Frühjahr 2017

Wissenschaft & Umwelt

Der prekäre Weg zum Gelobten Land der DNS

Dan Cloer

Die Sequenzierung, Dekodierung und letztlich Veränderung unserer DNS mit dem Ziel, die Bedingungen des Menschseins zu verbessern, ist die Verheißung der Biotechnologie im 21. Jahrhundert. Werden neue Methoden zur Korrektur von Genen unsere Entschlossenheit zu genetischer Freiheit stärken? Oder sollten wir angesichts dieser Entdeckungen innehalten und über andere Wege in die Zukunft nachdenken?

Die biblische Geschichte vom Exodus – dem Auszug der Kinder Israels aus Ägypten – scheint sowohl zeitlich als auch inhaltlich vom 21. Jahrhundert weit entfernt zu sein. Doch der Gedanke der Befreiung aus Gefangenschaft und die Hoffnung auf ein Gelobtes Land sind alles andere als überholt.

Die Höhepunkte jener symbolträchtigen Geschichte sind allgemein bekannt und können dazu dienen, unsere moderne Wiederholung dieser Reise zu veranschaulichen. Vor rund 3 500 Jahren nahm Gott Mose in seinen Dienst und signalisierte dem Pharao durch eine Serie übernatürlicher Plagen: „Lass mein Volk ziehen.“ Die Israeliten folgten bei Nacht einer Feuersäule und bei Tag einer Wolke, durchquerten das Rote Meer, empfingen die Zehn Gebote und kamen schließlich – nach vielen Rückschritten und Leiden – in das Gelobte Land am östlichen Mittelmeer. Ägypten zu verlassen und Gott in ihrem eigenen Land zu dienen war die ihnen verheißene Bestimmung.

Heute haben wir es mit einer anderen Art von Exodus zu tun. Mit dem hoffnungsvollen Blick auf eine biologische Säule, die DNS-Helix, hat sich die Menschheit auf einen ebenso schwierigen und wundersamen Weg begeben: die Flucht aus dem „Ägypten“ unseres eigenen Genoms. Unsere moderne Hoffnung bezieht sich auf die Befreiung von Krankheit, Degeneration und der biologischen Uhr; einfach ausgedrückt: Wir wünschen uns nichts Geringeres als ein langes Leben ohne Krankheit für uns selbst und unsere Kinder.

Genetischer Neustart

Ein solcher Aufbruch ist keine neue Idee. In einer eigenen Version von „Lass mein Volk ziehen“ hat Julian Huxley den Begriff Transhumanismus geprägt. Nachdem gerade das Weltraumzeitalter angebrochen und die Struktur der DNS entdeckt worden war, sah Huxley die Menschheit an der Schwelle eines neuen Zeitalters. In New Bottles for New Wine (1957) beschrieb er seine Vision unserer „kosmischen Pflicht“, unsere neuen Entdeckungen an einem machtvolleren Humanismus zu orientieren: „Der Kern der Aufgabe ist eigentlich dies – die vollständigste Verwirklichung der menschlichen Möglichkeiten, sei es durch das Individuum, die Gemeinschaft oder die Spezies Mensch auf ihrer abenteuerlichen Prozession durch die Korridore der Zeit.“

Das Tempo dieses Marsches wird schneller. So schreibt der populäre Wissenschaftsblogger Paul Knoepfler, Zellbiologe an der University of California in Davis: „Der Transhumanismus ist heute gesund und munter.“ In seiner modernen, genetischen Bedeutung beschreibt er das Abweichen von der Versklavung durch die Gene, die uns die Natur mitgibt: „Das Zusammenkommen transformativer Fortschritte in Gentechnik, Reproduktionstechnik und Stammzellentechnik ist drauf und dran, unsere Welt und uns mit ihr zu verändern.“

