Sommer 2010

Familie & Beziehungen

Ein Positives Ich-Gefühl bei Kindern fördern

Gina Stepp

Starke Kinder heranzuziehen ist leichter, als zerbrochene Erwachsene zu reparieren“ – diese Weisheit des amerikanischen Sklavereigegners Frederick Douglass scheint vollkommen selbstevident. Doch Übereinstimmung in der Frage, wie man am besten starke Kinder heranzieht, ist nicht leicht zu finden, obwohl fast jeden Monat ein neues Buch über Kindererziehung erscheint, das neue und welterschütternde Einsichten verheißt, um Kindererziehung ein für allemal einfach zu machen. Allerdings sieht es so aus, als ob jedes Buch nur zum Anwachsen des Literaturbergs beiträgt und Eltern ihre Aufgabe eher schwerer als leichter macht, statt die Erziehung zu vereinfachen. 

Die renommierten Entwicklungsforscherinnen Nancy G. Guerra und Catherine P. Bradshaw haben eine Gruppe von Kollegen um sich gesammelt, um die veröffentlichte Forschung zu sichten und zu einem Konsens darüber zu gelangen, welche Eigenschaften gut angepasste Jugendliche generell kennzeichnen könnten. Das Projekt wurde in Teilen von den U.S. Centers for Disease Control and Prevention unterstützt, und seine Ergebnisse wurden 2008 veröffentlicht. 

Nach einer ausführlichen Bestandsaufname identifizierten die Forscherinnen fünf „Kompetenzen“ als zentrale Elemente positiver Entwicklung von Jugendlichen: ein positives Ich-Gefühl, Selbstbeherrschung, Entscheidungsfähigkeit, ein System moralischer Überzeugungen und prosoziale Verbundenheit. Guerra und ihre Kollegen räumen ein, dass man auch noch andere Eigenschaften anführen könnte, doch die konsistente Botschaft der vorhandenen Forschungsergebnisse lautet, dass Heranwachsende, die diese fünf Kernkompetenzen in hohem Maße aufweisen, weniger zu riskantem Verhalten neigen und besser darauf vorbereitet sind, produktive Erwachsene zu werden. 

Natürlich gibt es zwischen diesen fünf Merkmalen gesunder Entwicklung bei Kindern und Heranwachsenden Überschneidungen; doch bietet jedes von ihnen Gelegenheit zu vielfältigen Erörterungen über die Rolle, die Eltern spielen können. Dieser Artikel wird sich jedoch nur mit dem ersten dieser Merkmale befassen, das seit Jahrzehnten im Mittelpunkt der Diskussionen um die Kindererziehung steht: dem positiven Ich-Gefühl. Es ist eine häufig missverstandene Stärke und umfasst weit mehr als der populäre Begriff der Selbstachtung, die tatsächlich nur eine Komponente eines positiven Ich-Gefühls repräsentiert.

DAS ICH ENTSTEHT  

Laut Philippe Rochat von der Emory University ist ein Kind bereits bei der Geburt nicht ohne Ich-Gefühl: „Säuglinge unterscheiden zwischen Selbstberührung und Fremdberührung, zwischen Reizen, die vom eigenen Körper kommen, und solchen, die von außen kommen.“ Im Alter von zwei Jahren ist das Ich-Gefühl dann so weit entwickelt, dass ein Ich-Bewusstsein entsteht. Ein zweijähriges Kleinkind kann bereits Verlegenheit oder sogar Stolz zeigen. 

Guerra und Bradshaw zufolge tritt das Ich-Bewusstsein, wenn es komplexer wird, in eine Wechselwirkung mit zwei anderen Aspekten des Ich, die einen Einfluss auf die Anpassung haben: die Selbsttätigkeit und die bekanntere Selbstachtung.

