Sommer 2012

Religion

Das Gesetz, die Propheten und die Schriften, Teil 3

Verschiedene Wege

David Hulme

Die Genesis ermöglicht es uns, vieles von der Welt, die wir bewohnen, zu verstehen. Weil sie die Anfänge und die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft aufzeichnet, bietet sie eine gute Perspektive für unsere heutige Zeit.

Bei unserer Erkundung dieses Buches der Ursprünge sind wir in der Welt direkt nach der Sintflut, vor etwa 4.000 Jahren, angelangt – in der Zeit, als der legendäre König Nimrod begann, Städte zu bauen (1. Mose 10, 10-12). Diese großmächtigen Bauprojekte verkörperten Nimrods antagonistische Haltung gegen Gott. Babylon, seine erste Stadt, ist zum Symbol für alles geworden, was im menschlichen Verhalten gottlos ist, und veranschaulicht das Problem des Bösen in unserer Welt.

Diese frühen Berichte in der Genesis werden von vielen Menschen zwar als Fiktion angesehen, doch archäologische Belege, die Überlieferung von Berichten aus der Antike (viel näher an den beschriebenen Ereignissen als an unserer Zeit) sowie das Zeugnis Jesu Christi und seiner Jünger bestätigen ihre Zuverlässigkeit.

EIN NEUANFANG 

Als die Wiederbevölkerung der Erde nach der Flut begann, zogen die Menschen vom Berg Ararat, auf den die Arche aufgelaufen war, nach Osten – zur Wiege der Zivilisation. Sie bewegten sich auf die große Ebene des Landes Schinar zu (Mesopotamien/Babylonien). Die Genesis kommentiert: „Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache“ (1. Mose 11, 1, Tanach). Unter diesen Umständen, mit einer einheitlichen Sprache, konnte Nimrod Gott zum Trotz viel erreichen, wenn es ihm gelang, die Menschheit für ein gemeinsames Ziel zusammenzubringen. Nimrod organisierte Teams von Städtebauern; statt kaum verfügbarer Natursteine ließ er gebrannte Ziegel und statt Mörtel Asphalt verwenden. Sein ursprünglicher Ehrgeiz war es, eine ummauerte Stadt und einen Turm zu bauen, der den Himmel herausforderte. Er wollte als unabhängig und machtvoll gelten und Gottes Gebot an die Nachkommen Noahs, sich über die ganze Erde zu verbreiten (9, 1, 7), die Stirn bieten. Gott vereitelte Nimrods ursprüngliches Vorhaben; so suchte dieser alternative Standorte für seine Bauvorhaben und bald entstanden andere Städte im benachbarten Assyrien, die zu der Hauptstadt Nineve zusammenwuchsen (10, 11-12). Wie genau Gott eingriff, wird in Kapitel 11 beschrieben.

Mit dem fabrizierten Ziegelstein hat sich der Mensch von dem naturgegebenen Stein und seinen Fundstätten emanzipiert. Mit dem Ziegel beginnt die Kultur, die große Menschenmassen zusammenführt.“

Benno Jacob zitiert Claus Westermann,Genesis. 1. Teilband. Genesis 1–11

Was in den Jahrhunderten vor der Flut geschehen war, war ein steiler Niedergang der Menschheit zu Gewalt und Gottlosigkeit gewesen. Der Schöpfer war so enttäuscht, dass er beschloss, jener Zivilisation ein Ende zu bereiten (s. Das Gesetz, die Propheten und die Schriften, Teil 2). Nun setzte sich in der Welt nach der Flut ein ähnlicher Trend durch. Es hatte nicht lange gedauert – aber Gott hatte versprochen, die Menschheit nicht noch einmal zu vernichten (8, 21-22).

