Herbst 2017

Editorial

Einsichten

Das menschliche Auge sieht nicht alles

David Hulme

Optische Täuschungen sind unterhaltsam und gewöhnlich harmlos. Schauen Sie sich die Grafik oben genau an, und Sie werden schnell merken, dass etwas nicht stimmt. Für sich genommen ist jeder Würfel in Ordnung, aber wenn alle neun so angeordnet sind, wie dort gezeigt, ergibt sich ein unmögliches Dreieck. Es funktioniert einfach nicht, und das ist faszinierend, sogar geistig anregend.

Manchmal kann sich eine optische Täuschung als tödlich erweisen. Am Apex Mountain in British Columbia (Kanada) sind in den vergangenen zehn Jahren mehrere Flugzeuge verunglückt. Eine der Ursachen für die Katastrophe ist eine optische Täuschung, die bewirkt, dass Piloten die Höhe unterschätzen, die das Flugzeug braucht, um über den Berg hinwegzusteigen. Wenn ihnen klar wird, dass es ein Problem gibt, ist es zu spät, um abzudrehen oder weiter zu steigen, und das Flugzeug zerschellt. 

Sinnestäuschungen entstehen durch eine verzerrte Wahrnehmung der äußeren Realität. Sie sind nicht real. Unsere Sinne täuschen uns. Einbildungen dagegen sind etwas anderes. Um sie handelt es sich, wenn wir etwas glauben, das keine Basis in der äußeren Realität hat. In diesem Fall ist es unsere innere Realität, die verzerrt ist.

Einbildungen sind niemals harmlos. Wie manche Sinnestäuschungen können sie sogar gefährlich sein, aber noch mehr als diese. Ein Mann, der sich für einen Messias hält– gesandt, um sein Volk in kritischen Zeiten zu erlösen –, bildet sich seine Großartigkeit ein. Wenn zahlreiche Menschen ihm diese Einbildung glauben, kann er mit seinen Vorstellungen viele auf Abwege führen. Man denke an Hitler, Stalin, Mussolini, Mao, Pol Pot, die Kims. Sie alle haben verblendete Anhänger in die Katastrophe geführt, unterstützt durch eine Art religiöse Manipulation, mit der sie sich einen gottgleichen Status gaben.

Das hat es in der Geschichte immer wieder gegeben. Laut Überlieferung präsentierten die Priester von Pergamos Alexander den Großen als göttiche Inkarnation – einen Gott. Und er schien selbst daran zu glauben: Als er in Ägypten einmarschierte und als Sohn des dortigen Hauptgottes Re empfangen wurde, zementierte dies seine eigene Vorstellung, er sei ein Sohn des Zeus, der griechischen Entsprechung von Re. Natürlich war das eine Selbsttäuschung. Dies beweist die Tatsache, dass der junge Eroberer nur wenige Jahre später tot war.

Heute gibt es eine andere Form der Selbsttäuschung, die tödlich sein kann. Wenn wir uns im Angesicht existenzbedrohender Risiken für alles menschliche Leben vormachen, Wissenschaft und Technologie würden uns schon retten, dann täuschen wir uns selbst. Die Risiken sind bereits zu groß.

Der britische „Astronomer Royal“ (Hofastronom) Martin Rees sieht ein Risiko von 50 %, dass wir bis zum Ende des 21. Jahrhunderts einen schweren Rückschlag erleben werden, verursacht durch Bevölkerungswachstum und/oder eine Katastrophe, an der Hochtechnologie beteiligt ist. Außerdem räumt er ein, dass das Problem im Kern mit Selbsttäuschung zu tun hat.

Es stimmt mit Sicherheit, dass wir uns weigern, wahrzunehmen, was uns betrifft – insbesondere diese Risiken, die so katastrophal sein könnten, dass schon ein einmaliges Ereignis einmal zu viel ist.“

Martin Rees, Interview mit Vision (2017)

Peter Townsend, Professor für Technische Physik, vergleicht Selbsttäuschung mit dem menschlichen Hang zu Untätigkeit im Angesicht großer Gefahr: „Die Menschen spüren den Druck einfach nicht, und dass etwas getan werden muss. Leute, die mit großen Katastrophenszenarien befasst sind, berichten Folgendes: Wenn z. B. ein Tsunami droht, sagt in der Regel die Hälfte der Menschen: „Uns wird das nie betreffen.“ Obwohl also die Beweise da sind und man die Warnung bekommen hat, gehen die Menschen nicht weg und aus dem Weg. Ich denke, dieselbe Untätigkeit findet sich in Hinblick auf all die technischen Errungenschaften und ihre potenziellen Schattenseiten.“

In den nächsten Jahrzehnten wird es von größter Dringlichkeit sein, Realität von Einbildung unterscheiden zu lernen. Im 1. Jahrhundert herrschte im Mittelmeerraum die Pax Romana; diese lange Friedenszeit begann unter Kaiser Augustus. Dass sie einmal enden könnte, war schwer vorstellbar. Damals warnte der Apostel Paulus vor diesem falschen Glauben und schrieb: „Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr – dann wird sie das Verderben schnell überfallen“ (1. Thessalonicher 5, 3). Der Friede hatte ein Ende, und das Römische Reich auch. In unserer Zeit könnte das Gleiche geschehen.

Viele Wissenschaftler sind sehr besorgt. Vielleicht sind Sie es auch. Wenn Sie aus biblischer Sicht mehr erfahren möchten, lesen Sie „Apokalypse jetzt, später oder nie?“ In der Tat: Das menschliche Auge sieht nicht alles.