Wie das Ich-Bewusstsein beginnt die Selbsttätigkeit – das Gefühl einer Person, ein Ergebnis oder Ereignis selbst und unanhängig steuern zu können – sich in der frühen Kindheit zu entwickeln. Kinder merken sehr früh, dass ihr eigenes Handeln Auswirkungen auf Menschen und Dinge in ihrer Umgebung hat. Diese Erkenntnis reift mit der Zeit, wenn sie erfolgreich Aufgaben bewältigen, indem sie sich Ziele setzen, sich kontinuierlich bemühen und Misserfolge überwinden, um ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen. Durch wiederholte Gelegenheiten, die Wirkungen ihres Handelns zu testen, entwickeln sie Überzeugungen bezüglich ihrer Selbstwirksamkeit – ihrer Fähigkeit, etwas zu vollbringen, wie sie es beabsichtigt haben, oder ein gewünschtes Ergebnis zu bewirken. Dies wiederum bildet die Grundlage für die Motivation eines Kindes, sein Verhalten zu ändern, und ist daher auch zentral für die Entwicklung des anderen Aspekts eines positiven Ich-Gefühls: der Selbstachtung. ​

DIE POPULÄRPSYCHOLOGIE SCHALTET SICH EIN 

In populärpsychologischen Versuchen zur Stärkung der Selbstachtung von Kindern ist die Bedeutung der personalen Selbsttätigkeit und Selbstwirksamkeit leider allzu oft übersehen worden, häufig mit bedauerlichen Ergebnissen.

So brachte eine pensionierte englische Lehrerin, die 37 Jahre lang Grundschulkinder unterrichtet hatte, folgenden Vorschlag bei ihrer Gewerkschaft […] ein: Das Wort „ungenügend“ sollte aus den Klassenzimmern verbannt und durch den angenehmeren Begriff „noch nicht genügend“ ersetzt werden, um den Schülern nicht den Mut zu nehmen, es weiter zu versuchen. Obgleich der Vorschlag letztlich selbst „noch nicht genügte“, gab es unter den 35 000 Mitgliedern der Lehrergewerkschaft durchaus Befürworter. Einer von ihnen meinte begeistert: „Es ist Zeit, dass wir das Wort ungenügend redundant machen und statt dessen sagen: bitte tu etwas mehr.“ Obgleich Psychologen und Forscher der Hauptströmung den Misserfolg seit Langem als wichtigen Schritt auf dem Weg zur Selbstwirksamkeit anerkennen, finden viele Pädagogen offenbar, dass er sich mit der Entwicklung von Selbstachtung bei Schulkindern nicht vereinbaren lässt.

Im gleichen Jahr berichteten mehrere amerikanische Zeitungen über eine weitere Gefahr für die Selbstachtung von Kindern: die Verwendung roter Tinte an staatlichen Schulen. In Trumbull (Connecticut) beanstandeten Eltern die Verwendung roter Tinte, da sie zu stressig sei. Die Schule verbot daraufhin die kränkende Farbe und schrieb stattdessen Blau vor. Hätte es die Schule in Connecticut nur gewusst: Mehrere andere Schulen im ganzen Land hatten bereits einen Kompromiss für das Problem „rote Tinte“ gefunden. Der Boston Globe berichtete: „Farbpsychologen zufolge verkörpert die Farbe Lila – eine Mischung aus Rot und Blau – die Autorität von Rot, aber auch die Assoziation von Blau mit Gelassenheit; daher ist sie eine weniger negative und konstruktivere Farbe für die Korrektur von Schülerarbeiten. Lila macht auf sich aufmerksam, ohne zu aggressiv zu sein. Und da die Farbe mit Kreativität verbunden und eine königliche Farbe ist, ist sie auch ermutigender für Schüler.“

Farbpsychologen“ mögen überzeugt sein, hier etwas entdeckt zu haben. Gewöhnliche Psychologen dagegen erkennen zwar an, dass Farben Einstellungen und Gefühle zeitweise beeinflussen können, würden ihre Relevanz für die Schulpolitik aber skeptisch sehen. Jedenfalls gibt es keine Forschungsergebnisse, die belegen, dass sich Farben dauerhaft positiv oder negativ auf die Selbstachtung auswirken. Wie die meisten anderen populären Vorstellungen von der Förderung der Selbstachtung haben diese „pop-psychologischen“ Ansätze wenig Ähnlichkeit mit dem, was in der Entwicklungspsychologie seit über einem Jahrhundert bekannt ist. Tatsächlich entwickelte der Harvard-Psychologe William James schon 1890 eine Formel für Selbstachtung. Sie berücksichtigt die Rolle der personalen Selbsttätigkeit und wird von heutigen Psychologen noch immer anerkannt. James schrieb: „Unser Selbstgefühl in dieser Welt hängt vollständig davon ab, was wir zu sein und zu tun beweisen. Es wird durch das Verhältnis unserer Realitäten zu unseren angenommenen Möglichkeiten bestimmt.“ Mit anderen Worten: Man kann sich selbst nur gut finden, wenn man seine Sache gut macht. 

