Die Bibel - ein multilinguales Meisterwerk

Religion/Wissenschaft

Die Bibel - ein multilinguales Meisterwerk

 

Jg. 6/Nr. 2

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Beginn des 5. Jahrhunderts finden wir ganze oder fast vollständige Übersetzungen der Bibel in mindestens neun Sprachen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heute existiert die Bibel vollständig oder in Teilen in mehr als 2300 Sprachen und Dialekten und jedes Jahr werden 30 Millionen Exemplare verteilt.

PDF-Version

 

 

 

 

 

Wie kam es dazu, dass die Bibel in so viele Sprachen übersetzt wurde?

 

Die Verbreitung des Wortes Gottes in hunderten von Sprachen hat seit der Zeit, als die einzige Sprache der damaligen Welt in Babel verwirrt wurde (1. Mose 11, 6-9), eine lange Geschichte.

Die Bibel berichtet darüber, dass Gott mit Adam und Eva im Garten Eden sprach, aber wir haben keine Kenntnis darüber, in welcher Sprache sie kommuniziert hatten. Wir wissen, dass Mose dieses Ereignis in der hebräischen Sprache festgehalten hat und dass, von ein paar Ausnahmen abgesehen, das Alte Testament in der Sprache der Stämme Israels verfasst worden ist. Daniel 2, Vers 4 bis Kapitel 7, Vers 28 wurde passend zum Kontext des ganzen Geschehens in Aramäisch, der Sprache des Reiches, in dessen Bereich Daniel damals lebte, verfasst.

Die Dominanz des Hebräischen unter den Juden währte bis in die Zeit, als die mediterrane Welt nach der Herrschaft Alexanders und seiner Nachfolger das Griechische zur Lingua Franka erhob. Im dritten Jahrhundert v. Chr. begannen jüdische Gelehrte in Alexandria, einige der hebräischen Schriften ins Griechische zu übersetzen. Danach schrieben die Juden andere religiöse Texte, von denen viele in den so genannten Apokryphen [griechisch „verborgene (Schriften)“; nicht zum biblischen Kanon gerechnete jüdische oder christliche Zusatzschriften zum Alten oder Neuen Testament] erscheinen, entweder in Hebräisch, Aramäisch oder Griechisch. Schlussendlich wurden noch mehrere Übersetzungen der Heiligen Schrift ins Griechische gefertigt.

Es gilt als ziemlich sicher, dass Jesus mit seinen Jüngern und Zuhörern auf Hebräisch oder Aramäisch sprach. An dem Pfahl, an den Jesus gekreuzigt wurde, ließ der römische Prokurator Pontius Pilatus eine Tafel mit einem Text in Hebräisch, Griechisch und Latein anbringen, d. h. in den allgemein bekannten Landessprachen der Region. Für alle sichtbar stand darauf geschrieben: „JESUS VON NAZARETH, DER KÖNIG DER JUDEN“ (Joh. 19, 19).

Bald nach der Auferstehung Christi, als die Jünger den heiligen Geist empfingen, wurde dies zum Teil dadurch manifestiert, dass die Gläubigen, die in Jerusalem zusammengekommen waren, die verkündete Botschaft gleichzeitig in vielen Sprachen hörten. Diese Juden und Prosyleten waren von verschiedenen Teilen der römisch-dominierten Welt und darüber hinaus angereist und hörten die gute Nachricht vom Kommen des Messias in ihrer eigenen Muttersprache (Apg. 2, 5-11).

Wenige Jahre später zeigten sich Paulus‘ Sprachkenntnisse, als er zum römischen Kommandanten von Jerusalem in Griechisch und kurze Zeit später zu einer jüdischen Menschenmenge in Hebräisch sprach (Apg. 21, 37-40).

Als die Zeit gekommen war, dass die Texte des Neuen Testaments der restlichen Welt des ersten Jahrhunderts übermittelt werden sollten, geschah dies ursprünglich in Griechisch. Während des zweiten Jahrhunderts wurde das Neue Testament für die frühen Christen auch ins Lateinische und Syrische übersetzt, da diese Sprachen in den Gebieten, wo sie wohnten, vorherrschend waren.

Wir sehen also, dass über die Jahrhunderte verschiedene Sprachen dazu dienten, um Gottes Wort des Alten und Neuen Testaments den Umständen entsprechend zu übermitteln.


DIE MITTELALTERLICHEN LANDESSPRACHEN

Die Bibel und biblische Texte wurden angefangen mit dem 4. Jahrhundert in bemerkenswerter Anzahl in verschiedenen Sprachen verbreitet.

