Herbst 2012

Ethik & Moral

Moralischer Individualismus

Brian Orchard

Wie entscheidet man, was Gut und was Böse ist?

Moral ist ein Verhaltenskodex, der in einer Gesellschaft gilt. Wer aber entscheidet, was gilt? In früheren Jahrhunderten herrschte generell Einigkeit über eine gemeinsame Vorstellung von Moral, doch die Zeiten haben sich geändert. Die Scheinheiligkeit der organisierten Religion und die Verweltlichung der Gesellschaft haben uns den Halt genommen; wir haben keine gemeinsame Vorstellung von Richtig und Falsch, von Gut und Böse mehr und die Gesellschaft leidet darunter. Ist die Zeit gekommen, dass wir wieder über ein gemeinsames Verständnis von Gut und Böse auf der Grundlage zeitloser, universeller und bewährter Prinzipien nachdenken?

Unter der Leitung der Soziologen Christian Smith und Lisa Pearce arbeitet derzeit ein Forscherteam im Rahmen der „National Study of Youth and Religion“ daran, anhand der vorherrschenden Weltsicht der nachrückenden Generation in den USA zu ermitteln, wohin sich unsere Gesellschaft bewegt. Die Forscher haben die religiöse und spirituelle Entwicklung einer Gruppe junger Menschen seit 2001 beobachtet, ihren Werdegang verfolgt und sie zwischen 2001 und 2008 dreimal befragt. In der dritten Gesprächsserie im Jahr 2008 befragten sie 230 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 23, welche repräsentativ für „jede Region, soziale Schicht, Rasse, Ethnie, Religion, Bildungssituation und familiäre Herkunft“ in den USA waren. Die Ergebnisse wurden unter dem Titel Lost in Transition: The Dark Side of Emerging Adulthood veröffentlicht (in etwa Beim Übergang verirrt: die dunkle Seite des Erwachsenwerdens). Die Befragung umfasste vielfältige Themen, darunter auch Moral, moralische Überzeugungen und die Art, sich moralische Urteile zu bilden.

Im ersten Kapitel jenes Buches mit dem Titel Morally Adrift (Moralisch haltlos) berichten die Autoren, dass ihnen auffiel, „in welchem Ausmaß die meisten von ihnen individualistisch sind, wenn es um Moral geht“; der allgemeine Konsens unter jungen Menschen heute laute, „über andere Leute nicht moralisch zu urteilen, da sie ein Recht auf ihre eigenen Ansichten haben, und sich selbst nicht von anderen beurteilen zu lassen“. Fast die Hälfte von ihnen stimmte der Aussage zu, „Moral ist relativ, es gibt kein definiertes Gut und Böse für alle.“ Für diese jungen Menschen ist Moral „nichts weiter als subjektive, persönliche Meinung oder kultureller Konsens […] Moral ist ein rein gesellschaftliches Konstrukt.“

Ich meine, dass für mich etwas gut ist, weil es sich für mich richtig anfühlt, aber andere Leute fühlen anders, deshalb kann ich nicht für jemand anderen sagen, was gut und was böse ist.“

Ein junger Erwachsener zitiert von Christian Smith, Lost in Transition: The Dark Side of Emerging Adulthood

Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass die Gesellschaft unsere jungen Menschen in Sachen moralische Erziehung generell im Stich lässt: „Junge Amerikaner sind ein benachteiligtes Volk, eine Generation, der man etwas schuldig geblieben ist: moralische Information.“ Das erste Kapitel schließt mit einer Aussage und einer Frage, die durchaus bedenkenswert für die Gesellschaft als Ganzes sind. Diese jungen Menschen, schreiben die Autoren, „brauchen bessere moralische Landkarten und besser ausgerüstete Führer, die ihnen zeigen, wo es langgeht. Die Frage ist: Gibt es solche Landkarten und Führer und können sie eingesetzt werden?“

DAS HÖCHSTE IST DIE MENSCHHEIT 

Junge Menschen heutzutage sind nicht die ersten, die eine individualistische Auffassung von Moral haben. Sie folgen einer langen Tradition, die sich bis zu den frühesten Zeugnissen menschlichen Denkens zurückverfolgen lässt. Spätestens seit der Zeit des griechischen Philosophen Sokrates überliefert die Geschichte die Vorstellungen von Denkern, die glaubten, der Mensch sei von Natur aus fähig, selbst zu erkennen, was Richtig und Falsch – was Gut und Böse ist.