Die Alternative war, die Fähigkeit der Menschen zur Kommunikation und somit ihre Missachtung Gottes einzuschränken. Der Turmbau zu Babel war ein hochmütiger menschlicher Versuch, sich „bis an den Himmel“ zu erheben. Dies erinnert an die Geschichte von Satans Rebellion vor der Erschaffung der Menschen, als er zum Himmel aufstieg, um Gott zu entthronen – der Prophet Jesaja, der dies erklärt, nennt ihn dabei „den König von Babel“ (Jesaja 14, 3-4, 13-14). So kam es, dass die im ersten Kapitel der Genesis erwähnten Gottwesen den schwachen Versuch, sie durch den Turmbau zu erreichen, sahen und vereitelten: „Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!“ (1. Mose 11, 7; das hebräische Wort für „verwirren“ – balal – klingt wie „Babel“). Dies taten sie, weil es mit den Menschen sonst sehr schnell bergab gegangen wäre: „Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun“ (Vers 6). Hier hat das klassische Bild vom Turmbau zu Babel und dem babylonischen Sprachengewirr seinen Ursprung. Die meisten wissen allerdings nicht, dass die eigentlichen Probleme in Babel Arroganz, Hochmut, Undankbarkeit und die Neigung zu einem Leben ohne Gott waren. Was in der Ebene Schinar geschah, war einfach die weitere Entwicklung der menschlichen Zivilisation auf dem „Weg Kains“ (Judas 11). Kain war es, der die erste in der Bibel erwähnte Stadt baute und dessen Nachkommen so gewalttätig und pervers wurden, dass Gott die Flut schickte (1. Mose 4, 17-23).

Der von seinem Schöpfer sich selbst überlassene Mensch ?ist? am schwersten gefährdet durch sein Bestreben, seine geschöpfliche Grenze zu durchbrechen, das Gegenüber zu Gott nicht mehr anzuerkennen, sondern sein zu wollen wie Gott oder mit seinen Werken bis zum Himmel zu reichen.“

Claus Westermann, Genesis. 1. Teilband. Genesis 1–11

DAS ZEITALTER DER PATRIARCHEN BEGINNT 

Der erste Abschnitt von Genesis 11 schlägt eine Brücke zwischen der Welt des Anfangs und dem Zeitalter der Patriarchen. Dem Bericht über die Entwicklungen unmittelbar nach der Flut und den besorgniserregenden Weg, den die Menschheit einschlug, werden dann die Geschichte Abrahams (der zunächst Abram hieß) und der Anfang einer neuen, auf geistlichen Prinzipien beruhenden Gemeinschaft gegenübergestellt. Die Blutlinie des Patriarchen wird durch die beiden Genealogien (toledot, „Generationen“) von Sem und Terach überliefert.

Die toledot des Sem (Hebräisch für „Name“, 1. Mose 11, 10-26) sind der Anfang der Linie bis zu Abram, dem ein neuer Name gegeben wird. Die Perspektive der Geschichte geht dabei vom Allgemeinen zum Einzelnen. Sie verengt sich von verstreuten Völkern bis zu einem Mann. Die Überlebenden der Flut sollten die Erde wieder bevölkern, und ihre Möglichkeiten sind in der Völkertafel umrissen (Kapitel 10). Dreimal seit der Schöpfung hat der Mensch Gott enttäuscht: in Eden, in der Welt vor der Flut und in Babel. Nun soll ein einzelner Mann mit seiner Familie dazu dienen, Gottes Plan für die vom Geist geführte Gemeinschaft zu verwirklichen. Nur Noahs Sohn Sem, der älteste, und seine Blutlinie werden für die Entwicklung dieser Beziehung erwählt. Seine Nachkommen werden später aufgezählt: „Sem, Arpachschad, Schelach, Eber, Peleg, Regu, Serug, Nahor, Terach, Abram, das ist Abraham“ (1. Chronik 1, 24-27). Mehrere der Genannten waren von Bedeutung. In 1. Mose 10 heißt es, Sem sei der „Vater aller Söhne Ebers“ (Vers 21). Die meisten Bibelwissenschaftler verstehen den Namen Eber (bzw. auf Hebräisch Ever) als die Wurzel des hebräischen Wortes für „Hebräer“, Ivrit. Über den Sohn der fünften Generation, Peleg (Hebräisch für „Spaltung“), wird gesagt: Er „hieß Peleg, weil zu seiner Zeit die Erde zerteilt wurde“ (Vers 25). Wahrscheinlich ist damit die Spaltung der Menschheit in verschiedene Sprachgruppen in Babel gemeint.

