumindest in den USA, der Hüter dieser Werte. Also ist ein Scheitern des Kapitalismus eigentlich ein Scheitern des Christentums.

JR Amen! Darüber müsste gepredigt werden. Niemand spricht je darüber. Sie sind der Einzige, der mich auch nur darauf anspricht.

DH Nun, unsere Gesellschaft scheint sich immer mehr von christlichen Werten zu verabschieden.

JR Das liegt daran, dass es seit der Reformation eine enge Beziehung gegeben hat - eine falsche Beziehung -, bei der die Vorstellungen, die dem modernen Kapitalismus zugrunde liegen, und die Vorstellungen, die das Reich Gottes bezeugen, praktisch gleichgesetzt wurden. Sie sind aber nicht tautologisch, dasselbe wiederholend. Tatsächlich sind sie in vielen Dingen Gegensätze. Das eine System beruht auf absolutem Wert und Glauben, das andere auf Nutzwert und Berechnung. Das sind zwei ganz verschiedene Paar Stiefel.