Dann kamen die Zeit der Völkerwanderung und das „finstere Mittelalter“ – eine Epoche, in der die mächtige christliche Kirche das Wissen und das Individuum unterdrückte. Doch gegen Ende des 14. Jahrhunderts stellten sich frühe italienische Humanisten, wie Petrarca und Giovanni Boccaccio, dieser Unterdrückung direkt entgegen und strebten nach intellektueller Freiheit, um die Selbstbestimmung über ihr Leben zu erlangen. Der Geschichtsprofessor Steven Kreis schreibt in seinem umfangreichen Online-Werk History Guide: „Die Epoche vom 14. bis zum 17. Jahrhundert begünstigte die allgemeine Emanzipation des Individuums.“ Er zitiert Dante, Petrarca, Machiavelli und Montaigne als Vorkämpfer „des Wertes von intellektueller Freiheit und individuellem Ausdruck“; dies sei eine Zeit gewesen, in der „Individualismus und der Instinkt der Wissbegierde kraftvoll kultiviert wurden. Ehrlicher Zweifel begann, blinden Glauben zu verdrängen.“ Dieser „Geist des Individualismus“, schreibt Kreis, trug zur Reformation bei, „die zumindest in der Theorie eine konsequente Anwendung des Prinzips Individualismus in der Religion beinhaltete“. Er fasst zusammen: „In dieser Ära des Humanismus kam die Freiheit des individuellen Ausdrucks und des Widerstands gegen Autoritäten erstmals auf und wurde zu einem wesentlichen Bestandteil der intellektuellen Tradition des Abendlandes.“

Diese Epoche der Renaissance – der „Wiedergeburt“ klassischer geistiger Ideale – führte zur Epoche des Rationalismus, aus dem sich im 18. Jahrhundert die Aufklärung entwickelte. Der Weg führt weiter in unsere Zeit mit Begriffen wie Moderne und Postmoderne. Ihnen allen liegt jedoch eine humanistische Überzeugung zugrunde.

Die „American Humanist Association“ (AHA) definiert Humanismus als „eine progressive Lebensphilosophie, die ohne übernatürliche Begründung unsere Fähigkeit und Pflicht vertritt, ein ethisches Leben der persönlichen Erfüllung zu führen, in dem Bestreben, das Wohl der Menschheit zu mehren.“ Sie erklärt: „Humanisten gründen Werte auf dem menschlichen Wohl, geformt durch menschliche Bedingungen, Interessen und Belange.“ Innerhalb der Bewegung gilt es als Pflicht, „jede Person als jemanden zu behandeln, dem ein Wert und eine Würde eigen ist, und in einem Kontext der Freiheit mit Verantwortung informierte Entscheidungen zu treffen.“

Obgleich es nicht immer so war, sind Humanisten heute oft auch Säkularisten, d. h. weltlich orientiert. Der Slogan der AHA lautet zum Beispiel „Good without a God“ (Gut ohne Gott). Im säkularen Humanismus bringt die Emanzipation des Individuums die Freiheit zu individuellem Ausdruck der Persönlichkeit mit sich, ohne die Einschränkungen durch religiöse Moral. Säkularismus wird generell als die Auffassung definiert, dass weder Religion noch religiöse Rücksichten in der Gesellschaft etwas zu suchen haben – sei es in der Politik, der Wirtschaft, der Ethik oder bei moralischen Bewertungen. Selbst diejenigen, die sich als christliche Humanisten oder religiöse Humanisten bezeichnen, sind im Wesentlichen Säkularisten. Das erklärte Ziel der AHA ist menschliche Selbstverwirklichung, aber innerhalb eines religiösen Rahmens: „Dieser mehr am Menschen orientierte Glaube ist weitgehend ein Produkt der Renaissance und gehört zu den Dingen, die den Humanismus der Renaissance ausmachten.“

Es wäre nicht übertrieben, zu behaupten, dass der Humanismus heute eine allgegenwärtige Weltsicht ist. So ist es kein Wunder, dass die Jugend von heute moralisch unsicher ist. Sie wird in einer komplett säkularisierten Welt erwachsen. Nicht nur ihr kulturelles Umfeld und ihr Lernumfeld sind säkular, sondern in vielen Fällen auch die Religion ihrer Familie und die damit verbundenen Praktiken. Einem großen Teil der jungen Menschen werden herzlich wenig moralische Grundlagen mitgegeben, mit deren Hilfe sie Entscheidungen treffen könnten. Stattdessen werden sie angehalten, selbst herauszufinden, was moralisch ist – was Gut und was Böse ist –, und sich ihr eigenes Urteil zu bilden; die Grundlage dafür ist das, was sich jeweils richtig anfühlt, und nicht viel mehr.

