Sommer 2017

Gesellschaft & Kultur

Der Neubau zu Babel: Chinas Megastädte

Donald Winchester

Bei der Frage, ob die Menschheit dieses Jahrhundert überleben wird, mag die Ausbreitung der Städte nicht als bedeutende Gefahr erscheinen. Doch während China das Tempo einer rapiden Urbanisierung vorgibt, mahnt ein Gemälde aus der Renaissance zur Vorsicht.

Der Turmbau zu Babel von Pieter Bruegel d. Ä., einem flämischen Maler des 16. Jahrhunderts, ist ein Monumentalgemälde. Seine Darstellung eines noch unfertigen, enormen Turms mag Bewunderung für menschliches Streben ausgedrückt haben, doch bei näherem Hinsehen zeigt sich etwas ganz anderes: eine zum Scheitern verurteilte Stadt, fehlerhaft und konfus in ihrer Planung.

Oberflächlich betrachtet ist das Bild eine geradlinige Darstellung der biblischen Stadt mit dem Turm, die als Babel bekannt wurde. Dem biblischen Bericht zufolge baute eine Gruppe von Menschen – wahrscheinlich unter der Führung von Nimrod, einem „gewaltigen Jäger“ – im heutigen Irak aus Ziegeln und Erdharz eine riesige Stadt und einen Turm, „dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder“ (1. Mose 10, 9 und 11, 1–4).

Zu Bruegels Zeit war es keineswegs ungewöhnlich, dass Maler biblische Szenen darstellten; aber dieses Gemälde hatte auch eine Botschaft an seine Zeitgenossen. Bruegels Heimatstadt Antwerpen war damals Europas wachstumsstärkste Stadt. Mit ihrer hervorragenden Anbindung an den Seeverkehr, einem blühenden Bankensektor und günstigen internationalen Beziehungen war sie das Finanz- und Wirtschaftszentrum des Abendlandes. Zu Lebzeiten des Malers wuchs Antwerpens Bevölkerung auf beinahe das Doppelte an. Bruegels Darstellung des antiken Babel ist voller zeitgenössischer Details: Es ist eine Hafenstadt mit europäischen Stilelementen und nur geringfügigen Hinweisen auf den eigentlichen Standort in Mesopotamien. Es könnte auch Antwerpen selbst gewesen sein. Damalige Betrachter hätten das erkannt und sich an den chaotischen Untergang der biblischen Stadt erinnert. Der Turmbau zu Babel war eine Warnung an Bruegels Zeitgenossen vor dem Aberwitz außergewöhnlichen Wachstums.

Mit dieser Warnung war auch eine historische Parallele verbunden. Das Aussehen des Turms – eine Form, die ihm auch andere Maler gegeben hatten – war wahrscheinlich dem Kolosseum in Rom nachempfunden, das damals wie heute eine Ruine war. Die Verbindung zwischen Babel und Rom war allgemein bekannt; Keith Roberts schreibt in seinem Buch Bruegel: „Rom war die Ewige Stadt, von den Cäsaren dazu bestimmt, die Zeit zu überdauern; sein Untergang und Verfall wurden als Symbol für die Nichtigkeit und Vergänglichkeit irdischen Strebens verstanden.“

Bruegels Zeitgenossen hätten gut daran getan, auf seine Warnung zu hören. Rund 20 Jahre nach der Fertigstellung seines Gemäldes wurde Antwerpen von den Spaniern belagert und vernichtend geschlagen; seine vorherige Herrlichkeit hat es nie wieder erreicht.

Der chinesische Traum

Natürlich war Antwerpen nichts im Vergleich zu modernen städtischen Ballungsräumen. Die größten Städte sind heute über 300-mal so groß wie Antwerpen im 16. Jahrhundert. Städtebauliche Ambition, von Babel über das New Yorker Empire State Building bis hin zu Dubais Burj Khalifa, kommt offenbar keineswegs aus der Mode.

Ein besonders markantes Beispiel hierfür ist China. In den Jahrzehnten seit dem Tod Mao Zedongs hat das Land eine beispiellose Verstädterung erlebt. Als Mao 1976 starb, lebten nur 17 % aller Einwohner Chinas in Städten; bis 2015 war dieser Prozentsatz um mehr als das Dreifache auf 55 % gestiegen. Dieser Wandel war eine geplante Politik der chinesischen Regierung, um Wirtschaftswachstum zu generieren – eine Methode, die nach den meisten Kriterien phänomenal erfolgreich war. Der Drang zur Verstädterung, schreibt der geopolitische Analyst Pepe Escobar, „ist ein Herzstück des chinesischen Traums“.

