Sommer 2013

Familie & Beziehungen

Nur so Gefühle?

Gina Stepp

Die Emotionen des Menschen sind in den vergangenen Jahren ein hoch aktuelles Forschungsgebiet geworden, das ein viel umfassenderes Bild davon zeigt, wodurch wir sind, wer wir sind.

In der modernen Geschichte hatten Wissenschaftler zumeist wenig Interesse an der Erforschung von Emotionen. Im besten Fall wurden sie als Mechanismus gesehen, der uns signalisiert, unser Verhalten zu ändern. Furcht könnte uns antreiben, einer Gefahr zu entfliehen; Zorn könnte uns die Kraft geben, uns gegen Feinde zu verteidigen; Empathie könnte nützlich sein, weil sie uns motiviert, anderen zu helfen und den Fortbestand der Menschheit zu sichern. Doch abgesehen davon sahen viele das Emotionale als ein primitives Hemmnis für die wirkliche Arbeit des Gehirns – als Erzfeind des logischen Denkens. Ein seriöser Kognitionswissenschaftler hätte nicht darüber geforscht; ein seriöser Artikel hätte sich nicht damit befasst. Sich mit dem Thema Emotion abzugeben, galt als plüschig, gefühlsduselig, trivial.

Dann kamen die 1960er- und 1970er-Jahre, und einige Nachwuchswissenschaftler fragten sich, ob es möglich sei, Kognition zu verstehen, ohne auch Emotion zu berücksichtigen. Mindestens drei von ihnen studierten an der Harvard University, und jeder von ihnen stand ein wenig auf Kriegsfuß mit der herrschenden, behavioristischen Lehrmeinung. Wenn sie sich „All you need is love“ auch nicht direkt als Motto zu eigen machten, so hatten diese Studenten den Beatles-Refrain doch zumindest im Ohr, als sie die Verbannung der Emotion aus den heiligen Hallen der Wissenschaft infrage stellten.

Einer der Ersten, die so dachten, Daniel Siegel, beschreibt in Mindsight seine Erfahrung, als er zur Harvard Medical School kam: „In meinen ersten beiden Jahren […] wurde ich für ein besonderes Interesse, das ich hatte, peinlich und wiederholt gerügt: Ich nahm mir bei der Patientenbefragung Zeit dafür, die Lebensgeschichte meiner Patienten zu erfahren und mich nach ihren Gefühlen zu erkundigen.“ Hervorragende Ärzte, sagten ihm seine Lehrer, befassten sich nur mit den Fakten: Daten, Krankheit, körperlichen Symptomen. Heute ist Siegel Professor für Psychiatrie und Neurowissenschaftler an der UCLA und ein Pionier im Bereich der interpersonellen Neurobiologie.

Wie Siegel kommentiert auch Daniel Goleman die dominante Denkweise der Zeit. Er promovierte in Harvard, wo er später auch Gastvorlesungen hielt, und schrieb die Bestseller EQ: Emotionale Intelligenz und Soziale Intelligenz. 1995 schrieb er: „In den mittleren Jahrzehnten dieses Jahrhunderts war die akademische Psychologie von Behavioristen vom Schlage B. F. Skinners dominiert.“ Skinner, einer der Väter des Behaviorismus, glaubte, nur Verhalten, das von außen objektiv beobachtbar ist, könne korrekt erforscht werden. Folglich, so Goleman, „verbannten [Behavioristen] das gesamte innere Leben einschließlich der Emotionen aus der Wissenschaft.“

Diesen Stand der Dinge bekam Richard J. Davidson, ein anderer inzwischen prominenter Emotionsforscher und Autor, 1972 in seiner ersten Woche als graduierter Student in Harvard zu spüren. In Warum wir fühlen, wie wir fühlen erzählt er, wie er in einen Aufzug stieg und auf Skinner höchstpersönlich stieß: „Ich wählte meine Etage und merkte sofort, dass ich vor lauter Nervosität den falschen Knopf gedrückt hatte. ,Ich hab’s mir anders überlegt‘, murmelte ich und drückte noch einmal. Woraufhin Skinner sagte: ,Sie haben es sich nicht anders überlegt, mein Sohn, Sie haben Ihr Verhalten geändert.‘“ Obgleich die kognitive Revolution bereits begonnen hatte, den Brennpunkt der Psychologie von der Verhaltensforschung zur Intelligenzforschung zu verschieben, blieb Emotion in der Erforschung des Denkens und des Gehirns tabu. „Zu sagen, die Erforschung von Emotionen sei nicht gerade populär gewesen“, schreibt Davidson, „[…] wäre in etwa vergleichbar mit der Behauptung, die Sahara sei ein wenig trocken.“