JEDEM DAS SEINE 

Wie man erwarten könnte, waren die Reaktionen auf Christian Smiths Bericht unterschiedlich. Einige sehen den Niedergang moralischer Standards als übles Vorzeichen für die Zukunft unserer Gesellschaften. Zu ihnen zählt der Soziologe James Davison Hunter. „Gute Absichten sind ohne Ende vorhanden“, schreibt er in The Death of Character. „Der Vorsatz, unseren Kindern Gutes zu erweisen, ist ernsthaft und unvermindert. Doch am Ende haben wir, während wir unbedingt wollen, dass die Moral blüht und gedeiht, die Pflanze mit der Wurzel aus der Erde gezogen, die sie nährt. Wir wünschen uns so sehr, moralische Qualitäten zu kultivieren, aber unter Bedingungen (darauf beharren wir), die solche Qualitäten letztlich unerreichbar machen.“

Dies ist unser bedauerliches Dilemma: Wir wollen, dass die Blume des moralischen Ernstes blüht, doch haben wir die Pflanze mit der Wurzel aus der Erde gezogen.“

James Davison Hunter, The Death of Character 

Andere sehen in der Entwicklung des moralischen Individualismus kein Problem, empfinden sie sogar als erfreulichen Fortschritt, etwas Erstrebenswertes im Rahmen einer natürlichen moralischen Evolution. Sie sehen das Wachstum des Säkularismus als positive Antwort auf den wahrgenommenen Schaden, den traditionelle, externe Quellen moralischer Werte angerichtet haben.

Wie der Humanismus selbst lässt sich diese Argumentation auf Denker wie Jeremy Bentham (1748-1832) und die Moralphilosophie zurückführen, die als Utilitarismus bezeichnet wird. Der politische Philosoph Michael J. Sandel von der Universität Harvard fasst den Utilitarismus so zusammen: „Sein Hauptgedanke ist einfach zu formulieren und intuitiv ansprechend: Das höchste Prinzip der Moral ist die Maximierung des Glücks – die Optimierung der Gesamtbilanz von Freude und Leid.“

Nach Bentham kam John Stuart Mill (1806-1873), der Benthams Gedanken noch weiterführte. Er schrieb 1859 in seiner Abhandlung On Liberty (Die Freiheit): „Der einzige Teil seines Verhaltens, für den ein Mensch der Gesellschaft gegenüber rechenschaftspflichtig ist, ist derjenige, der andere betrifft. In dem Teil, der allein ihn selbst betrifft, ist seine Unabhängigkeit von Rechts wegen absolut. Über sich selbst, über seinen eigenen Körper und Geist, ist das Individuum souverän.“ Dies klingt bemerkenswert ähnlich wie die Meinung vieler junger Erwachsener in Smiths Studie über Jugend und Religion. Moral ist schon seit sehr langer Zeit keine feste Größe mehr. Unser heutiger Stand hat sich über viele Jahre entwickelt. Smith weist auf eine Selbstverständlichkeit hin: Junge Erwachsene „spiegeln einfach der Welt der älteren Erwachsenen, der etablierten Gesellschaft und Kultur wider, was ihre Vorbilder waren und was man sie gelehrt hat“. Sie seien „gute Schüler“ und nun „begierig darauf, die Vorteile ihres materiellen Überflusses und ihrer Auswahlmöglichkeiten als Verbraucher zu genießen“. Das eigentliche Problem sieht er bei der „etablierten amerikanischen Kultur und ihren Institutionen“. Das etablierte Amerika wendet sich immer mehr dem Säkularismus zu, und dabei bewegt es sich fort von den Ankerpunkten, die dem Leben traditionell eine bestimmte moralische Basis gaben. Der Säkularismus folgt Philosophen wie Bentham und Mill und treibt den moralischen Individualismus stetig voran.

