Herbst 2017

Religion

Luther reformiert

Einheit der Kirche festnageln

Daniel Tompsett

Als Martin Luther vor 500 Jahren seine Opposition gegen als missbräuchlich wahrgenommene Praktiken der römisch-katholischen Kirche publik machte, schien er der Christenheit eine nie heilende Wunde zuzufügen. Heute bemühen sich viele, diese Wunde zu schließen. Ist die ökumenische Bewegung der Weg zu gottgewollter Einheit?

Wir leben in einer Gesellschaft, die Toleranz wertschätzt. Menschen um des Friedens willen so zu akzeptieren, wie sie sind, ist die herrschende Vorstellung von dem geworden, was für die Gemeinschaft gut ist. Diese Art des Denkens strebt nach Einigkeit durch Akzeptieren und lehnt Abgrenzung an fast allen Fronten ab.

Dass wir zu diesem Punkt gekommen sind, ist vielleicht zumindest teilweise eine Reaktion auf die Gewalt und den Hass des 20. Jahrhunderts – das unfassbar Böse des Holocaust, die Säuberungen durch Stalin und Mao sowie den Anstieg des weltweiten Terrorismus. Hass entzweit immer; so scheint es logisch und vernünftig, dass alle und alles unter allen Bedingungen zu akzeptieren Einigkeit bewirkt. Aber trifft es auch zu?

Die Frage bezieht sich auf zahlreiche Aspekte des heutigen Lebens, auch auf die Religion. Ein halbes Jahrtausend, nachdem die Reformation die römisch-katholische Kirche zerrissen hat, beschäftigt die Einheit der Christenheit viele Menschen. Da alle Christen die Bibel als ihre heilige Schrift verstehen, ist es sinnvoll, zu fragen, ob der Weg der Ökumene biblisch fundiert ist.

Mit Nägeln auf die Kirche

Vor 500 Jahren, im Jahr 1517, erhob der Ordensmann und Theologe Martin Luther aus Eisleben seine Stimme gegen Praktiken der römisch-katholischen Kirche, die er als missbräuchlich ansah. Das gängige Symbolbild der Reformation ist Luther, der seine „95 Thesen“ an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg nagelt. Zwar halten manche Forscher diese Aktion für kaum mehr als eine Legende, doch sicher ist, dass Luther am 31. Oktober 1517 seinen Ordensoberen einen Brief schrieb, in dem er sich gegen die kirchliche Praxis des Ablassverkaufs wandte (durch den bekennende Sünder sich ganz oder teilweise von der Strafe freikaufen konnten). Dem Brief fügte er seine berühmte Liste mit den 95 Punkten bei, die als Diskussionsgrundlage dienen sollten.

Luthers Ziel war, den christlichen Glauben wieder auf die Grundlage der Bibel zu stellen. In einer Zeit, in der nur Kleriker, die Latein verstanden, Zugang zu dem Buch hatten, glaubte er, dass es für alle zugänglich sein sollte. Außerdem verurteilte er unbiblische Praktiken wie Ordensgelübde, Zölibat und die Anrufung von Heiligen als Fürbitter.

Nachdem Luther 1521 exkommuniziert worden war, sprach er dem Papst die Autorität ab und vertrat die Priesterschaft aller Gläubigen. Er lehrte, allein der Glaube an Gott könne die Erlösung bringen; Priester hätten keine Sonderstellung und könnten folglich nicht zwischen den Gläubigen und Gott stehen. Sein Bruch mit der Autorität brachte ein demokratisches Prinzip auf, das rasch Verbreitung fand, auch dank des gerade erfundenen Buchdrucks.

Nach langen, blutigen Kämpfen war Europa 1650 zweigeteilt: Der Norden war mehr oder minder evangelisch, der Süden katholisch. Mehrere Jahrhunderte zuvor war das Römische Reich, aus dem der römische Katholizismus erwachsen und mit dem er untrennbar verbunden war, in Ostrom und Westrom zerfallen. Nun hatte sich die westliche Kirche erneut geteilt, zerrissen durch Luther und die anderen Reformatoren. Trotz der klaffenden Spaltung gibt es seit Langem Bestrebungen, sich wieder anzunähern. Dabei werden tendenziell Ähnlichkeiten hervorgehoben und teilweise radikale Unterschiede in Glauben und Praxis heruntergespielt.

Die Speerspitze dieser Einigungsbestrebungen ist der Weltkirchenrat oder Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK). Er wurde 1948 gegründet und ist die Dachorganisation von etwa 348 Kirchen aus 110 Ländern. Insgesamt repräsentieren diese unterschiedlichen Gruppen über eine halbe Milliarde Christen in aller Welt.