Der Plan ist unfassbar ambitioniert. In den letzten zehn Jahren hat China Vorhaben für enorme städtische Zentren angekündigt – in einer Größenordnung, die die Welt noch nie gesehen hat. Der erste derartige Ballungsraum, das Perlflussdelta, ist ein Zusammenschluss von neun einzelnen Städten im Südosten des Landes. Diese erste Megastadt hat bereits mehr Einwohner als Australien, Argentinien oder Kanada. Die Methode hebt den städtischen Flächenverbrauch in bisher unbekannte Höhen; für die Stadtentwicklung in Asien ist dies allerdings nicht ungewöhnlich. So schreibt der Politologe Martin Jacques: „Während westliche Städte generell ein definierbares Zentrum haben, ist das bei asiatischen Städten selten der Fall: Das Zentrum ist ständig in Bewegung, während die Stadt eine Metamorphose nach der anderen durchmacht, und dies führt dazu, dass statt eines Zentrums viele geschaffen werden.“

Viele einzelne Städte des Ballungsraums sind selbst in jüngster Zeit kolossal gewachsen. Eine der bedeutendsten unter ihnen, Shenzhen, war ein reines Fischerdorf, als der damalige Parteiführer Deng Xiaoping es 1979 zur Basis einer neuen Sonderwirtschaftszone (SWZ) bestimmte. Heute hat es über 18 Millionen Einwohner, darunter mehrere Millionen Fremdarbeiter. Zunächst sollten die Städte des späteren Perlflussdeltas niedrigpreisige Konsumgüter wie Nahrungsmittel, Spielzeug und Kleidung produzieren; doch mittlerweile ist es ein Zentrum für die Produktion von Hightechelektronik, Automobilindustrie und Chemie geworden. Durch den Zusammenschluss zu einem Ballungsraum soll die Produktion dank vernetzter Infrastruktur- und Verkehrsverbindungen innerhalb der Megastadt, aber auch zu benachbarten Metropolen wie Hongkong und Macao gefördert werden.

Das Perlflussdelta ist keine Anomalie. Die Regionen Schanghai und Peking entwickeln sich zu noch größeren Megastädten, und in anderen Ländern Asiens gibt es ähnliche Projekte. Die Weltbank berichtet, dass 2010 weniger als 1 % der gesamten Fläche Ostasiens urbanisiert war und nur 36 % der Gesamtbevölkerung in Städten lebten; das alles legt nahe, dass die Expansion der Städte dort erst begonnen hat.

Die halsbrecherische Urbanisierung mit einem Wachstum von derzeit 1 % pro Jahr würde bedeuten, dass in 30 Jahren 450 Millionen mehr Menschen […] in Chinas Städten leben als jetzt.“

Martin Jacques, When China Rules the World

Der Plan für das Perlflussdelta wurde 2008 bekannt gegeben, mitten in der globalen Finanzkrise. Einem Bericht zufolge wurde dadurch „während der Finanzkrise ein Immobilienboom arrangiert, der die Nachfrageschwächen in Übersee kompensierte“. Diese Manipulation der Wirtschaft mag einerseits ein cleveres Manöver gewesen sein, doch andererseits erinnert sie an die Erbauer des Turms zu Babel, die ihrer eigenen Unsicherheit auf ähnliche Weise begegneten: indem sie eine Stadt bauten, die größer war als alles, was die Welt zuvor je gesehen hatte. Die Sehnsucht des alten Babel nach Sicherheit (nicht verstreut zu werden) und Ruhm scheint auch heute eine besondere Rolle zu spielen.

Mit der Megastadt ist ein großer Optimismus verbunden. Die Konzentration von Menschen und Industrie bewirkt zahlreiche wirtschaftliche Nutzeffekte und das Potenzial für eine effizientere Bereitstellung von Dienstleistungen. Es gibt sogar Theorien, Megastädte könnten, wenn ihre Expansion gut gehandhabt werde, gut für die Umwelt sein. Solche Zuversicht ist ein Kennzeichen von Chinas aktuellem, rasantem Wirtschaftsaufschwung.