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: […] weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; […] lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit.“ 

Prediger 3,1, 4; 8 

Natürlich beschränkte sich die Bevorzugung alles Rationalen nicht auf Harvard. Dennoch begannen diese und andere Forscher einige interessante Fragen zu stellen. Woher kommen Emotionen? Sind sie der Freund oder der Feind der Vernunft? Warum unterscheiden wir uns nicht voneinander in der Art, wie wir emotional auf Ereignisse des Lebens reagieren? Wie lernen wir, unsere Emotionen zu regulieren, und warum müssen wir das?

Mitte der 1990er-Jahre hatten u. a. Antonio Damasio, Joseph LeDoux und Jaak Panksepp begonnen, ihre ersten Erkenntnisse über solche Fragen zu publizieren; das löste die nächste Revolution in der Psychologie aus, und es entstand ein neues Forschungsgebiet: die affektive Neurowissenschaft. Sie ist interdisziplinär; Psychologen und Neurowissenschaftler erforschen gemeinsam die neurale Basis von Emotionen, Persönlichkeit und Stimmung. Diese blühende Wissenschaft hat einige Grundwahrheiten über unseren emotionalen Aufbau ans Licht gebracht: Das menschliche Gehirn ist ein soziales Organ; durch Emotionen kommen wir mit anderen in Verbindung; unsere Beziehungen formen vom ersten Lebenstag an die Struktur unseres Gehirns; unsere emotionalen und sozialen Prozesse sind miteinander verflochten und von zentraler Bedeutung für die Entscheidungsfindung, das Lernen sowie die geistige und körperliche Gesundheit. Diese Entdeckungen haben auch die Mängel herkömmlicher Messverfahren für Intelligenz und Persönlichkeit offenbart, die unsere Erwartungen und damit die Verwirklichung unseres Potenzials dämpfen können.

Andererseits ist die Entwicklung emotionaler und sozialer Intelligenz – und die Erkenntnis unseres „emotionalen Stils“ – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Verwirklichung unseres Potenzials, nicht nur weil wir ein nuancierteres Bild unserer individuellen Talente und Fähigkeiten gewinnen, sondern auch, weil diese Eigenschaften grundlegend dafür sind, wie wir denken, wer wir sind, wie wir unseren Platz in der Welt finden, wie gut unsere Beziehungen mit anderen sind und wie effektiv wir Probleme lösen.

Lange Zeit galten Intelligenz und Persönlichkeit als unveränderbare genetische Gaben (man hat sie mitbekommen oder eben nicht), doch heute wissen wir, dass beides nicht statisch ist. Als Gesellschaft sind wir allerdings noch immer einer sehr engen Sicht beider Aspekte des menschlichen Potenzials verhaftet. Obgleich die Forschung von über 20 Jahren gegen die Aussagekraft von Persönlichkeits- und Intelligenztests spricht, verwenden viele Funktionsträger sie noch immer, um zu entscheiden, wer welchen Arbeitsplatz bekommt und welches Kind bildungsfähig ist. Je mehr wir über den Zusammenhang zwischen Emotion und Menschsein lernen, desto deutlicher zeigt sich, dass unsere Art, an die Frage nach unserem Potenzial heranzugehen, ganz falsch war. Wir haben eine grundlegende Dimension unseres Wesens außer Acht gelassen.

DAS PROBLEM MIT DER INTELLIGENZMESSUNG 

In Descartes’ Irrtum berichtet Damasio von einem Patienten, den er Elliot nennt – einem kompetenten Geschäftsmann, der einen gutartigen Hirntumor gehabt hatte. Der Tumor, der in den Stirnlappen eingedrungen war, konnte zwar entfernt werden, hinterließ aber einen Schaden im Gewebe des Gehirns. Interessanterweise verlor Elliot nicht an Denkfähigkeit. Sein „Grips“ war nicht beeinträchtigt. Doch obwohl er bei Standardintelligenztests hohe Werte erreichte, war seine Persönlichkeit dramatisch verändert. Elliot war ansonsten gesund und intelligent, schreibt Damasio, doch sein Apparat zur Entscheidungsfindung hatte einen irreparablen Schaden davongetragen. Das Ergebnis? „Er konnte kein funktionierendes soziales Wesen mehr sein.“ Aber ist es wirklich möglich, mit so verheerenden sozialen Behinderungen so gut bei Intelligenztests abzuschneiden? Damasio bejaht dies und sagt, es sei eine Realität, die Kliniker seit Langem kennen. Das wirft die Frage auf: Treffen wir jemals eine Entscheidung auf rein kognitiver Ebene?