Bedauerlicherweise sind wir „programmiert, zu sterben“, sagte der Stammzellenforscher Clive Svendsen im Gespräch mit Vision. Diese Programmierung steckt in unseren Genen. Laut Evolutionstheorie existieren wir, um unsere Gene weiterzugeben. Es ist unsere DNS, die nach Unsterblichkeit strebt, und da jeder von uns das Produkt einer erfolgreichen Episode der Reproduktion ist, haben unsere Gene in gewisser Weise ihre Mission erfüllt. Jeder von uns ist eine ungebrochene Kette, die sich über die Zeit erstreckt, von Generation zu Generation, so weit die Vorstellung reicht. Nachdem wir zur Reife gekommen sind und eine neue Generation produziert haben, ist unsere biologische Aufgabe abgeschlossen.

Jetzt wollen wir also aus dem Paradigma der Evolution ausbrechen. „In einem gewissen Sinn“, so Svendsen, „ist die natürliche Selektion verschwunden, sodass wir eigentlich nicht mehr zu sterben brauchen.“

Unsere Gene sind also nicht nur ein Hemmschuh, sondern könnten uns mit der richtigen Umprogrammierung auch frei machen. Wissenschaftlich gibt es keine andere Möglichkeit, wenn wir unsere Sterblichkeit zurückdrängen und unsere Lebensgrundlage verbessern wollen. Wir müssen uns umformen. Als körperliche Wesen sind wir natürlich in einer gewissen Weise durch unsere Biologie gebunden. Doch seit 1953 die Struktur des DNS-Moleküls entdeckt wurde, ist das Gen als Zugangspunkt immer wichtiger geworden – der Hauptschalter zu unserem biologischen Schicksal.

Mit der Genschere

Dies gilt nicht mehr nur für Lehrbücher, geschaffen durch und für Genetikmönche in weißen Kitteln und blauen Handschuhen in klösterlich abgeschiedenen Laboratorien. Revolutionäre Fortschritte in der Gensequenzierung, Datengewinnung und digitalen Verarbeitung folgen exponentiell aufeinander; das macht genetische Informationen zunehmend marktfähig und öffentlich zugänglich. Ein Beispiel hierfür ist die Firma 23andMe, die direkt für den Verbraucher DNS-Tests durchführt und sich auf die Fahnen geschrieben hat, „Menschen zu helfen, Zugriff auf das Humangenom zu haben, es zu verstehen und Nutzen daraus zu ziehen“.

Die US-Gesundheitsbehörde (Food and Drug Administration, FDA) hat kürzlich ein beispielloses Vertrauen zu den Kernprozessen der Genanalyse an den Tag gelegt, indem sie das Produkt dieses Unternehmens zugelassen hat. In ihrer Presseerklärung gab die FDA bekannt, sie habe „heute die Vermarktung von 23andMe-Personal-Genome-Service-Genetic-Health-Risk-Tests für zehn Krankheiten oder Gesundheitsstörungen genehmigt. Dies sind die ersten von der FDA zugelassenen Tests direkt für Verbraucher, die Informationen über die genetisch bedingte Anfälligkeit von Personen für bestimmte Krankheiten oder Gesundheitsstörungen liefern, was bei Entscheidungen über ihre Lebensweise helfen oder sie für Gespräche mit Fachleuten des Gesundheitswesens informieren kann.“

Da die DNS inzwischen biologisch eine Hauptrolle spielt, sind sie und ihre Möglichkeiten auch einer breiteren Öffentlichkeit bewusst geworden. Wie ein Leuchtturm zieht sie alle Blicke auf sich und ist dadurch immer schwerer zu ignorieren, ob wir uns nun persönlich für Zellen und Chemie interessieren oder nicht. Wir sind von Natur aus neugierig, was die Geschichte unserer Familie betrifft – nun haben wir ein Fenster zu ihrer Zukunft.