Realitätstest

Diese Selbstsicherheit steht allerdings im Widerspruch zu den Warnungen der Geschichte. In anderen Teilen der Welt hat schnelle Urbanisierung erhebliche Probleme verursacht, insbesondere in Mittel- und Südamerika. In den letzten Jahrzehnten strömten die Menschen in Lateinamerika millionenfach in die Städte – aus ihrer angestammten Heimat vertrieben durch Armut und lokale Konflikte. Einem Bericht der Vereinten Nationen zufolge dürften bis 2050 90 % der Bevölkerung Lateinamerikas in Städten leben, in Brasilien dürfte diese Quote sogar schon 2020 erreicht sein. Die Folgen sind nicht nur positiv. Es mangelt an Organisation und Infrastruktur, um den massiven Zustrom zu bewältigen; deshalb sind Städte wie Rio de Janeiro fruchtbare Nährböden für Armut, Korruption und illegalen Handel geworden.

Ein weiteres, seit Langem bestehendes Problem großer Städte ist die Umweltbelastung. China hat damit beträchtliche Schwierigkeiten; sowohl Schanghai als auch Peking gehören zu den schmutzigsten Megastädten der Welt. Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation von 2016 befinden sich von den 100 Städten mit der weltweit höchsten Feinstaubbelastung 30 in China (Feinstaub kann bei Einatmen bekanntlich verschiedene Erkrankungen der Atmungsorgane und des Herz-Kreislauf-Systems verursachen). Natürlich ist das Problem nicht auf China beschränkt. Man denke nur an die steigende Feinstaubbelastung in einigen deutschen Städten wie der Feinstaubhauptstadt Stuttgart. In der Regel gehen eine hohe Bevölkerungsdichte und eine hohe Schadstoffbelastung jedoch Hand in Hand. Weitere 34 dieser 100 Städte liegen in Indien, dem Land mit der zweitgrößten Bevölkerung. Demselben Bericht zufolge liegt der Verschmutzungsgrad in erstaunlichen 80 % der Städte weltweit oberhalb der empfohlenen Grenzwerte. Gleichzeitig ist jedoch anzumerken, dass China in über 80 kohlenstoffarmen Zentren in Technologie zur Begrenzung der Umweltschäden investiert.

Ein weiteres Problem sind Krankheiten. Höhere Bevölkerungsdichten begünstigen die Ausbreitung von Viren und Infektionen. Der Wissenschaftsautor Julian Cribb schreibt in diesem Kontext: „Aus der Perspektive einer infektiösen Mikrobe wie des Grippevirus, Ebola, Zika, Cholera oder medikamentenresistenter TBC ist eine Megastadt eine Orgie von Fress- und Vermehrungsangeboten. Je größer die Stadt, desto mehr Milliarden Menschenzellen bietet sie, die für die Bazille ein Festmahl sind oder in denen sie sich vermehren kann.“ In China gibt es Frühwarnungen, dass ein neuer Stamm des Vogelgrippevirus – eines Krankheitserregers, der 2004 weltweit traurige Bekanntheit erlangte – die Vogelgrippe wieder zu einem Problem für Menschen machen könnte.

Zwar hat China die Anforderungen der Urbanisierung bislang effektiver bewältigt als viele andere Länder, doch einigen Problemen muss dringend begegnet werden.“

Weltbank, „China’s Rapid Urbanization: Benefits, Challenges & Struggles“

Je größer Chinas Städte werden, desto höher werden auch die Anforderungen an die Versorgung der neuen Einwohner. Stadtbewohner verbrauchen im Durchschnitt dreimal so viel Energie wie Landbewohner, und Chinas Fortschritt wird Folgen für ein Energieproblem haben, das sehr global ist. Schon jetzt hat China erhebliche Schwierigkeiten mit der Wasserversorgung, sowohl quantitativ als auch qualitativ. Mehr Einwohner brauchen mehr Autos, was sowohl Platz- als auch Umweltprobleme verursacht. Mehr Menschen wollen mehr Arbeitsplätze haben; solange Chinas Wirtschaft weiterwächst, dürfte das funktionieren, aber wenn die Weltwirtschaft wieder zusammenbricht, könnte eine neue Strategie vonnöten sein. „Städte umzurüsten und zu modifizieren ist teuer, wenn sie einmal gebaut sind“, kommentiert Shahid Yusuf von der Weltbank. „China und andere Länder mit rasanter Urbanisierung müssen von vornherein für Ressourcenknappheit mitplanen und verfügbare Technologien strategisch nutzen.“

Dennoch hat China gute Möglichkeiten, für diese Herausforderungen Vorbereitungen zu treffen. Das Perlflussdelta ist im Gegensatz zu vielen Städten in Lateinamerika geplant, und diese Planung umfasst Systeme, die darauf ausgelegt sind, viele der Probleme zu lösen, mit denen andere Megastädte zu kämpfen hatten. Als Beispiel berichtet Yusuf: „Es ist einer von Chinas größten Erfolgen in seiner rasanten Urbanisierung, dass es ihm gelungen ist, den Prozess so weit einzudämmen, dass es zwar überfüllte Wohnquartiere gibt, aber sehr wenige Slums.“ Ob dieses und andere Systeme derart schwindelerregende Wachstumsraten bewältigen können, ist natürlich eine andere Frage.

