Winter 2018

Religion

Das Gesetz, die Propheten und die Schriften, Teil 23

Auch Juda fällt

David Hulme

Wie zuvor das nördliche Königreich Israel weigert sich auch Juda, auf die anhaltenden Warnungen der Propheten zu hören. Es wird mehrfach angegriffen, und der größte Teil der Bevölkerung wird gefangen genommen und nach Babylon verschleppt.

In der Zeit, als der assyrische König Salmanassar die nördlichen Stämme Israels unter Hoschea ins Exil verschleppte, kam im südlichen Reich Juda ein ganz anders gearteter König an die Macht.

Mit 25 Jahren erbte Hiskia den Thron von seinem Vater Ahas, und er herrschte 29 Jahre als gottesfürchtiger König. Am Anfang seiner Regierungszeit ließ er den Tempel reinigen, führte dort den Gottesdienst wieder ein und säuberte das Land von heidnischen Kultstätten und kanaanitischen Götzenbildern (2. Könige 18, 1-5; 2. Chronik 29, 1-36). Außerdem führte er die kollektive Feier des Passafestes in Jerusalem wieder ein und ließ auch die Israeliten aus dem Norden, die nach der Eroberung Samariens durch die Assyrer zurückgeblieben waren, dazukommen (2. Chronik 30, 1-27).

Auch in der militärischen Verteidigung war Hiskia klug: Ein Tunnel, der durch Fels gebohrt wurde, um während einer Invasion durch die Assyrer unter Sanherib Quellwasser direkt nach Jerusalem hineinzuleiten, erinnert noch heute an sein strategisches Können (2. Chronik 32, 30; 2. Könige 18, 13). Um den Angreifer zu beschwichtigen, zahlte Hiskia den verlangten Tribut in Silber und Gold aus seinem Haus und aus dem Tempel. Dann entsandte Sanherib Boten und eine große Streitmacht nach Jerusalem, um Hiskias Heerführer zur Kapitulation zu bringen. Um ihre Loyalität zu brechen, sagten die Boten ihnen, sie sollten sich weder von Ägypten noch von Gott Hilfe erhoffen. Hiskia war wegen des drohenden Angriffs niedergeschmettert und suchte Hilfe bei dem Propheten Jesaja (2. Könige 19, 1-5). Jesaja erklärte, die Assyrer würden durch Gerüchte und Unruhe in ihrem Lager verschreckt werden und bald zusehen, dass sie heimkämen.

An dieser Stelle kam ein äthiopischer König namens Tirhaka hinzu und schickte sich an, die Assyrer anzugreifen; diese gerieten nun unter Druck und versuchten nochmals, die Juden zur Kapitulation zu bewegen. Hiskia suchte Hilfe bei Gott und konnte die Konfrontation mit Sanherib dank weiterer Unterstützung durch Jesaja vermeiden. Der Assyrer und seine Männer wurden, wie vorausgesagt, von Furcht übermannt und zogen sich eilig nach Ninive zurück. Dort wurde Sanherib von zweien seiner Söhne ermordet, und ein dritter Sohn namens Asarhaddon folgte ihm auf den Thron (Verse 8-37; 2. Chronik 32, 20-22; Jesaja 37, 21-38).

Im 14. Jahr seiner Herrschaft zog sich Hiskia eine Infektion zu und wurde todkrank. Jesaja kam mit der bestürzenden Botschaft, er solle sein Haus ordnen und sich bereitmachen, zu sterben. Da flehte der König zu Gott, und dieser gab ihm Aufschub; er wies Jesaja an, noch einmal zum König zu gehen und ihm zu sagen, er werde noch weitere 15 Jahre leben, und die Assyrer könnten ihm nichts anhaben (2. Könige 20, 1-6; 2. Chronik 32, 24-26).

Als der babylonische König Berodach-Baladan Boten mit freundlichen Nachrichten und Geschenken schickte, ließ Gott Hiskia nach eigenem Gutdünken antworten, um ihn zu prüfen. Erfreut über die Geste, beging der König die Dummheit, den Besuchern seine gesamten Schätze zu zeigen. Daraufhin kam Jesaja mit einer Warnung: Der Reichtum Judas werde einmal von Babyloniern geplündert werden. Nicht nur das, sondern einige von Hiskias Söhnen würden Eunuchen und Sklaven des babylonischen Königs werden (siehe Daniel 1, 11, 18). Hiskias allzu menschliche Reaktion war Dankbarkeit, dass wenigstens in seiner Zeit Friede herrschen würde (2. Könige 20, 12-19).