Wie bereits angesprochen, stand Nimrod für ein Leben gegen Gott. Abraham wird zum Symbol eines ganz anderen Lebens. Die toledot des Terach (1. Mose 11, 27-25, 11) sind sehr lang, weil sie seinen erstgeborenen Sohn Abram betreffen, dessen ausführliche Geschichte einen erheblichen Teil der übrigen Genesis einnimmt.

Mit Kapitel 12 treten dieser Mann und seine wichtigsten Nachkommen in den Mittelpunkt. Gott wird in den nächsten 2.000 Jahren vor allem mit ihnen zu tun haben. In Ur in Chaldäa hatte er dem 75-jährigen Abram geboten: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will“ (12, 1). Dafür, dass Abram diesem sehr direkten Befehl nachkam, hatte Gott versprochen: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (Vers 2-3).

Dies ist Abrahams erste direkte Gottesbegegnung; in einigen späteren wird die Verheißung erweitert. Hier wird ihm prophezeit, was Nimrod ohne Gott haben wollte: ein großer Name. Außerdem soll Abram Stammvater eines Volkes werden und Gottes Segen empfangen. Das Land, in das er ziehen soll, ist an diesem Punkt noch unbekannt. Der Hebräerbrief bestätigt: „Er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme“ (Hebräer 11, 8).

ABRAM UND SARAI 

Dies ist die Abfolge der Ereignisse, durch die Abram in das Land der Verheißung gelangte: Auf seine Berufung durch Gott hin verließ er mit seiner Familie die Stadt Ur (1. Mose 11, 31). Mit seinem Vater Terach reisten sie in die ursprüngliche Heimat der Familie, nach Haran im Nordwesten Assyriens. Dort starb Terach (Vers 32) und Abram war entweder bereits weiter südwärts nach Kanaan gezogen („in ein Land, das ich dir zeigen will“) oder er zog nach dem Tod seines Vaters weiter – die Details sind nicht leicht in Einklang zu bringen (s. 1. Mose 11, 26, 32 und 12, 4 sowie Apostelgeschichte 7, 4). Doch an diesem Punkt hatte er sein Land, seine Familie und sein Vaterhaus hinter sich gelassen und Gottes Segen begann sich zu zeigen.

Mit Abram reisten seine Frau Sarai, Lot, der Sohn seines verstorbenen Bruders Haran, und ihre Diener. Sie zogen durch Kanaan bis zu der Eiche More bei Sichem; dort erschien Gott Abram und versprach, seinen Nachkommen dieses Land zu geben (1. Mose 12, 7). Dies ist die erste Bekräftigung des Abrahamischen Bundes. An jenem Ort errichtete Abram einen Altar für Gott und begründete damit einen Brauch der Patriarchen. Dann reiste er weiter nach Bethel, wo er seine Zelte aufschlug und einen weiteren Altar errichtete (Vers 8), und in das „Südland“ (Vers 9), die Wüste Negev auf dem Weg nach Ägypten.

In Kanaan, dem Land der Verheißung, lebte Abram nun als Nomade. Dies ist symbolisch für sein neues Leben in dieser Welt. Im Hebräerbrief schreibt Paulus: „Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“ (Hebräer 11, 9-10; s. auch Vers 13-16). Im Gegensatz zu Nimrod, der Gott zum Trotz seine eigenen Städte baute und seinen eigenen Vorstellungen vom Leben folgte, wartete Abram auf die geistliche Stadt, die Gott baut, und hielt sich unterdessen an die Wege Gottes.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass Abrams Lebensführung perfekt war. Damals begann er gerade erst, Gott zu folgen, Vertrauen und Glauben zu haben. Er war auf dem Wege zu seinem Ziel. Doch erst zog er nach Ägypten, um einer Hungersnot in Kanaan zu entgehen (1. Mose 12, 10-20) – ein Zeichen der menschlichen Schwäche, aber auch des göttlichen Eingreifens, um ihn zu schützen und zu erhalten. Sarai war nun mindestens 65 Jahre alt und eine sehr schöne Frau. Abram wusste, dass die Ägypter sie entführen und ihn töten könnten; so bat er sie, sich als seine Schwester auszugeben, um sein Leben und ihr Wohlergehen zu schützen. Eine gänzliche Lüge war das nicht – sie war seine Halbschwester (s. 1. Mose 20, 12, wo Abraham diese Halbwahrheit einem anderen Machthaber erzählt), – doch es war eine Täuschung, die etliche Probleme zur Folge hatte. Nicht nur, dass über den Pharao und seine Hausgemeinschaft ein Fluch kam, weil er Sarai ahnungslos zur Frau genommen hatte. In Ägypten kam Abram auch zu Wohlstand und Dienern, die seinem Haushalt noch lange Schwierigkeiten machen sollten. Nach der Freilassung aus Ägypten durch den Pharao gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen Lots und Abrams Hirten um Tiere und Besitz (13, 5-12). Zudem ist es wahrscheinlich, dass eine der Dienerinnen, die Abram in Ägypten erhielt, Hagar war: In späteren Kapiteln ist zu lesen, dass er mit ihr Ismael zeugte, den Stein des Anstoßes zwischen Sarai und Hagar (Kapitel 16). Der daraus folgende Konflikt (Kapitel 21) zwischen Ismael und Isaak – Abrams Sohn mit Sarai – ist eine der Wurzeln der anhaltenden Feindschaft zwischen Juden und Arabern.