Städte entstehen, Städte vergehen

Die Megastadt ist ein noch nie da gewesenes Beispiel menschlicher Leistungsfähigkeit und ein Produkt von Chinas erstaunlichem wirtschaftlichem Fortschritt. Dennoch sei daran erinnert, dass ihre historischen Vorgänger – von Babel über Rom bis Antwerpen – mit der Zeit alle untergegangen sind. Die Frage ist, ob die Megastadt nicht nur eine größere, geschäftigere Version dessen ist, was schon einmal da war.

Martin Jacques’ Beschreibung der typischen ostasiatischen Stadt scheint besonders treffend: Sie „produziert ein eklektisches, berauschendes Gemisch aus gutartigem Chaos, komprimierter Energie und der Spannung des Anfangens. Die Menschen erfinden sie beim Vorankommen. Sie probieren Dinge aus. Sie gehen Risiken ein. Das einzig Dauerhafte scheint der Wandel zu sein.“

Diese Beschreibung wirkt spannend und hoffnungsvoll, und dennoch schwingt etwas von Unberechenbarkeit mit, das an Bruegels Warnung in Der Turmbau zu Babel gemahnt. In dem Gemälde scheint die Konstruktion des Turms auf jeder Ebene eine andere zu sein – ein sichtbares Zeichen von immer mehr Ehrgeiz und Komplexität, je näher er den Wolken kommt. Die Erbauer, so scheint es, probieren Dinge aus. Sie gehen Risiken ein. Sie erfinden ihn beim Vorankommen. In dem biblischen Beispiel gehen diese Energie und Ambition Hand in Hand mit Hochmut (wie die Erbauer von Babel sagten: „damit wir uns einen Namen machen“) und Hochmut mit dem Fall (es ist klar, dass Bruegels Turm strukturell instabil ist).

In Städten wie Shanghai und Shenzhen […] herrscht eine Stimmung von enormer Ambition, einer Welt ohne Begrenzungen, symbolisiert durch Pudong, eine der futuristischsten Wolkenkratzer-Stadtlandschaften, mit ihrer außergewöhnlichen Ansammlung atemberaubender Hochhäuser.“

Martin Jacques, When China Rules the World

Städte und Zivilisationen entstehen und vergehen im Lauf der Zeit. Man muss nur an die Reiche der Maya, der Römer oder der Babylonier denken – jedes von ihnen sensationell ambitioniert in seiner Zeit –, um zu wissen, dass alles menschliche Bestreben dazu verurteilt ist, ein Ende zu haben. Die Frage ist nun, ob die Menschheit mit ihren gewachsenen Fähigkeiten eine größere Version der Art von Zusammenbruch, die Babel oder Rom zu Fall brachte (oder Karthago, Angkor Vat, Nagasaki – die Liste ist lang), überleben kann. Heutige Städte sind größer und verbrauchen mehr Ressourcen als je zuvor; deshalb ist ihr Potenzial für Katastrophen größer – ob in Form von Umweltverschmutzung, Krankheiten oder eines Sonnensturms, der das Stromnetz und die Computer lahmlegt, von denen unsere gesamte Infrastruktur abhängt [Sonnenflecken und blinde Flecken].

Es sieht so aus, als bewegten wir uns an all diesen Fronten auf die Grenzen unserer Erde zu. Die Bibel verheißt Rettung aus diesem Ende; sie prophezeit „eine große Bedrängnis […]. Und wenn diese Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Mensch selig werden“ (Matthäus 24, 21–22). Was folgt, ist die Verheißung einer anderen Art Stadt: Zuerst kommt ein tausendjähriger Lebensraum, in dem die Menschen ohne Mauern, Tore und Riegel wohnen (Hesekiel 38, 11), später eine wirklich „ewige“ Stadt (Offenbarung 21, 2, 10–27), die in ihrer Größe alles bisher Dagewesene übertreffen wird – selbst das Perlflussdelta. Bis dahin wird die Menschheit zweifellos weiterbauen, mit immer mehr Ehrgeiz, aber ohne prinzipielle Änderung. Bruegels Warnung, dass ungebremstes menschliches Streben zum Scheitern verurteilt ist, hat bisher kein Gehör gefunden; aber dieser Zustand wird – wie die Städte, die er malte – nicht für immer Bestand haben.