EINE MORALISCHE BASIS 

Warum wird absolute Moral heute so abgelehnt? Erstens, weil keine Einigkeit darüber herrscht, welches die absoluten Werte sind. Zweitens wollen wir uns nicht von irgendeiner Autorität vorschreiben lassen, wie wir zu leben haben. Das ist auch schwer einzusehen, wenn viele Institutionen, die sich absolute Moral auf die Fahnen schreiben, nachweislich selber moralisch bankrott sind. Wie vertritt eine Institution absolute Moralstandards, wenn öffentlich wird, dass die von ihr eingesetzten Autoritätspersonen genau die Standards missachten, die sie verkünden? Wie Smith bemerkt: „Die Vorstellung einer ,absoluten Moral‘ ist mit Uneindeutigkeit befrachtet und daher schwierig zu handhaben. Dies bringt unseres Erachtens viele junge Erwachsene zum Stolpern, und sie fallen der Länge nach in den Relativismus.“

Statt also einfach zu erklären, dass wir nach einem absoluten Moralstandard leben sollten, ist es vielleicht besser, die Standards einmal gründlich zu untersuchen, um festzustellen, ob sie angemessen sind. Hierzu wird es mit Sicherheit nötig sein, nach etwas außerhalb unserer selbst zu suchen, da die derzeitigen Standards, die jeder aus sich selbst nimmt, eindeutig keine Harmonie bewirken.

Sandel gibt Folgendes zu bedenken: „Eine robustere öffentliche Austragung unserer moralischen Meinungsverschiedenheiten könnte eine stärkere, nicht schwächere Basis für gegenseitigen Respekt schaffen. Statt die moralischen und religiösen Überzeugungen, die unsere Mitbürger in das öffentliche Leben einbringen, zu ignorieren, sollten wir uns direkter mit ihnen befassen – manchmal in Form von Infragestellung und Widerspruch, manchmal in Form von Zuhören und Lernen […] Eine Politik der moralischen Auseinandersetzung ist nicht nur ein Ideal, das mehr inspiriert als eine Politik des Ignorierens. Sie ist außerdem eine aussichtsreichere Basis für eine gerechte Gesellschaft.“

Ein öffentlicher Diskurs sollte die aktuelle moralische Verfassung unserer Gesellschaft berücksichtigen; derzeit weit verbreitete Überzeugungen – religiöser oder sonstiger Natur – sollten hinterfragt und angefochten werden: Ist das Leben mit moralischem Individualismus friedlich, glücklich und erfüllt? Tief greifende Forschungsarbeiten wie die von Smith und seinen Mitautorinnen müssen sorgsam ausgewertet werden. Wenn moralischer Individualismus moralischer Fortschritt ist, warum scheitern dann mehr Familien und Ehen als je zuvor? Warum wandern so viele junge Leute ziellos durch das Leben und leiden an Depressionen? Warum ist die Kriminalitätsrate so hoch?

Und wenn wir schon Fragen stellen, könnten wir auch einmal einen unvoreingenommenen Blick auf Prinzipien werfen, die der ganzen Menschheit gegeben worden sind – Prinzipien, die zu unserem Besten gegeben wurden. Der Schöpfer dieses Universums und der Erde ist absolut, ebenso wie sein Gesetz, das in zwei einfachen Grundgeboten zusammengefasst ist: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt“ und „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Matthäus 22, 37 ff.). Alle anderen biblischen Gesetze, die das Verhalten der Menschen regeln, sind von diesen beiden Idealen abgeleitet.

Trotz der Versuche der Menschheit, Gott durch die Entwicklung menschlicher Religionen und Vorstellungen darzustellen, bleibt er, wer er ist: der Offenbarer der Wahrheit und der Lebensweise, mit der wir unser menschliches Potenzial erfüllen können. „Der Ratschluss des HERRN bleibt ewiglich“, sagt uns Psalm 33, 11. Das bedeutet, dass Gott einen Gesamtplan für die Menschheit hat, der gewiss ist. Innerhalb dieses Plans hat er eine moralische Basis für das Leben der Menschen geschaffen, damit wir glücklich sein können. Wenn wir das nicht sind, liegt es vielleicht daran, dass wir das moralische Fundament, das Gott auf den Seiten der Bibel klar niedergelegt und offenbart hat, nicht sehen oder nicht verstehen. Salomon, der König des alten Israel, soll der weiseste Mann gewesen sein, der je gelebt hat, und er verkündete: „Wo keine Offenbarung ist, wird das Volk wild und wüst; aber wohl dem, der auf die Weisung [Gottes] achtet“ (Sprüche 29, 18).

Die Antwort auf Smiths Frage (Gibt es die Landkarten und Führer?) lautet Ja. Wir können ein klares Bewusstsein von Gut und Böse haben, wenn wir den Mut haben, die Ansammlung verkehrter Vorstellungen von Humanismus und Säkularismus beiseite zu lassen und uns dem Wort Gottes zu öffnen.