SCHRITTE ZUR SELBSTACHTUNG 

Fast drei Viertel eines Jahrhunderts sollten vergehen, ehe Stanley Coopersmith, ein weiterer renommierter Psychologe, das Thema „Selbstachtung“ wieder aufgriff. Er untersuchte es in einer intensiven, sechsjährigen Studie mithilfe einer Vielfalt von Forschungsmethoden und Messverfahren. 1967 erschien das Buch mit seinen Ergebnissen: The Antecedents of Self-Esteem. Coopersmith vertritt die Meinung, in der Kindererziehung sei es notwendig, einen gesunden Respekt vor sich selbst zu fördern; doch selbst er unterstreicht, dass die Eltern der Kinder mit der höchsten Selbstachtung diejenigen sind, die klare Grenzen setzen, hohe Verhaltensstandards definieren – und sie selbst vorleben. 

[Coopersmith] betonte wiederholt, dass Permissivität, die Schaffung einer spannungs- und anforderungsfreien Umgebung – von der viele dachten, sie würde die Selbstachtung fördern – sie tatsächlich verringern würde.“

John P. Hewitt, The Myth of Self-Esteem (1998)

Er anerkennt wie James die Bedeutung der personalen Selbsttätigkeit für die Selbstachtung und schlägt eine vierteilige Definition dessen vor, was Kinder brauchen, um ein positives Selbstbild zu entwickeln. Erstens brauchen sie eine „respektvolle, akzeptierende und fürsorgliche Behandlung“ von den Eltern oder anderen Bezugspersonen. Diese bildet das Fundament für die Fähigkeit des Kindes, sich selbst zu akzeptieren, aber auch die Werte und die Führung dieser Bezugspersonen zu akzeptieren. Als Zweites zeigt Coopersmith die Bedeutung einer „Geschichte der Erfolge“ auf. Diese geben einem Kind eine Vorstellung von der Realität, auf die sich seine Selbstachtung stützen kann. Doch auch ein drittes Element sei noch wichtig: Das Kind brauche „Werte und Ziele“, die ihm persönlich etwas bedeuten, an denen es Erfolge messen kann. Schließlich muss seine „Weise, auf Abwertung zu reagieren“, gesund sein. Mit anderen Worten: Ein Kind muss lernen, mit negativen Bewertungen von anderen angemessen umzugehen und zu glauben, dass es möglich ist, Misserfolge zu überwinden.

Sollen Eltern nun Misserfolge und negative Bewertungen ihrer Kinder erzwingen, um sie zu lehren, wie man mit solchen Erlebnissen umgeht? Es dürfte selbstverständlich sein, dass ein solches elterliches Verhalten äußerst schädlich für das Vertrauen und die Unterstützung wäre, die Eltern-Kind-Beziehungen kennzeichnen sollten. Das Leben selbst konfrontiert Kinder mit genügend Erlebnissen dieser Art. Natürlich wäre es Sache der Eltern, ihre Kinder zu leiten und zu ermutigen, wenn sie bei dem Bemühen, Ziele zu erreichen, auf Hindernisse stoßen. Und während die populäre Meinung bald dafür, bald dagegen ist, Kinder zu loben, stützt die Forschung unverändert die Auffassung, dass verdientes Lob ein wunderbares Mittel sein kann, um positive Handlungsweisen zu verstärken. Dabei ist zu beachten, dass Kinder grundloses Lob durchschauen, wie gut es auch gemeint ist; geschieht diese Art Täuschung ständig, so können sie sogar verdientem Lob gegenüber misstrauisch werden. Wenn sie aber Schritte in die richtige Richtung tun und dies anerkannt wird, werden ihre positiven Bestrebungen verstärkt und sie werden sich weiter bemühen, es richtig zu machen. Doch ob mit oder ohne Lob: Wenn Kinder nie Möglichkeiten bekommen, etwas zu versuchen und letztlich zu schaffen, werden ihre Versuche, etwas auszurichten, aufhören. Psychologen kennen diesen Zustand als „erlernte Hilflosigkeit“.