In dieser Zeit sandte Gott auch durch einen anderen Propheten Botschaften. Auch Micha warnte vor Judas kommendem Niedergang: „Darum wird Zion um euretwillen wie ein Acker gepflügt werden, und Jerusalem wird zu Steinhaufen werden und der Berg des Tempels zu einer Höhe wilden Gestrüpps“ (Micha 3, 12).

Das Pendel schwingt zurück

Als Hiskia starb, folgte ihm sein zwölfjähriger Sohn Manasse auf den Thron. Er erwies sich als einer der verderbtesten Menschen, die jemals in Juda herrschten. In 55 Jahren richtete er großen geistlichen Schaden an, vergoss unschuldiges Blut und machte viele religiöse Reformen seines Vaters wieder rückgängig. Er führte Juda zurück zum Götzendienst, richtete die Kultstätten auf den Höhen wieder ein und praktizierte Hexerei und Magie; sogar den Tempel von Jerusalem entweihte er (2. Könige 21, 1-9; 2. Chronik 33, 1-9).

Daraufhin machte Gott deutlich, dass eine vernichtende Katastrophe, wie sie die nördlichen Stämme ereilt hatte, auch die übrigen Stämme Israels erwartete: „Ich will an Jerusalem die Messschnur anlegen wie an Samaria und das Lot wie ans Haus Ahab und will Jerusalem auswischen, wie man Schüsseln auswischt, und will’s umstürzen. Und wer von meinem Erbteil übrig bleiben wird, den will ich verstoßen und will sie geben in die Hände ihrer Feinde, dass sie Raub und Beute aller ihrer Feinde werden“ (2. Könige 21, 13-14).

Doch das Ende kam nicht sofort. Manasse wurde von den Assyrern gefangen genommen und nach Babylon verschleppt. So gestraft, bereute er sein Tun; da brachte Gott ihn wieder nach Jerusalem. Während seiner übrigen Regierungszeit schaffte er vieles von seinem Götzenkult wieder ab, ließ das Volk aber die Kultstätten auf den Höhen nutzen, um Gott anzubeten (2. Chronik 33, 10-17).

Manasses Taten lebten nach ihm weiter. Seine Reue konnte den Schaden, den sie im Volk bewirkt hatten, nicht ungeschehen machen. Sie wirkten nach seinem Tod weiter; ihr Einfluss verbreitete und verstärkte sich, bis das Volk vernichtet wurde.“

H.D.M. Spence-Jones (Hrsg.), The Pulpit Commentary: 2 Kings

Manasses Sohn Amon folgte ihm mit 22 Jahren nach, führte aber die Reformen seines Vaters nicht fort. Nach nur zwei Jahren auf dem Thron wurde er von seinen Dienern getötet; sein Nachfolger war sein achtjähriger Sohn Josia – der letzte wahrhaft gerechte König von Juda.

Josia erwies sich im Lauf seiner 31 Jahre auf dem Thron als machtvolle Kraft für das Gute. Mit 16 Jahren „fing er an, obwohl er noch jung war, den Gott seines Vaters David zu suchen“, und als er 20 Jahre alt war, fuhr er fort, Jerusalem und Juda vom Götzenkult zu reinigen. (34, 3). Sechs Jahre später organisierte er die Wiederherstellung des Tempels; es bewegte ihn tief, als dort das Buch des Gesetzes entdeckt wurde und er begriff, welche Schuld das Volk durch den Bruch des Bundes mit Gott und seinen krassen Ungehorsam auf sich geladen hatte.

In seinem Auftrag befragten Priester die Prophetin Hulda und kamen mit der folgenden Botschaft von Gott zurück: „Siehe, ich will Unheil über diese Stätte und ihre Einwohner bringen, alle Worte des Buches, das der König von Juda hat lesen lassen, weil sie mich verlassen und andern Göttern geopfert haben, mich zu erzürnen mit allen Werken ihrer Hände; darum wird mein Grimm gegen diese Stätte entbrennen und nicht ausgelöscht werden“ (2. Könige 22, 16-17; siehe auch 3. Mose 26, 31-32).

