Sommer 2017

Editorial

Einsichten

Sonnenflecken und blinde Flecken

David Hulme

Im 19. Jahrhundert führte eine ungewöhnlich starke Aktivität von Sonnenflecken zu einem Zusammenbruch der Kommunikation in ganz Europa und den USA. Das Carrington-Ereignis – so benannt nach dem Hobbyastronomen, der es aufzeichnete – brachte weite Teile der Telegrafensysteme in aller Welt zum Erliegen. Dass Sonnenflecken aktiv werden, ist an sich nicht selten, aber die Größenordnung des Sonnensturms von 1859 und die Tatsache, dass er direkt die Erde traf, waren ungewöhnlich.

Da die Gesellschaft damals weit weniger von elektronischen Geräten abhängig war als wir heute, waren die Auswirkungen des heftigen Sonnensturms nicht katastrophal. Sollte ein solches Ereignis allerdings heute eintreten und direkt die Ostküste der USA treffen, könnte es einen großen Teil der Stromversorgung und die meisten Computer ausschalten. Die Kosten werden auf Billionen Dollar geschätzt, die Behebung der Schäden dürfte drei Monate bis drei Jahre dauern. Bei einem Workshop der National Academy of Sciences zu diesem Thema bemerkte der Sonnensturmexperte John Kappenman 2008: „Ein Ereignis, das das Stromnetz für lange Zeit lahmlegen könnte, könnte eine der größten Naturkatastrophen sein, mit denen wir konfrontiert werden könnten.“

Die Welt des 21. Jahrhunderts ist weit anfälliger, als wir vielleicht denken. Die meisten von uns ziehen es vor, für diese Realität blind zu sein. Doch viele Wissenschaftler untersuchen heute solche Risiken und haben Forschungsgemeinschaften gebildet, um Möglichkeiten zu untersuchen, wie sich Existenzgefährdungen aller Art umgehen lassen. Ein solches Forschungszentrum ist das Centre for the Study of Existential Risk (CSER) der Cambridge University. Einer der Mitbegründer war 2012 der britische Hofastronom Sir Martin Rees, dessen Zielsetzung es ist, die Öffentlichkeit auf die Probleme aufmerksam zu machen, die der menschlichen Zivilisation drohen – in der Hoffnung, dass die Öffentlichkeit dann Druck auf die Regierungen ausübt, aktiv zu werden. Und darin liegt die Schwäche dieses Ansatzes. Im Juni 2017 räumte Rees dies in einem Interview mit Vision ein: „Angesichts des Drucks von kurzfristigen Problemen ist es für Politiker schwer, sich auf langfristige, globale Themen zu konzentrieren. Politiker werden davon beeinflusst, was in der Presse ist und was in ihrem Posteingang ist.“ In seinem Buch Unsere letzte Stunde: warum die moderne Naturwissenschaft das Überleben der Menschheit bedroht aus dem Jahr 2003 (deutsch von Friedrich Griese, in den USA erschienen als Our Final Hour) gibt er der Menschheit angesichts verschiedener Existenzbedrohungen eine Chance von 50 : 50, bis zum Jahr 2100 zu überleben oder nicht. Angesichts dieser Einschätzung fragte ich ihn, ob er optimistisch sei. „Ich bin ein technischer Optimist, aber ein politischer Pessimist“, antwortete er und drückte damit aus, dass er sein Vertrauen auf technologische Rettung als gerechtfertigt empfindet, sein Glaube an den Willen von Politikern, durch geeignete Politik langfristige Ergebnisse zu bewirken, aber praktisch gleich null ist.

Für Rees’ Kollegen Stephen Hawking scheint die einzige Hoffnung auf Überleben außerirdisch zu sein. Der berühmte Kosmologe glaubt, dass wir nicht einmal mehr 100 Jahre auf der Erde haben, und hat vorgeschlagen, dass sich Länder zusammentun, um bis 2020 wieder Menschen auf den Mond zu bringen, bis 2025 zum Mars zu reisen und in den nächsten 30 Jahren eine Mondbasis zu errichten. Aber ist diese Science-Fiction-Herangehensweise an Gefahren für die menschliche Existenz nicht einfach eine weitere Variante, sich dem Kernproblem nicht zu stellen – unserer menschlichen Natur?

Es gibt kein Entkommen von uns selbst. Das menschliche Dilemma ist, was es immer war, und wir lösen nichts Grundlegendes, indem wir uns in technologische Herrlichkeit hüllen.“

Neil Postman, „Informing Ourselves to Death“

Wenn wir hier auf der Erde nicht kooperieren können, um die zehn bekannten Gefahren zu bewältigen, die unsere Zivilisation an den Punkt des Untergangs bringen werden – warum sollte dann etwas Besseres herauskommen, wenn wir die menschliche Natur in andere Welten exportieren? Ist das nicht ein weiterer blinder Fleck? Aber die menschliche Natur kann doch durch technologisches Eingreifen überwunden werden, sagen einige; wir könnten uns umprogrammieren wie Cyborgs und auf anderen Planeten eine neue Form von Menschheit entwickeln.

Die Antwort liegt sicher nicht in der Hybris der Weltraumerkundung und technologischen Kunstfertigkeit, sondern in der Demut des friedlichen Zusammenlebens auf diesem Planeten. Wie sollen wir das erreichen, wenn nicht durch eine Erneuerung der Art, die ein vorausschauender Kriegsteilnehmer am Ende des Zweiten Weltkriegs identifizierte? Douglas Macarthur warnte damals vor den Gefahren für das Überleben der Zivilisation und sagte: „Das Problem ist im Grunde theologischer Art und bedingt eine geistliche Erneuerung und Besserung des menschlichen Charakters im Sinne einer Gleichschaltung mit unserem fast beispiellosen Fortschritt in den Bereichen Naturwissenschaft, Kunst, Literatur und in allen materiellen und kulturellen Entwicklungen der vergangenen 2000 Jahre. Es muss durch den Geist geschehen, wenn wir das Fleisch retten wollen.“ Dieser Appell hatte keine enge konfessionelle Basis, sondern erinnerte an die prophetische Verheißung, dass der Tag kommen wird, an dem das menschliche Herz beginnt, eine geistliche Wandlung zu vollziehen: „Das ist der Bund, den ich mit ihnen schließen will nach diesen Tagen […]. Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben, und in ihren Sinn will ich es schreiben“ (Hebräer 10, 16).

Sind wir noch zu blind, um die Gefährdung unserer Existenz zu erkennen, demütig zu werden und Gottes Gnade zu suchen? Denn nur dadurch werden wir der Selbsttäuschung und der Katastrophe entgehen.