In den späten 1960er-Jahren untersuchten der Psychologe Martin Seligman und seine Kollegen dieses Phänomen mithilfe der pawlowschen Konditionierung an Tieren. Wenn Hunde lernten, dass sie durch ein bestimmtes Verhalten vermeiden konnten, einen Stromstoß zu bekommen, setzten sie dieses Verhalten fort, auch als sie das erhoffte Ergebnis damit nicht mehr erreichten. Hunde, deren Verhalten nie bewirkt hatte, dass ihnen der Stromstoß erspart blieb, lernten dagegen rasch, „nichts, was ich tue, macht einen Unterschied“ ? sie wurden passiv und gaben jeden Versuch auf, etwas auszurichten. 

Dies ist eine wichtige Einsicht für Eltern bzw. für jeden, der andere in ihrem Bemühen um Veränderung unterstützen will. „Selbstwirksamkeit ist die andere Seite der persönlichen Verantwortung für Veränderung“, schreiben die Motivationsforscher William R. Miller und Stephen Rollnick. „Die Behauptung, jemand sei dafür verantwortlich, seine eigene Veränderung zu beschließen und zu lenken, setzt voraus, dass dieser Mensch dazu in der Lage ist. Er kann sich nicht nur ändern – er muss es, weil niemand sonst es für ihn tun kann.“

Was Miller und Rollnick den „Glaube-Hoffnung-Effekt“ nennen – der Glaube an die eigene Fähigkeit, etwas zu verändern –, ist eine Grundvoraussetzung dafür, sich motiviert zu fühlen, wiederholte Misserfolge zu überwinden und etwas gut zu machen. Die Literatur der klinischen Psychologie kommt immer wieder auf dieses Thema zu sprechen, besonders weil es mit der Stärkung der Selbstachtung zusammenhängt.

DIE BEDEUTUNG DES MISSERFOLGS 

Angesichts der Fülle verfügbarer Forschungsergebnisse ist es bedauerlich und unerklärlich, dass manche Kreise den Aspekt „gut machen“ als Perspektive der Entwicklung von Selbstachtung übergehen und nur den Aspekt „sich gut fühlen“ berücksichtigen. Diese wichtige Unterscheidung betont Seligman in seinem Buch von 1995, The Optimistic Child: A Proven Program to Safeguard Children Against Depression and Build Lifelong Resilience, wo er Depressionen bei Kindern in den Zusammenhang mit Selbstachtung stellt.

Heerscharen von amerikanischen Lehrern und amerikanischen Eltern bemühen sich, die Selbstachtung von Kindern zu fördern“, schreibt er. „Das klingt harmlos genug, aber die Art, wie sie das tun, untergräbt bei Kindern oft das Gefühl für Wert. Sie legen den Akzent darauf, wie sich ein Kind fühlt, auf Kosten dessen, was das Kind tut – etwas bewältigen, beharrlich sein, Frustration und Langeweile überwinden, sich Herausforderungen stellen –, und dadurch machen Eltern und Lehrer diese Generation von Kindern anfälliger für Depressionen.“

Wie ist es möglich, dass gut gemeinte Versuche, Kinder vor schlechten Gefühlen zu schützen, tatsächlich mehr Depressionen zur Folge haben statt weniger? „Jeder Teilmisserfolg, ebenso wie jeder große Misserfolg, bewirkt schlechte Gefühle – ein gewisses Maß an Beklemmung, Traurigkeit und Ärger“, schreibt Seligman. „Diese Emotionen sind, wenn sie gemäßigt bleiben, aufrüttelnd, aber sie sind auch erschreckend. Ihr Kind hat zwei taktische Möglichkeiten, wenn es sich schlecht fühlt. Es kann in der Situation bleiben und handeln – versuchen, die Emotion zu beenden, indem es die Situation verändert. Oder es kann aufgeben und die Situation verlassen. Auch diese Taktik beendet die Emotion, indem sie die Situation ganz entfernt. Die erste Taktik nenne ich Bewältigung, die zweite nenne ich erlernte Hilflosigkeit.“