Gottes Wort für Josia war spezifisch, dass das Ende für das Volk nicht in seiner Zeit kommen sollte, weil er Gott treu gedient hatte (2. Könige 22, 18-20). Trotzdem war Josia klar geworden, dass über Juda Verdammnis kommen würde, außer wenn es das Gesetz hielt, und deshalb schloss er einen Bund mit Gott. Er merzte den Götzenkult im Land aus. Seine Reform war gründlich: Er setzte die verderbte Priesterschaft ab, verbot sexuelle Riten innerhalb des Tempels sowie die Opferung von Kindern und entweihte die Stätten früherer götzengläubiger Könige bis zurück in Salomos Zeit. Dies schloss Götzenbilder und Kultstätten auf den Höhen und überall in Israel ‒ im Norden und im Süden ‒ ein. Durch eine seiner Maßnahmen ging eine 300 Jahre alte Prophezeiung in Erfüllung: Er zerstörte eine Kultstätte mit Altar und Götzenbild in Bethel, die Jerobeam I. errichtet hatte – mit ihr hatte die Abkehr des nördlichen Israel von Gott begonnen.

Josia rief ein erneuertes Passafest in Jerusalem aus, mit „ganz Juda und allen, die von Israel sich versammelt hatten“ (2. Chronik 35, 18). Es wird berichtet: „Es war kein Passa so gehalten worden wie dies von der Zeit der Richter an, die Israel gerichtet haben, und in allen Zeiten der Könige von Israel und der Könige von Juda“ (2. Könige 23, 22).

Doch trotz Josias Reformen hatte Gott wegen der Sünden der Vergangenheit – besonders unter Manasse – das Ende ganz Israels im Land beschlossen: „Und der HERR sprach: Ich will auch Juda von meinem Angesicht tun, wie ich Israel weggetan habe, und will diese Stadt verwerfen, die ich erwählt hatte, Jerusalem, und das Haus, von dem ich gesagt hatte: Mein Name soll dort sein“ (Vers 27).

Wie Gott versprochen hatte, musste Josia die Verschleppung seines Volkes nicht miterleben. Als der Pharao Necho infolge geopolitischer Ereignisse durch das Land zum Euphrat zog, um die Assyrer gegen die Babylonier zu unterstützen, stellte sich Josia bei Megiddo in Nordisrael den Ägyptern entgegen und wurde tödlich verwundet (Verse 28-30; 2. Chronik 35, 20-24).

Letzte Warnung

Josia wurde in Jerusalem bestattet, und sein Sohn Joahas wurde für drei Monate König. Doch Necho nahm ihn gefangen und ersetzte ihn durch seinen Günstling, Josias 25-jährigen Sohn Eljakim, den er in Jojakim umbenannte. Dieser herrschte elf Jahre und war dem Gesetz Gottes nicht gehorsam, wie es sein Vater gewesen war.

Am Anfang von Jojakims Regierungszeit trat der Prophet Jeremia in Erscheinung und sagte, durch Reue könne die nahe Katastrophe abgewendet werden. Andernfalls werde Gott es mit dem Tempel „machen wie mit Silo und diese Stadt zum Fluchwort für alle Völker auf Erden machen“ (Jeremia 26, 1-6). Uria, ein weiterer Prophet, der Jeremias Worte bestätigte, wurde von Jojakim kurzerhand zum Tod verurteilt (Verse 20-24).

Südliches Königreich Juda, Verschleppung nach Babylon, spätes 7. bis frühes 6. Jahrhundert v. Chr.

Adaptiert von Bound for Exile: Israelites and Judeans Under Imperial Yoke, Mordechai Cogan (2013).

Da Juda nicht hören wollte, folgte im Jahr 605/604 v. Chr. der erste Angriff der Babylonier unter Nebukadnezar auf Jerusalem. Er machte den König für drei Jahre zu seinem Vasallen und verschleppte einen Teil des Adels in seine Hauptstadt (siehe Daniel 1, 1-4). Weil Jojakim dann rebellierte, benutzte Gott Nebukadnezar, um marodierende Banden von Chaldäern, Syrern, Moabitern und Ammonitern aus den Nachbarländern gegen Juda zu schicken. Dies geschah, um die Worte der Propheten zu erfüllen (2. Könige 24, 1-4; siehe auch Jeremia 35, 11).