Zu dieser Zeit arbeitete der römisch-katholische Mönch Jerome (ca. 347-420) in Bethlehem an der Übersetzung der hebräischen Schriften ins Lateinische, der Sprache des westlichen römischen Reiches. Jerome wurde kritisiert, dass er sich bei seiner Übersetzung mehr auf die hebräischen Manuskripte als auf die griechische Septuaginta oder frühere lateinische Versionen gestützt habe; er setzte dem entgegen, dass seine Übersetzung mehr im Einklang mit dem Original sei. Seine „Vulgata“ (vom Lateinischen editio vulgate, d. h. „allgemeine Version”) wurde für die nächsten tausend Jahre die maßgebliche Bibelübersetzung für das westliche Europa und hat die Arbeit von John Wycliffe und Martin Luther sowie auch die Übersetzung der englischen King James Version stark beeinflusst.

Wenngleich das Lateinische die vorherrschende Hauptsprache des Reiches gewesen sein mag, wurde es keineswegs von allen gesprochen oder verstanden. Am Beginn des 5. Jahrhunderts finden wir deshalb ganze oder fast vollständige Übersetzungen der Bibel in mindestens neun Sprachen.

Jerome übersetzte hauptsächlich die Evangelien und das Alte Testament; trotzdem gab es ab Mitte des 6. Jahrhunderts eine vollständige Bibel in Latein. Die endgültige Version der Vulgata bestand aus Jeromes Übersetzung des Alten Testaments und den von ihm revidierten Evangelien, sowie einer früheren Übersetzung der anderen neutestamentlichen Bücher ins Lateinische. Die Vulgata war so erfolgreich, dass mit Beginn des 7. Jahrhunderts Latein zur bevorzugten Sprache der römischen Kirche wurde. Trotz dieser offiziellen Position wurden daneben weitere landessprachliche Versionen geschaffen, vorwiegend für liturgische Zwecke.

In England wurde Alt-Englisch (Anglo-Saxon) im frühen Mittelalter zur Landessprache. Man sagt, dass es so unterschiedlich zum Englischen ab 1300 war, dass man es im Vergleich damit als Fremdsprache bezeichnen könnte. Ab 600 bis zum 11. Jahrhundert gab es mehrere Männer, die zur Weiterentwicklung von Übersetzungen ins Alt-Englische und seine Dialekte beigetragen haben: Caedmon, Aldhelm, Egbert, Bede, Alfred, Aldred and Aelfric.

Mit dem Auftreten der Normannen (skandinavische und dänische „Nordmänner“), die 1066 von Frankreich her eindrangen, entwickelte sich Mittelenglisch, und die Übersetzung der Bibel in regionale Dialekte wurde fortgesetzt. In der Zeit unmittelbar vor dem Auftreten des Reformers John Wycliffe existierten biblische Texte in Süd-Englisch, West-Midländisch und Nord-Englisch.

Während des Mittelalters wurden auch von anderen Völkern Übersetzungen hergestellt. Im 9. Jahrhundert benutzten die katholischen Missionare Cyrill und Methodius, die aus Thessaloniki gekommen waren, die später als „altes Kirchenslawisch“ bekannt gewordene Sprache, um die Bibel für die Slawen in Mähren zu übersetzen. Obwohl sich die modernen slawischen Sprachen verändert haben, kann man diese alten slawischen Manuskripte der Evangelien, Psalmen und anderer Teile der Bibel immer noch in böhmischen, bulgarischen, kroatischen, mazedonischen, russischen und slowenischen Versionen finden. Die Arbeit von Cyrill und Methodius beeinflusste auch den tschechischen Reformer Jan Hus (ca. 1369-1415), einen Schüler von Wycliffe. Hus benutzte die böhmischen Manuskripte, um eine revidierte Übersetzung der gesamten Bibel in das alte Kirchenslawische zu erstellen.

Als der Massendruck Realität wurde, vermehrten sich Ausgaben der Bibel in verschiedenen europäischen Sprachen. Zwischen 1466 und 1526 kursierten mindestens 14 Ausgaben der gesamten Bibel in Mittelhochdeutsch und mindestens drei in Niederdeutsch und Holländisch. Das Alte Testament war um 1477 in Holländisch erhältlich und auch französische und italienische Ausgaben waren unter den ersten Druckausgaben.


VON DER KLASSIK ZUR MODERNE

Nach dem Fall von Konstantinopel 1453 gab es ein wiedererwecktes Interesse an der klassischen Welt und ihren künstlerischen und literarischen Errungenschaften. Die daraus folgende Renaissance im Studium der originalen Sprachen der Bibel brachte zusätzlich sehr nützliche Hilfsmittel für Übersetzer hervor.