Allerdings sind nicht alle Konfessionen darin vertreten. So pflegt die römisch-katholische Kirche, der weit über eine Milliarde Christen angehören, zwar Kontakte mit dem ÖRK, betont aber ihre eigenen Eingliederungsbestrebungen; ihre Führung glaubt, dass im Idealfall alle christlichen Gruppierungen die Autorität Roms akzeptieren sollten. Im September 2017 veranstaltete „Catholic Answers“, „eines der größten Laien-Apostolate in Apologetik und Evangelisation“ in den USA – seine Nationalkonferenz in San Diego unter dem Motto „The Reunion of all Christians“ (Die Wiedervereinigung aller Christen). Das Veranstaltungsprogramm umfasste Vorträge wie „Get Your Friends Across the Tiber!“ (Hol deine Freunde über den Tiber!) mit praktischen Anleitungen, wie man einen Protestanten aus dem Freundes- oder Familienkreis zur römisch-katholischen Kirche führt. In der päpstlichen Enzyklika zur Einheit der Christen wird verkündet,

dass die einzige Kirche Christi in der katholischen Kirche fortbesteht. […] Die volle Einheit wird dann Wirklichkeit werden, wenn alle an der Fülle der Heilsmittel teilhaben werden, die Christus seiner Kirche anvertraut hat.“

(Papst Johannes Paulus II., Ut unum sint, 25. Mai 1995)

Dennoch gibt es bereits deutlich eine erkennbar aktive Zusammenarbeit zwischen katholischen und evangelischen Vertretern. Im Vorfeld des Luther-Jubiläums unterzeichneten die Oberhäupter der römisch-katholischen und lutherischen Kirchen 2016 eine gemeinsame Erklärung, die an die Worte von Papst Johannes XXIII. anknüpft: „Das, was uns verbindet, ist viel stärker als das, was uns trennt.“ Wie Johannes und andere Päpste der jüngeren Vergangenheit betont Papst Franziskus die Ökumene. In seiner Predigt anlässlich jener Unterzeichnung im schwedischen Lund sagte er, Katholiken und Lutheraner hätten „eine neue Chance, einen gemeinsamen Weg aufzunehmen. […] Wir haben die Gelegenheit, einen entscheidenden Moment unserer Geschichte wiedergutzumachen, indem wir Kontroversen und Missverständnisse überwinden, die oft verhindert haben, dass wir einander verstehen.“ Dieses Ereignis leitete ein Jahr solcher Bemühungen im Vorfeld des 500. Jahrestages ein, die in einen Bericht mit dem Titel „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ mündeten. In diesem gemeinsamem Bericht der römisch-katholischen und der lutherischen Kirchen steht zu lesen: „Im Jahr 2017 werden wir offen bekennen müssen, dass wir vor Christus schuldig geworden sind, indem wir die Einheit der Kirche beschädigt haben. Dieses Gedenkjahr stellt uns vor zwei Herausforderungen: Reinigung und Heilung der Erinnerungen und Wiederherstellung der christlichen Einheit in Übereinstimmung mit der Wahrheit des Evangeliums von Jesus Christus.“

Auch anderen ist es wichtig, den ökumenischen Gedanken weiterzuverbreiten. Diesem Zweck dient der Weltreligionstag, den Kirchen in aller Welt im Januar begehen. Er wurde 1950 von der Religionsgemeinschaft der Bahá’í eingeführt, um ihren Glauben an die mystische Einheit der Religionen und der Menschheit zu bekunden. Angesichts der vielen religiös begründeten Kriege der Menschheitsgeschichte ist die Motivation solcher Bestrebungen leicht einzusehen. Schließlich kann es kein Problem sein, wenn alle versuchen, Einendes statt Entzweiendes in den Vordergrund zu stellen – oder?

Die Einheit, die gemeint war

Das Lexikon erklärt, dass Ökumenismus das Streben nach Einheit unter den christlichen Kirchen der Welt ist. Aber was sagt die Bibel? Anders ausgedrückt: Ist Gott ökumenisch?