Der so gefasste Begriff „Bewältigung“ ist leicht erkennbar als eine andere Formulierung für die von Guerra und Bradshaw beschriebene Selbsttätigkeit und Selbstwirksamkeit oder Coopersmiths „Geschichte der Erfolge“ und die gesunde „Weise, auf Abwertung zu reagieren“. In diesem Kontext sind Seligmans Erkenntnisse nicht unbedingt welterschütternd, aber vielleicht drückt er sie klarer aus: „Damit Ihr Kind die Erfahrung des Bewältigens macht“, insistiert er, „muss es scheitern, sich schlecht fühlen und es immer wieder versuchen, bis es Erfolg hat. Keiner dieser Schritte ist vermeidbar. Misserfolg und sich schlecht fühlen sind notwendig, um letztlich Erfolg zu haben und sich gut zu fühlen.“

Im Widerspruch zu den gängigen Behauptungen, mangelnde Selbstachtung sei die Wurzel solcher Übel wie Schulabbruch, Drogenkonsum, Schwangerschaft bei Jugendlichen und Abhängigkeit vom Sozialstaat, argumentiert Seligman, dass es sich tatsächlich umgekehrt verhält: Mangelnde Selbstachtung sei die Folge dieser Übel, nicht die Ursache. „Es gibt keine wirksame Technik dafür, zu lehren, wie man sich gut fühlt, ohne vorher zu lehren, wie man seine Sache gut macht“, schreibt er. „Gefühle von Selbstachtung im Speziellen und Glück im Allgemeinen entwickeln sich als Nebeneffekte – weil man Herausforderungen bestanden, erfolgreich gearbeitet, Frustration und Langeweile überwunden und gewonnen hat. Das Gefühl der Selbstachtung fällt als Nebenprodukt an, wenn man seine Sache gut macht.“ Guerra und ihre Kolleginnen drücken den Aspekt „gut machen“ anhand der Begriffe „Selbsttätigkeit“ und „Selbstwirksamkeit“ aus, doch auch sie sehen diese Kompetenzen als notwendige Voraussetzung für und ein positives Ich-Gefühl.

DIE ROLLE DER ELTERN 

Wenn es für die Selbstachtung so sehr darauf ankommt, seine Sache gut zu machen, wie können Eltern dann die Schritte lehren, die dorthin führen? Seligman bietet eine Fülle praktischer Ratschläge über das gesamte Entwicklungskontinuum, beginnend damit, dass man festes Einwickeln von Babys vermeiden (da es eine ihrer ersten Möglichkeiten beeinträchtige, ihre Fähigkeit zur Einwirkung auf die Umwelt zu erleben) und dass man auf die Bedürfnisse von Babys rasch eingehen sollte. „Lassen Sie Ihren Säugling nicht lange schreien, wenn er hungrig oder nass ist“, mahnt er. „Einer der grundlegendsten Bausteine ist, dass er lernt, dass Schreien funktioniert, um Hilfe zu bekommen.“ Diese Gewissheit, zusammen mit häufiger positiver und zugewandter Interaktion, ist die Basis für eine sichere Bindung zwischen einem Kind und seinen Bezugspersonen. 

Daneben, betont Seligman, sind schon in den ersten Lebenswochen die Erkundung der Umwelt und das Spiel wesentlich für die Entwicklung der Fähigkeit, etwas zu bewältigen. Ein Kind sollte einen sicheren Bereich haben, den es erkunden kann; dieser sollte gemäß dem wachsenden Bewältigungspotenzial des Kindes immer mehr erweitert und mit Spielzeug ausgestattet werden, das nur auf Aktionen des Kindes hin etwas tut. Da dies ein wichtiges Merkmal von Computern ist, erklärt Seligman, sind sie für den Aufbau von Bewältigungskompetenz bei Kindern weit nützlicher als Fernsehen, Radio und Filme. 

