Terror – Schuld der Religion?

Philosophien/Theorien/Ethik

Terror –
Schuld der Religion?

 

Jg. 9/Nr. 3

Terror: Can We Blame Religion

 

 

„Terror wurde im letzten Jahrhundert in beispiellosem Ausmaß praktiziert; doch anders als der Terror, der heute am meisten gefürchtet wird, geschah er zu einem großen Teil im Dienst säkularer Hoffnungen.“

—JOHN GRAY, BLACK MASS: APOCALYPTIC RELIGION AND THE DEATH OF UTOPIA

 

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Es gibt Stimmen, die behaupten, die Ursache des heutigen Terrors liege vor allem in der Religion. Aber es scheint doch etwas abwegig, anzunehmen, die Beseitigung aller Formen von Religion würde wirklich dazu führen, den Terrorismus zu beseitigen.

 

Aus den Terroranschlägen der jüngsten Vergangenheit hat die westliche Gesellschaft einen vorschnellen, aber, wie es scheinen könnte, einleuchtenden Schluss gezogen: Um den Terrorismus aus der Welt schaffen zu können, muss man die Motivation der Terroristen herausfinden. Das sollte nicht schwierig sein, meinen viele. Die Urheber der Anschläge in Glasgow, London, Bali, Madrid, New York und anderen Orten haben doch ausnahmslos behauptet, von ihrer Religion inspiriert zu sein. Osama bin Laden z.B. rechtfertigte den Anschlag auf das World Trade Center in New York mit Zitaten aus dem Koran, und Jim Walker von NoBeliefs.com erklärt schlicht und einfach: „Glaube führt zu Terrorismus.“ Wenn Religion also der Grund ist, meinen viele, dann würde die Ausmerzung aller Formen von religiösem Glauben unsere Welt ganz sicher vom Terror befreien.

Auch der Neurowissenschaftler Sam Harris, Autor von Letter to a Christian Nation, ist dieser Meinung. Ihm zufolge propagiert die Religion Mythen, die gefährlich sind, und es ginge der Welt weit besser ohne sie. In einem Essay mit dem Titel „Science Must Destroy Religion“ behauptet er, erst wenn die Religion ausgemerzt sei, „werden wir eine Chance haben, die tiefsten und gefährlichsten Brüche in unserer Welt zu heilen“. An anderer Stelle schreibt er: „Intellektuelle Aufrichtigkeit ist besser (aufgeklärter, nützlicher, ungefährlicher, realitätsnäher usw.) als Dogmatismus. Das Maß, in dem Wissenschaft dem Ersteren und Religion dem Letzteren verpflichtet ist, bleibt einer der auffälligsten und erschreckendsten Widersprüche im menschlichen Diskurs.“

Die neue britische Ausgabe von Letter to a Christian Nation enthält eine Einleitung von dem gefeierten Evolutionisten Richard Dawkins, mit dem Harris offenbar vollkommen übereinstimmt. Dawkins hat in einer britischen Dokumentarsendung mit dem Titel The Trouble With Atheism einmal erklärt: „Ich denke, die Verbrechen, die im Namen der Religion verübt wurden, sind eigentlich die Folge religiösen Glaubens. Ich denke nicht, dass jemand Entsprechendes auch vom Atheismus behaupten könnte.“

Aussagen wie diese werden immer häufiger, während die Gesellschaft nach Erklärungen für die Probleme sucht, die unsere moderne Zeit lähmen und plagen. Die Indizien gegen die Religion scheinen sich zu häufen; und ohne näheres Hinsehen könnte es schwierig sein, zu erkennen, ob religiöser Glaube überhaupt etwas Positives hat. Charles Darwin, Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud vertraten schon vor deutlich mehr als einem Jahrhundert ein rein säkulares Weltbild – wozu brauchen wir die Religion dann noch? Harris, Dawkins und viele andere meinen, Religion sei ein überholtes und gefährliches Relikt, dessen sich eine reife Gesellschaft besser entledigen sollte. Alle Erklärungen, die die Religion einst geliefert habe, biete auch der Säkularismus – ohne die Unvernunft von Gewalt und Hass. Er sei die ruhige, objektive gesellschaftliche Kraft, die die destruktive Religion nie sein könne.

Allerdings scheinen Harris und auch Dawkins zu übersehen, dass Religion nie der einzige Auslöser von Gewalt war. Glühende Verfechter, aber auch Feinde der Religion haben seit Menschengedenken ähnlich destruktiv gehandelt. Menschen beiderlei Überzeugung sind zuzeiten in der unbeugsamen und despotischen Weise vorgegangen, die viele allein der Religion nachsagen. Für jede spanische Inquisition – zweieinhalb Jahrhunderte entsetzlicher ethnischer Säuberung – gibt es einen Sir Francis Galton, den Cousin und Anhänger Charles Darwins, der empfahl, die Schwächsten der Gesellschaft durch Eugenik auszumerzen. Es ist offensichtlich, welchen Einfluss Sir Francis’ Theorie auf seinen erklärten Bewunderer Adolf Hitler hatte.