1458 richtete die Universität von Paris einen Studiengang für Griechisch ein. Kurz darauf folgten in Europa das erste Buch für griechische Grammatik (1476), die erste hebräische Bibel (1488), das erste griechische Lexikon (1492), das erste Buch für hebräische Grammatik (1503) und ein hebräisches Lexikon (1506). Zusätzlich erschienen vor 1500 mehr als 80 gedruckte Ausgaben der lateinischen Bibel.

1516 wurde das parallele griechische und lateinische Neue Testament (Novum Instrumentum) von Erasmus publiziert und erreichte zahlreiche Ausgaben. Dieses Werk wurde die Basis für nachfolgende Übersetzungen ins Holländische, Deutsche und Englische. Die spanische Universität Alcalá de Henares (Complutum in Lateinisch) brachte eine bemerkenswerte sechsbändige Bibel heraus, die den Text in parallelen Spalten in Hebräisch, Latein und Griechisch aufzeigte. Diese Bibel enthielt auch zahllose Studienhilfen anderer Art. 600 Exemplare dieser Complutensian Polyglot genannten Ausgabe zirkulierten 1522.

Wie der Bibel-Gelehrte Basil Hall es ausdrückt: „Es gab im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts eine preparatio evangelica, denn zu dieser Zeit war es, und nicht vorher, dass sich eine Kombination der Errungenschaften humanistischer Gelehrten-Drucker zeigte: die Früchte intensiven Studiums der Grammatik und der Syntax dreier Sprachen und die Energie, die durch die ökonomische Entwicklung und den regionalen Patriotismus von Städten, wo die bonae litterae blühte, beigesteuert wurde, nämlich von Basel, Wittenberg, Zürich, Paris, Straßburg und Genf“ (The Cambridge History of the Bible, Vol. 3).

Zur selben Zeit, als Luther Erasmus‘ parallele Übersetzung für sein Neues Testament in Deutsch benutzte (1522) und das Alte Testament in Deutsch fertig stellte (1534), gab es in Europa auch andere Ausgaben in verschiedensten Sprachen. Luthers Bibelübersetzung mit ihrer kraftvollen, aus ostmitteldeutschen und ostoberdeutschen Elementen gebildeten Ausgleichssprache hatte auf die Entwicklung der neuhochdeutschen Sprache großen Einfluss. Er machte die biblische Sprache zu einer für das Volk verständlichen Sprache, die Grundlage seiner Übersetzung beschrieb Luther folgendermaßen: „Man mus die mutter jhm hause, die kinder auff der gassen, den gemeinen man auff dem marckt drumb fragen, vnd den selbigen auff das maul sehen, wie sie reden, vnd darnach dolmetzschen, so verstehen sie es den, vnd mercken, das man Deutsch mit jn redet.“ Wie Tyndale und Shakespeare das Englische hat Luther die deutsche Sprache maßgeblich geprägt. Im Wesentlichen erst im 20. Jahrhundert, also Jahrhunderte später, kamen andere bemerkenswerte Bibelübersetzungen ins Deutsche hinzu, wie die Übersetzung von Dr. Hermann Menge, die auf die Reformation Zwinglis zurückgehende Zürcher Bibel, die als bibeltreu bekannte Elberfelder-Übersetzung oder die in moderner Sprache verfasste Albrecht-Übersetzung und andere.

Als die Briten zur imperialen Weltmacht aufstiegen, nutzten die Missionare diesen Umstand, um ferne Länder zu bekehren. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts übersetzten der englische Baptist William Carey und seine Kollegen die gesamte Bibel oder Teile davon in mehr als 40 Sprachen und Dialekte. In 35 dieser Sprachen war dies die erste Ausgabe der Heiligen Schrift. Was erstaunt, ist, dass sie diese Leistung innerhalb von 30 Jahren schafften. Um diese Aufgabe zu meistern, lernte Carey im Selbststudium Latein, Griechisch, Hebräisch, Französisch, Holländisch, Sanskrit, Bengali, Marathi, Sinhalese und andere Sprachen.

Heute existiert die Bibel vollständig oder in Teilen in mehr als 2300 Sprachen und Dialekten und jedes Jahr werden 30 Millionen Exemplare verteilt. Ohne Zweifel ist es das meistverbreitete, am häufigsten übersetzte und doch am meisten missverstandene Buch.

Sogar, um in unserer eigenen Sprache verstanden zu werden, verlangt dieses Buch einen offenen Sinn und einen zur Umkehr bereiten Geist, bevor die darin enthaltene Weisheit aufgeschlüsselt werden kann.

DAVID HULME

 

Zurück zum Anfang


Tiefgründige soziale Fragen. Philosophische und moralische Werte. Artikel über Ethik, Familie, Geschichte, Gesundheit, Lebenshilfe, Philosophie, Religion, Umwelt und Wissenschaft