Das Wort Ökumenismus ist von dem griechischen oikoumene (gesamte bewohnte Welt, wörtlich „das Bewohnte“) abgeleitet. Zur Zeit des Neuen Testaments bezeichnete dies das Römische Reich im Sinne der zivilisierten Welt, und es kommt an mehreren Stellen vor. Eine bezieht sich auf die Endzeitereignisse, wie Jesus sie beschreibt: „Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt [oikoumene] zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen“ (Matthäus 24, 14). Im Neuen Testament ist auch von dem Wesen namens Satan die Rede: „Satan, der die ganze Welt [oikoumene] verführt“ (Offenbarung 12, 9). Der Bibel zufolge bezieht sich das Wort also auf die ganze Welt, insbesondere die Massen, die nicht der Kirche angehörten, die Christus im 1. Jahrhundert gründete. Ausgehend von dieser biblischen Bedeutung wandelte sich die Verwendung des Wortes durch die Christen im Römischen Reich allmählich, und schließlich bekam es die Bedeutung „die geeinte Christenheit“.

Was sagt nun die Bibel über die Einheit der Christen? Was genau waren die Praxis und der Glaube der Urkirche in dieser Hinsicht?

Der Apostel Johannes macht deutlich, dass Gott per definitionem nicht Einheit um jeden Preis will: „Wenn jemand zu euch kommt und bringt diese Lehre nicht [die der Apostel direkt von Jesus Christus empfangen hatte], nehmt ihn nicht ins Haus und grüßt ihn auch nicht“ (2. Johannes 1, 10). Im Fall abweichender Lehren heißt es eindeutig nicht „Setzen wir uns zusammen und machen wir was auf der Basis unserer Gemeinsamkeiten“. Tatsächlich ist das Neue Testament voller Ermahnungen, die ganz klar besagen: Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“ (Epheser 4, 4-5). Diese Einheit sollte nicht dadurch kompromittiert werden, dass man verschiedene Lehren zusammenschusterte oder auch nur tolerierte.

Die Realität der Urkirche ist diese: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet“ (Apostelgeschichte 2, 42, kursiv vom Autor). Paulus ermahnte sie, „dass ihr euch in Acht nehmt vor denen, die Zwietracht und Ärgernis anrichten entgegen der Lehre, die ihr gelernt habt, und euch von ihnen abwendet“ (Römer 16, 17). Seinen Mitarbeiter Timotheus wies Paulus an, „einigen zu gebieten, dass sie nicht anders lehren“ (1. Timotheus 1, 3). Es dürfte schwerfallen, für Ökumenismus oder Einheit unter allen Bedingungen zu plädieren, wenn die Apostel selbst ermahnten, jene zu meiden, die aktiv von der Lehre und Praxis Jesu und der Apostel abweichende Lehren verbreiteten.

Ich wundere mich, dass ihr so rasch dem abspenstig werdet, der euch in der Gnade Christi berufen hat, und euch einem anderen Evangelium zuwendet, das es gar nicht gibt. Was es hingegen gibt, sind einige, die euch verwirren und die das Evangelium Christi verdrehen wollen“.

(Galater 1, 6-7, Zürcher Bibel)

Als wollte er jeden Zweifel ausräumen, wiederholte Paulus in seinem Brief an die Galater zweimal dieses Prinzip: „Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht“ (Galater 1, 8‑9). Er bestand darauf, „dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht von menschlicher Art ist. Denn ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi“ (Verse 11-12).

Jesus selbst hat sehr deutlich gesagt, dass es durchaus möglich sei, ihn auf eine völlig nutzlose Art anzubeten. Mit einem Zitat von Jesaja bezeichnete er seine Zuhörer als „Heuchler“: „Vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts als Menschengebote sind“ (Matthäus 15, 7-9). Damit sprach er direkt die Schriftgelehrten und Pharisäer seiner Zeit an, aber das Prinzip gilt für alle, die das Wort Gottes (wie es uns durch Christus und die Urkirche gegeben ist) anhand menschlicher Vorstellungen, Anliegen und Traditionen umdeuten. In Wirklichkeit liegt es daran, dass so viele aber genau das getan haben und somit die Christenheit heute in Tausende von Konfessionen und Sekten zersplittert ist.

Wenn tatsächlich alle diese Kirchen mehr oder weniger von den ursprünglichen Lehren Jesu und der Apostel abgewichen sind, dann lässt sich der Bruch aus biblischer Sicht einfach nicht dadurch heilen, dass man die Unterschiede ignoriert und sich auf das konzentriert, was sie gemeinsam haben mögen. Mit Sicherheit wäre es eine bessere Strategie für alle, die nach Einheit im biblischen Sinn streben, von Menschen hinzugefügte Traditionen und Dogmen über Bord zu werfen und zu dem zurückzukehren, was die heilige Schrift selbst lehrt. Ist das nicht die einzige Basis, auf der gottgemäße Einheit erreicht werden kann?