Wenn der Denkprozess völlig ohne Emotion geschieht, wie es bei bestimmten neurologischen Störungen der Fall ist, ist das Denken noch fehlerhafter, als wenn uns Emotionen bei Entscheidungen Streiche spielen.“

Antonio Damasio, Descartes’ Error

Außerdem wirft Elliots Fall Fragen darüber auf, ob Tests für den Intelligenzquotienten (IQ) – die offenbar gute Voraussagen erlauben, wie wir bestimmte kognitive Herausforderungen zu einem bestimmten Zeitpunkt bewältigen können – tatsächlich Intelligenz messen. Es wird allmählich klar, dass Denkfähigkeit (wie auch IQ-Werte) verbessert werden kann. Leider kann die herrschende Meinung, der IQ sei eine feste Messzahl des geistigen Potenzials, geringe Erwartungen bei Lehrern und dementsprechend selbsterfüllenden Prophezeiungen für Schüler zur Folge haben.

Sowohl die Forschung als auch die Erfahrung im Unterricht beweisen, dass die Erwartung des Lehrers eine Wirkursache für die Leistung des Schülers ist“, schreibt Louis Cozolino 2013 in seinem Buch The Social Neuroscience of Education. Wie funktioniert das? Laut Robert Rosenthal, der an einigen früheren Studien zu diesem Thema beteiligt war, neigen Lehrer dazu, ein wärmeres persönliches Klima zu schaffen, wenn sie von Schülern viel erwarten; sie vermitteln ihnen mehr Stoff; sie rufen sie häufiger auf, lassen sie länger sprechen, arbeiten mit ihnen zusammen, um ihre Antworten zu entwickeln, und geben ihnen detaillierteres, positiveres Feedback.

Cozolino zufolge ist es gerade dieses warme Klima, das die Denkfähigkeit steigert; wir lernen in diesem Kontext am besten, weil Beziehungen unser „natürlicher Lebensraum“ sind. Wie Siegel und andere aufzeigen, regulieren soziale Interaktionen die Biologie der Beteiligten. Angefangen mit unseren Eltern und dann dem größeren Familienkreis, Freunden, Gleichaltrigen, Lehrern bis zu potenziellen Partnern – ständig streben wir nach einem Netz sicherer, unterstützender Beziehungen, die das Umfeld für Neuroplastizität und emotionale Regulierung bilden. In diesem Umfeld können wir lernen und wachsen: Fürsorgliche Beziehungen regen die Produktion von Dopamin, Serotonin, Norepinephrin und Endorphinen an. Außerdem sind sie mit dem Vorhandensein von Oxytocin verbunden. Stress und Angst blockieren dagegen das Lernen. Wenn wir im Modus „Kampf oder Flucht“ sind, schütten wir sehr viel von dem Stresshormon Cortisol aus, und die körpereigenen Ressourcen werden von allen Systemen abgezogen, die nicht überlebensnotwendig sind. Teile des Immunsystems werden abgeschaltet, und Entwicklungsprozesse werden angehalten – auch das Neuronenwachstum im Gehirn. Das schadet uns nicht unbedingt, wenn wir bald danach wieder auf vernünftige Basiswerte zurückkommen. Wenn Stress aber chronisch wird und der Cortisolgehalt im Blut zu lange erhöht bleibt, beginnen sich im Gehirn und im übrigen Körper Folgeschäden zu zeigen.

Das feine Gespür für die emotionale Befindlichkeit anderer […] ist entscheidend für die Empathie und das Mitgefühl, denn nur wenn wir die nonverbalen Signale unserer Mitmenschen zu erkennen und zu deuten wissen, können wir angemessen auf sie reagieren.“ 