Natürlich bietet fast alles, was ein Kind während des Tages tut, Gelegenheit, etwas zu bewältigen – sei es beim Essen, beim Anziehen und bei Interaktionen mit anderen. Und diese Gelegenheiten sollten im Rahmen klarer Grenzen geboten werden, die angemessene Werte definieren, und im Rahmen von Beziehungen, die eine positive emotionale Atmosphäre schaffen. Eine positive Umgebung mit Liebe, Zuneigung und Wärme nährt die Bewältigungskompetenz und Selbstwirksamkeit, denn wenn Kinder sich sicher, glücklich und geborgen fühlen, wagen sie sich in ihren Erkundungen weiter vor; und je mehr sie erkunden, desto mehr bewältigen sie.

Doch wie die Forschung bestätigt, ist es nicht immer ein nahtloser Prozess, Aufgaben zu bewältigen, Angestrebtes zu erreichen oder seinen Zielen und Werten gemäß zu handeln; und dann hängt die Entwicklung eines gesunden Selbstbildes davon ab, wie Kinder lernen, Misserfolge zu verkraften oder zu überwinden. Selbst wenn Eltern anspruchsvolle Aufgaben in kleine, machbare Schritte aufteilen, stoßen Kinder unvermeidlich auf Hindernisse. Wie können Eltern helfen, sie zu überwinden? Weder durch Abschirmung von Misserfolgen noch durch Kritik am Charakter eines Kindes, wenn es scheitert, schreibt Seligman. Kinder lernen die Fähigkeiten, die zum Verkraften von Misserfolgen notwendig sind, wenn die Eltern sie für spezifische Handlungen zur Rechenschaft ziehen – dabei aber vermitteln, dass sie an ihre Fähigkeit glauben, sich zu ändern, ihnen Chancen geben und auch Mut machen, es nochmals zu versuchen.

Kinder „hören zu, wie Erwachsene sie kritisieren, und nehmen den Stil der Kritik ebenso wahr wie den Inhalt“, schreibt Seligman. „Wenn Sie Ihrem Kind vorwerfen, es sei ein Faulpelz, statt dass es sich heute nicht genug Mühe gegeben hat, glaubt Ihr Kind nicht nur, dass es ein Faulpelz ist, sondern dass seine Misserfolge von dauerhaften Faktoren kommen, die es nicht ändern kann.“ Seligman rät, Misserfolge genau und spezifisch, aber als etwas nicht Endgültiges zu bewerten, statt globale, übertriebene, endgültige Schuld zuzuweisen. Auch wenn Eltern über ihre eigenen Misserfolge sprechen, ist es wichtig, sich auf spezifische und zeitlich begrenzte persönliche Begebenheiten zu konzentrieren, denn Kinder übernehmen den Erklärungsstil ihrer Umgebung sehr rasch. 

Die falsche Art, zu kritisieren, wäre z. B. „Du bist ein böser Junge“ oder „Warum tust du nie, worum ich dich bitte?“ Konstruktiv wäre: „Du hast deine Schwester zu viel geärgert“ oder „Ich habe dich gebeten, dein Zimmer aufzuräumen. Warum hast du das nicht getan?“ 

Kinder, denen Misserfolge in Katastrophensprache erklärt werden, lernen paradoxerweise nicht, die Verantwortung für spezifische Handlungen zu akzeptieren. „Du bist ein Chaot“ impliziert für ein Kind, dass es einen Charakterzug hat, der nicht veränderbar ist. „Dein Zimmer ist ein Chaos; räum bitte auf“ kritisiert hingegen das konkrete, veränderbare Verhalten des Kindes und drückt die klare, spezifische Erwartung aus, es zu ändern. Wenn Ihr Kind dies ändert, loben Sie es; aber ebenso wie die Strafe der Missetat sollte auch das Lob dem Erfolg entsprechen. „Wenn Eltern ein Kind belohnen, z. B. mit Lob, was immer das Kind auch tut, lauern zwei Gefahren“, schreibt Seligman. „Erstens kann das Kind passiv werden, da es gelernt hat, dass unabhängig davon, was es tut, Lob kommen wird. […] Zweitens kann das Kind später Schwierigkeiten haben, zu begreifen, dass es etwas tatsächlich geschafft hat, wenn das der Fall ist und die Mutter es aufrichtig lobt.“