Jeremia prophezeite auch, dass man um Jojakim nicht trauern würde: „Darum spricht der HERR über Jojakim, den Sohn Josias, den König von Juda: Man wird ihn nicht beklagen: »Ach, Bruder! Ach, Schwester!« Man wird ihn nicht beklagen: »Ach, Herr! Ach, Edler!« Er soll wie ein Esel begraben werden, fortgeschleift und hinausgeworfen vor die Tore Jerusalems“ (Jeremia 22, 18‑19). Wahrscheinlich starb Jojakim während der babylonischen Belagerung Jerusalems im Jahr 597; sein Sohn Jojachin wurde sein Nachfolger.

Jojachin war damals 18 Jahre alt; er regierte nur drei Monate, bis er nach Babylon verschleppt wurde – zusammen mit Tausenden anderen, darunter Verwandten, Adligen, Kriegern und Handwerkern. Jerusalem wurde geplündert, auch die Schätze und die goldenen Gerätschaften aus Salomos Tempel (2. Könige 24, 10-16). Die Invasoren setzten den 21-jährigen Onkel des Königs, Mattania, auf den Thron. Er wurde fortan Zedekia genannt und herrschte weitere elf Jahre.

Häuser und der Königspalast wurden zerstört, die Wehranlagen der Stadt geschleift, aber der vielleicht vernichtendste Verlust war der Tempel. Der Tempel symbolisierte für das Volk die Gegenwart Gottes.“

Iain Provan, V. Philips Long undTremper Longman III, A Biblical History of Israel

Wie sein Vorgänger hörte Zedekia nicht auf Jeremias Worte (2. Chronik 36, 12). Seine Rebellion gegen Babylon und die Aufsässigkeit der Einwohner führten zu der endgültigen Zerstörung Jerusalems (2. Könige 24, 19-20; 2. Chronik 36, 13-21). Im Jahr 587 kamen die Babylonier zurück und belagerten die Stadt 18 Monate lang. Die Folge war eine schlimme Hungersnot. Zedekia floh aus der Stadt, wurde aber gefangen genommen und verurteilt. Er musste der Hinrichtung seiner Söhne zusehen, wurde dann geblendet und in Ketten nach Babylon geführt. Ein großer Teil Jerusalems wurde durch Feuer zerstört, auch der Tempel und das Haus des Königs, und die Stadtmauern wurden zerstört. Die meisten noch übrigen Einwohner Jerusalems wurden gefangen genommen und auf dem Weg nach Babylon getötet, darunter der oberste Priester, sein Stellvertreter, drei Torhüter des Tempels, Heerführer, ein militärischer Anwerber, fünf Vertraute des Königs, einige Bauern sowie etliche jüdische Deserteure (2. Könige 25, 1-21).

Die Babylonier ließen nur ein paar arme Landarbeiter zurück, um das Land zu bestellen. Sie wurden von Gedalja beaufsichtigt, den Nebukadnezar als Statthalter eingesetzt hatte. Auch einige überlebende Hauptleute und ihre Truppen blieben zurück; der Statthalter riet ihnen, mit ihren babylonischen Herren zu kooperieren. Doch einer von ihnen ermordete Gedalja, woraufhin alle noch verbliebenen Einwohner nach Ägypten flohen (Verse 22-26).

Im Gegensatz zu dem Schicksal Hoscheas – des letzten Königs von Israel, der wohl in einem assyrischen Kerker starb – wurde Jojachin nach fast 40 Jahren Gefangenschaft von einem Nachfolger Nebukadnezars freigelassen und durfte für den Rest seines Lebens am Tisch des Königs speisen (Verse 27-30).

Drei große Propheten - Jesaja, Jeremia und Hesekiel - hatten eine Rolle dabei gespielt, vor Judas Niedergang und Gefangenschaft zu warnen. In der nächsten Ausgabe wird das Wirken Jesajas betrachtet.