Richard J. Davidson und Sharon Begley, Warum wir fühlen, wie wir fühlen 

Sozialer Rückhalt ist der sicherste Weg zurück zu einem gesunden emotionalen Normalzustand, und diesen Rückhalt vermitteln uns Berührungen, Blicke in die Augen und unsere Fähigkeit, Gesichtsausdrücke richtig zu lesen. Unser Gehirn, so erkennen wir jetzt, wird zwar in absolut grundlegender Weise von unseren ersten Bezugspersonen geformt, aber es wird lebenslang durch Beziehungen umgeformt und reguliert. Natürlich hängt der Erfolg dieser Umformung in gewissem Maße von unserer Fähigkeit ab, mit anderen in Beziehung zu treten. Menschen mit sozialer Intelligenz, die dies gut können, schreibt Goleman, sind nicht nur intelligent in ihren Beziehungen, sondern sie gehen mit diesen auch intelligent um und sind fähig, über ihr Eigeninteresse hinaus die Interessen anderer zu sehen. Zudem zeigen sie emotionale Intelligenz – die Fähigkeit, ihre eigenen Emotionen zu kennen und zu beherrschen, aber auch die Emotionen anderer zu erkennen und in Beziehungen auf sie einzugehen. Emotionale Intelligenz und soziale Intelligenz voneinander zu trennen, ist allerdings ein heikles Unterfangen. „Psychologen streiten darüber, welche menschlichen Fähigkeiten sozial sind und welche emotional“, schreibt Goleman. „Kein Wunder: Die beiden Bereiche vermischen sich.“ Davidson geht noch weiter: „Alle Emotionen sind sozial.“

Was wir suchen, wird dann vielleicht gar nicht zu Recht als Intelligenz bezeichnet. Vielleicht ist es etwas Größeres. Cozolino meint, dass es Weisheit ist, die wir anstreben müssen. „Weisheit scheint intellektuelle und emotionale Intelligenz auf eine Weise zu verbinden, die Zusammenhalt, Mitgefühl und Mitmenschlichkeit maximiert“, schreibt er. Und es ist die emotionale, soziale Seite unserer Intelligenz, „die es erlaubt, unseren Intellekt im Dienst anderer zu maximieren“.

Über Weisheit ließe sich noch mehr sagen, aber die Begriffe soziale und emotionale Intelligenz helfen uns wenigstens zu verstehen, wie ein gesundes Gehirn funktioniert. Wir beginnen zu begreifen, wie Emotion und soziale Einbindung zum Lernen beitragen – zur Integration neuen Wissens in Verstehen, Charakter und Weisheit.

Doch welche Stellung hat der Begriff Persönlichkeit hierbei? Wie kommen wir in Verbindung mit Menschen, die ganz anders sind als wir selbst?

EMOTIONALER STIL STATT PERSÖNLICHKEIT 

Zurück zu Elliot: Nach dessen Glanzleistung in den Intelligenztests war Damasio sicher, dass man die Ursache seiner Entscheidungsunfähigkeit mithilfe des klinischen Standardpersönlichkeitstests MMPI (Minnesota Multiphasic Personality Inventory) finden würde. Doch Elliot bestand auch ihn mit Bravour. In allen quantifizierbaren Aspekten war er ein Mann mit normaler Intelligenz und Persönlichkeit, aber er konnte einfach keine Entscheidung treffen. In seiner Ratlosigkeit zog Damasio andere Forscher hinzu, die ein ganzes Arsenal von Problemlösungstests an Elliot ausprobierten; zunächst vergeblich. Es schien, dass Elliot zahlreiche geeignete Handlungsoptionen für alle möglichen Fragen anbieten konnte, von sozialen bis zu moralischen Zwickmühlen. Offenbar war sein intellektuelles Verständnis für soziale und moralische Fragen intakt. Dann sagte Elliot zu Damasio: „Nach alledem wüsste ich immer noch nicht, was ich tun soll!“ Da dämmerte es Damasio, dass wir im realen Leben – anders als in solchen Tests – weiter gehen müssen, als Handlungsmöglichkeiten nur durchzudenken. Im realen Leben sind wir gezwungen, von allen machbaren Optionen eine einzige zur Durchführung zu wählen. Und genau das war es, was Elliot nicht konnte.

Gleichzeitig wurde Damasio auch klar, dass Elliots bemerkenswerte emotionale Zurückhaltung mehr war als Contenance. Weiteres Nachfragen bestätigte, dass Elliot trotz der Umwälzungen in seinem Leben nicht litt. Tatsächlich verspürte er auf gar nichts eine emotionale Reaktion, ob positiv oder negativ. Damasio schreibt: „Man könnte Elliots missliche Lage so beschreiben: wissen, aber nicht fühlen.“ Bildlich gesprochen: Seinen Verstand hatte er noch, aber er hatte sein Herz verloren. Die gleiche Kombination von Behinderungen wurde inzwischen bei anderen Patienten mit ähnlichen Hirnschäden festgestellt. Daraus lässt sich schließen, dass – auch wenn unkontrollierte Emotion natürlich die Vernunft über den Haufen werfen kann – der Ausfall der Emotion verheerende Folgen haben kann.