Trotz dieser Entwicklungen war Gott entschlossen, seinen Plan für Abram zu verwirklichen und ihn zu segnen, wie er verheißen hatte. Doch enthielt er deshalb Lot, Hagar und Ismael seinen Segen nicht vor: Lot wurde zwar von Krieg führenden Königen benachbarter Gebiete, einschließlich Babylon und Elam, gefangen genommen und seiner Habe beraubt, doch konnte Abram ihn retten und ihm seinen Besitz zurückgeben (Kapitel 14). Gottes Hand schützte und segnete auch Hagar und ihren Sohn Ismael, dem es ebenfalls bestimmt war, der Stammvater eines großen Volkes zu werden (16, 10-12; 17, 20).

In Kapitel 13 befasst sich Gott nun vor allem mit Abram und Sarai. Die Reibungen mit Lot werden dadurch gelöst, dass Abram seinen Neffen wählen lässt, in welcher Gegend er sich niederlassen möchte. Er wählt die wasserreiche, fruchtbare Ebene des Jordantals bei Sodom und Gomorra. Lot lebt zunächst weiter im Zelt, doch sein Zugang zu Sodom bringt ihn später in große Gefahr. Abram zieht mit seinen Herden in das Hochland im Inneren Kanaans (Vers 10-12). Erst nach der Trennung von Lot spricht Gott als Jahwe wieder zu Abram. Dieses Mal verspricht er, Abram und seinen zahllosen Nachkommen für immer das gesamte umliegende Land zu geben (Vers 14-17). Auf diese Bekräftigung und Erweiterung des Bundes hin zieht Abram mit seinen Zelten in das Gebiet bei Hebron, südlich von Jerusalem.

Das nächste Kapitel berichtet über eine Invasion von vier verbündeten Königen und Abrams Sieg über sie. Am Ende des Berichts steht eine persönliche Begegnung Abrams mit einem „Priester Gottes des Höchsten“ (El Elyon) in Jerusalem (14, 18). Der Priester heißt Melchisedek – Hebräisch für „König der Gerechtigkeit“. Bei dieser ungewöhnlichen Begegnung reicht der Priester Abram Brot und Wein und segnet ihn. Daraufhin gibt Abram ihm den Zehnten von seiner Kriegsbeute. Im 1. Jahrhundert n. Chr., als der Hebräerbrief geschrieben wurde, verstanden die Anhänger Jesu, dass Melchisedek eine Inkarnation Jahwes war, der 2.000 Jahre später als Jesus Christus auf die Erde kam (s. Hebräer 7, 1-3; s. auch „Wer ist der Gott des Alten Testaments?“).

Der Bund zwischen Gott und Abram wird in Kapitel 15 erneut bekräftigt: Dort zeigt ihm Jahwe in einer Vision, dass ihm Sarai trotz ihrer Unfruchtbarkeit und Abrams hohen Alters einen Sohn gebären wird, der ihre Blutlinie fortsetzt (Vers 1-6). Mit dieser Verheißung und ihrer Erfüllung wird der nächste Artikel fortfahren.