Schon eine flüchtige Untersuchung säkularer Gesellschaften bringt etliche äußerst widerwärtige und brutale Taten ans Licht – allesamt begangen von Menschen, die religiösen Glauben öffentlich ablehnten. Der politische Philosoph John Gray schreibt: „Terror wurde im letzten Jahrhundert in beispiellosem Ausmaß praktiziert, . . . zu einem großen Teil im Dienst säkularer Hoffnungen“ (Black Mass, 2007).

Die Sowjetunion war eine erklärtermaßen säkulare Gesellschaft. Unter Josef Stalin wurden dort unsagbare Grausamkeiten und Morde begangen. Am Höhepunkt der stalinistischen Brutalität, während des Großen Terrors von 1937-1938, wurden 18 Monate lang Hunderttausende durch Erschießungskommandos getötet. Ungezählte weitere Tausende starben an Hunger, unmenschlichen Zuständen und durch schiere Bösartigkeit. Vom Leben in den Zwangsarbeitslagern der Gulags berichteten nur wenige – u.a. Alexander Solschenizyn und Warlam Schalamow – die trotz sowjetischer Zensur ihre Erfahrungen veröffentlichten.

Solschenizyn erzählt die Geschichte der Anna Skripnikowa, der man am Vorabend ihrer fünften Verhaftung im Jahr 1952 sagte: „Der Gefängnisarzt berichtet, dass du einen Blutdruck von 240:120 hast. . . . Wir werden ihn auf 340 bringen, damit du verreckst, du Viper, und ohne blaue Flecke, ohne Schläge, ohne Knochenbrüche. Wir werden dich einfach nicht schlafen lassen.“

Anna war damals über 50 Jahre alt und hatte aufgrund falscher Anklagen ein Leben in Haft verbracht. Und ihre Geschichte war nur eine von Millionen ähnlichen. Der wirklich Furcht erregende Aspekt des Sowjetterrors ist jedoch, dass es keine Möglichkeit gibt, das Ausmaß seiner Grausamkeit korrekt zu erfassen, denn die sowjetischen Funktionäre waren gehalten, Aufzeichnungen von Leidensgeschichten zu vernichten bzw. nicht anzufertigen.

Ein weiteres Beispiel liefert Frankreich im späten 18. Jahrhundert. Das ist von besonderer Bedeutung, da die Französische Revolution eine starke Inspiration für die Bolschewisten war. Tatsächlich sah Lenin sowohl diese Revolution als auch die Revolutionäre als Vorbilder der Disziplin in seiner neuen bolschewistischen Gesellschaft. Er lernte von „den Jakobinern, die besiegt wurden, weil sie nicht genug Leute guillotinierten; und . . . der Pariser Kommune, die besiegt wurde, weil ihre Anführer nicht genug Leute erschoss“ (Aleksandr Nekrich und Mikhail Heller, Utopia in Power, 1982, 1986). Für viele war die französische Revolte gegen die Aristokratie ein Symbol für das Streben der modernen Welt nach säkularer Freiheit und Fortschritt. Der Schlachtruf der Bewegung, Liberté, égalité, fraternité, ou la mort! (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – oder Tod!), hat seine Kraft über Frankreich hinaus im gesamten Abendland behalten. Viele vergessen jedoch, welche Gräueltaten im Namen dieser säkularen Ideale begangen wurden.

Die Jakobiner sind notorische Beispiele für die Bösartigkeit säkularer Gewaltherrscher. Mit dem Ziel, Frankreich zu entchristianisieren, propagierten einige ihrer Anführer, u.a. Jacques Hébert, Pierre Gaspard Chaumette und Joseph Fouché, Le Culte de la Raison, den fraglosen Glauben an die atheistische Vernunft. Sie beschlossen, ihrer zersplitterten Nation diesen „culte“ aufzuzwingen, doch ihr Enthusiasmus führte zu einem Gemetzel an Tausenden von Männern und Frauen – dem Historiker Christopher Hibbert zufolge den „schlimmsten Ausschreitungen“ der Revolution. Während der Schreckensherrschaft von 1793 kam Fouché – „einer der am meisten gefürchteten Jakobiner“ – letztlich „zu dem Schluss, dass die Guillotine ein zu langsames Instrument für ihre Zwecke war, und ließ über 300 ihrer Opfer durch Kanonenfeuer niedermähen“ (The Days of the French Revolution, 1980, 1999).

Und es gibt auch neuere Beispiele. Saddam Hussein führte die irakische Nation, die laut Gray „durchweg säkular war, [mit] einem Rechtssystem westlichen Stils“. Das hinderte seine Regierung allerdings nicht an unsagbarer Unterdrückung und Brutalität. Einer Schätzung von Human Rights Watch zufolge ließ sie „etwa eine Viertelmillion Irakis, wenn nicht noch mehr, ermorden oder verschwinden“.