Dass Elliots Defizite mit Persönlichkeitstests nicht festzustellen waren, wirft allerdings eine weitere Frage auf. Könnte etwas an unserer Fähigkeit, Emotionen zu erleben und zu regulieren, von grundlegenderer Bedeutung für unsere Identität sein als das Konstrukt, das wir als „Persönlichkeit“ bezeichnen?

Davidson ist der Ansicht, dass es so ist, und er nennt diesen fundamentalen Aspekt unseres Wesens emotionaler Stil. Was die Hirnforschung über Emotionen weiß, fasst er in der Aussage zusammen, dass der emotionale Stil eines Menschen davon abhängt, wo er in einem Kontinuum von sechs Dimensionen steht: Resilienz (Belastbarkeit), Grundeinstellung, soziale Intuition, Selbstwahrnehmung, Kontextsensibilität und Aufmerksamkeit. In jeder dieser Dimensionen kann man am oberen Ende, am unteren Ende oder an irgendeinem Punkt dazwischen stehen. Persönlichkeitsmerkmale sind Kombinationen aus diesen emotionalen Stildimensionen. Schüchternheit ist z. B. eine Kombination aus „langsamer Regeneration“ in der Dimension Resilienz und geringer Kontextsensibilität. Optimismus ist eine Kombination aus schneller Regeneration und positiver Grundeinstellung. Mehrere dieser Dimensionen sind erkennbare Aspekte dessen, was Siegel Mindsight (übersetzbar als die innere Sicht) nennt.

Anders als der weniger präzise Begriff „Persönlichkeit“ sind Elemente des emotionalen Stils „jeweils auf ganz spezifische, charakteristische Aktivitätsmuster im Gehirn zurückzuführen“.

„Ein fröhliches Herz macht ein fröhliches Angesicht; aber wenn das Herz bekümmert ist, entfällt auch der Mut.“ 

Sprüche 15,13

Er ist unser Stil als Individuum; keinen von uns gibt es in mehreren Varianten. Aber Individualität anerkennen heißt nicht, dass wir unseren emotionalen Stil als „gegeben“ akzeptieren sollten. Die vielleicht spannendste Erkenntnis, über die die Wissenschaft je gestolpert ist, ist die Tatsache, dass das Material, mit dem wir arbeiten – unser Gehirn – veränderbar ist. Wenn unser emotionaler Stil unsere Fähigkeit hemmt, anderen geistig zu begegnen – dieses Grundbedürfnis des sozialen Gehirns zu erfüllen –, dann können wir unsere Neuroplastizität nutzen, um unseren emotionalen Stil zu verändern. Schüchterne Menschen können lernen, sich in Situationen wohlzufühlen, die sie früher geängstigt hätten; verwegene Personen können lernen, Gefahrensignale zu erkennen und zu beachten. Diese Veränderungen im Gehirn können durch Erfahrungen bewirkt werden, die wir gemacht haben (insbesondere im Kontext fürsorglicher Beziehungen), oder durch wiederholtes Einüben neuer Denkmuster.

Wenn wir verstehen, wie sich der emotionale Stil auf Beziehungen auswirkt, kann uns das dabei helfen, zu akzeptieren, dass andere Menschen emotional oft anders reagieren als wir selbst, und auch zu erkennen, wann (und welche) Aspekte unseres eigenen emotionalen Stils einer Änderung bedürfen. Wie gut wir lernen, einen emotionalen Stil zu verbessern, der uns nicht guttut, könnte tatsächlich ausschlaggebend für die Steigerung unserer sozialen und emotionalen (und sogar kognitiven) Intelligenz sein.

Ob dieser Stil durch unsere genetische Veranlagung oder durch unser Umfeld bestimmt wurde – diese tiefinnerliche Ebene erfordert gezielte Aufmerksamkeit, wenn wir unser Potenzial als Menschen verwirklichen wollen. Wir sind keine rationalen Wesen, die gelegentlich Emotionen haben. Unsere Emotionen sind grundlegend dafür, wer wir sind und wie wir anderen begegnen, wenn wir Beziehungen, die etwas bedeuten, eingehen und aufrechterhalten. Unsere Emotionen sind nicht einfach nur Gefühle: Sie bestimmen, wer wir sind, wohin wir gehen und ob es uns gelingt, gemeinsam dorthin zu gelangen.