Hohle Phrasen wie »Ich bin etwas Besonderes«, »Die Leute mögen mich« und »Mein Leben wird immer besser werden« geben Ihnen vielleicht für einen Moment ein warmes, flauschiges Gefühl, aber sie helfen Ihnen nicht, Ihre Ziele zu erreichen.“ 

Martin E.P. Seligman, The Optimistic Child (1995)

Doch Lob ist nur eine der verschiedenen positiven Techniken, um das Verhalten eines Kindes zu beeinflussen. Wirksam können sowohl positive als auch negative Techniken sein, doch ergab Coopersmiths Forschung 1967, dass die Kinder mit der höchsten Selbstachtung überwiegend Eltern hatten, die positive Techniken zur Verhaltensänderung bevorzugten. Kinder mit geringer Selbstachtung hatten überwiegend Eltern, die negative Techniken schätzten. Wie Coopersmith feststellte, ließen diejenigen Eltern, die primär negative Techniken einsetzten, paradoxerweise ihren Kindern mehr durchgehen und zeigten gleichzeitig einen „Mangel an elterlicher Führung und eine relativ schroffe, respektlose Behandlung. Diese Eltern sind entweder nicht imstande oder nicht willens, Richtlinien für ihre Kinder vorzugeben und durchzusetzen. Sie neigen eher zum Strafen als zum Belohnen, und bei den Verfahrensweisen, die sie anwenden, stehen Zwang und Liebesentzug im Vordergrund. […] Sie sagen, Strafen sei ihr bevorzugtes Mittel der Verhaltenssteuerung, geben aber an, dass sie es generell unwirksam finden.“ 

Es ist wenig wahrscheinlich, dass Erziehungsfehler wie diese ausgestorben sind, seit Coopersmiths Forschung veröffentlicht wurde. In Amerika saßen 2006 nahezu 80 000 Kinder im Alter von 12 bis 18 Jahren in Jugendstrafanstalten ein, wie das U.S. Office of Juvenile Justice and Delinquency Prevention berichtet, und England und Wales verzeichneten zwischen 1989 und 2009 einen Anstieg von 795 % bei den Kindern in Gewahrsam. Angesichts dieser Zahlen ist klar, dass Erziehung zumindest in einigen Ländern der westlichen Welt wohl noch keine exakte Wissenschaft ist. 

DER KERN DER SELBSTACHTUNG 

Wenn ein positives Ich-Gefühl, wie Guerra und Bradshaw erklären, ein zentrales Merkmal gesunder Entwicklung bei Heranwachsenden ist – was kann die Forschung des letzten Jahrhunderts zum Thema „Selbstachtung“ dann Eltern heute sagen? 

Erfolg ist innerer Friede, und der ist das direkte Ergebnis der Zufriedenheit mit sich selbst, weil man weiß, dass man sich angestrengt und das Beste getan hat, zu dem man fähig ist.“

John R. Wooden, Cheftrainer der UCLA-Basketballmannschaft, 1948–1975

Die Antwort scheint enttäuschend einfach. Kinder brauchen klare Werte und Ziele, an denen sie Erfolg messen können; sie brauchen Gelegenheiten, Neues zu erkunden und zu bewältigen; sie brauchen die Fähigkeit, Misserfolg und Enttäuschung zu überwinden. Und sie brauchen all dies im Kontext einer gesunden Bindung an Bezugspersonen, die sie unterstützen und die engagiert genug sind, um klare Grenzen zu setzen, die akzeptables Verhalten definieren.

Im Unterschied zu den Behauptungen, die in populären Erziehungsratgebern oft aufgestellt werden, sind die Forschungsergebnisse, auf die sich diese Auffassung stützt, weder neu noch welterschütternd. Doch die Tatsache, dass sie sich bewährt hat, spricht deutlich für sie.