Bedeutet dies, dass Atheismus oder Säkularismus an solchen Massenmorden schuld sind? Das ließe sich kaum begründen. Es zeigt einfach, dass in diesen Fällen nicht Religion die Ursache von Gewalt und Terror ist. Die Abwesenheit von Religion war nicht gleichbedeutend mit der Abwesenheit von Gewalt; das beweisen die Schreckensherrschaft der Jakobiner und Stalins Säuberungen. Andererseits zeigen die spanische Inquisition und der islamistische Terror, dass auch Atheismus nicht die einzige Ursache ist. Tatsächlich sind viele Religionsanhänger weitgehend friedlich, ebenso wie viele Säkularisten. Einer der beiden Weltsichten den Drang zu Gewalt nachzusagen, ist eindeutig unvernünftig. Wir müssen tiefer suchen.

Was alle diese Gewaltausbrüche gemeinsam haben, ist ein überwältigender und blind machender Wunsch, anderen seine eigenen Überzeugungen aufzuzwingen. Stalin und Hussein wollten uneingeschränkte Macht; die Jakobiner hofften, wie heute al-Kaida, die Welt zu ihrem eigenen Weltbild zu bekehren. Selbst Dawkins’ und Harris’ jüngste Werke fügen sich in diese Tradition ein – gehören sie doch einem literarischen Genre an, das zu den ideologisch Gewaltsamsten am modernen Büchermarkt zählt. Dieser Wunsch, aggressiv zu unterdrücken, ist nichts Ungewöhnliches; er zeigt sich vom Spielplatz bis zum tyrannischen Regime.

Hätte man Nietzsche gefragt, hätte er die Verantwortung für Krieg und Gewalt unserer eigenen menschlichen Widersprüchlichkeit zugeschrieben. In seinem gewaltigen Werk Also sprach Zarathustra schrieb er: „Der Leib ist eine grosse Vernunft, eine Vielheit mit einem Sinne, ein Krieg und ein Frieden.“ Wie der Wissenschaftler und Theologe Alister McGrath anmerkt, zeigte Nietzsche: „Es scheint etwas in der Natur des Menschen zu geben, das es möglich macht, dass unsere Glaubenssysteme sowohl große Taten der Güte als auch große Taten der Schlechtigkeit inspirieren können“ (Dawkins’ God: Genes, Memes, and the Meaning of Life, 2005). Diese Worte erinnern an die Symbolik der beiden Bäume im biblischen Garten Eden. Adam und Eva zogen es vor, von dem Baum zu essen, der für die Erkenntnis von Gut und Böse stand; und damit begann die Anomalie, von der Nietzsche  schrieb.

Die Ursache von Terror und Gewalt liegt irgendwo in unserem inneren Wesen. Der Apostel Jakobus erklärt dies in seinem Brief, der das älteste apostolische Schreiben ist: „Woher kommt der Kampf unter euch, woher der Streit? Kommt’s nicht daher, daß in euren Gliedern die Gelüste gegeneinander streiten? Ihr seid begierig und erlangt’s nicht; ihr mordet und neidet und gewinnt nichts; ihr streitet und kämpft und habt nichts“ (Jakobus 4, 1-2).

Es ist in der Tat eine gefährliche Vereinfachung und weicht gleichzeitig der Verantwortung für die Welt aus, der Religion die Schuld für Terror und Gewalt zu geben, wie es viele heute allzu gern tun. Viele vergessen, dass Religion, wie sie die meisten von uns kennen, ein menschliches Konstrukt ist, weit weg von den Prinzipien und Werten, die Gott ursprünglich für die Menschheit vorgesehen hatte. So gesehen sind sowohl Religion als auch Atheismus Menschenwerk und folglich einander sehr ähnlich. Dass bei beiden aggressives und grausames Handeln möglich ist, dürfte nicht überraschen, denn beide haben denselben Ursprung: Religion, Atheismus und Terrorismus – sie alle sind Produkte der primären und zuweilen gewalttätigen Natur des Menschen.

DONALD WINCHESTER

 

AUSGEWÄHLTE LITERATUR:
1 John Gray, Black Mass: Apocalyptic Religion and the Death of Utopia (2007).  2 Alister McGrath, Dawkins’ God: Genes, Memes, and the Meaning of Life (2005). 3 Michail Heller & Alexander Nekrich, Utopia an der Macht. Die Geschichte der Sowjetunion von 1917 bis zur Gegenwart, London, 1986. 4 Michail Heller/Alexander Nekrich, Geschichte der Sowjetunion. Erster Band: 1914-1939 von Michail Heller, Königstein/Taunus, 1981.

 

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