Diese Chance, etwas in naturwissenschaftlich untermauerter Weise zu erfahren, begünstigt den zunehmenden Wunsch, in das Schicksal einzugreifen, es zu korrigieren und mit ihm zu handeln. Der allwissende, versklavende Pharao – das Genom – verwandelt sich allmählich von einem unnachgiebigen Unterdrücker in einen knurrigen, aber nachgiebigen Großvater, der offenbar viel leichter zu manipulieren ist als anfangs gedacht. Mit neuen Techniken der Genkorrektur wie der CRISPR/Cas9-Methode (bei der ein Protein programmiert wird, DNS auf spezifische Weise zu schneiden und zu spleißen), wird es offenbar möglich sein, zu reparieren, was schadhaft ist. Es wird sogar möglich sein, die Zukunft auszuhandeln und umzuplanen, statt einfach abzuwarten, dass sie sich biologisch entfaltet.

Menschliche Neugier und Findigkeit haben ein einfaches, wirksames Mittel entdeckt, um die Fehler der Natur aus der Grammatik des Humangenoms hinauszuschneiden und fehlerhafte Sequenzen durch fehlerfreie zu ersetzen“, schreiben Sheila Jasanoff, J. Benjamin Hurlbut und Krishanu Saha. „CRISPR/Cas9 bietet auf den ersten Blick eine technologische Wende, die zu gut scheint, als dass die Menschen sie ablehnen könnten. Es ist eine schnelle, billige und überraschend präzise Methode, den genetischen Fehlern der Natur beizukommen und sicherzustellen, dass zufällig Erkrankte fair behandelt werden, mit medizinischen Maßnahmen, die spezifisch auf ihre Befunde zugeschnitten sind. Natürlich sind diese Aussichten für die Wissenschaft begeisternd, und sie versprechen Rettung für Patienten, die an unheilbaren Krankheiten leiden.“

Es ist eine zutiefst spannende Vorstellung, dass wir unserem inneren Ägypten geschädigter DNS entkommen könnten. Durch unsere eigenen biotechnologischen Wunder, angesammelt über die letzten Jahrzehnte, sehen wir die Doppelhelix in einem neuen Licht. Jasanoff merkt an: „Die Bedingungen des Menschseins zu transzendieren bedeutet zum Teil, körperlich dem Tod und anderen schwer erträglichen Begrenzungen menschlicher Fähigkeiten zu entkommen – Vergesslichkeit, Schmerz und Invalidität; aber Transzendenz hat auch den Reiz eines Heilsbringers. […] Mit Naturwissenschaft und Technik als bereitwilligen Dienern kommt die ersehnte Perfektion in Reichweite: In der modernen posthumanen Vorstellung kann sein, was sein sollte.“

Statt eines unentrinnbaren genetischen Schicksals hat die Helix ihr anderes Gesicht gezeigt: das Gesicht der Formbarkeit – und Formbarkeit bedeutet Hoffnung.

Doch Jasanoff, Hurlbut und Saha warnen: „Die Begeisterung sollte nicht die Notwendigkeit überrollen, dass die Gesellschaft sorgsam abwägt, wenn es um Eingriffe in einige der grundlegendsten Funktionen der Natur geht.“

Machen wir uns nicht vor, […] bei der Diskussion um Genmanipulation an der Keimbahn, die wegen CRISPR/Cas9 erneut aufgeflammt ist, ginge es darum, eine kleine Anzahl von Personen von der Last genetisch bedingter Krankheit zu erlösen. Es geht um nichts Geringeres als die Frage, was es künftig bedeuten wird, ein Mensch zu sein.“

Robert Sparrow: „Genetically Engineering Humans: A Step Too Far?“

Neoeugenik

Huxley erkannte das Unbehagen an, das die neuen Chancen auslösen würden: „Die Menschen sind entschlossen, sich nicht mehr mit einem subnormalen Standard körperlicher Gesundheit und materiellen Lebens abzufinden, nachdem die Wissenschaft nun die Möglichkeit offenbart hat, ihn anzuheben. Die Unruhe wird einige unangenehme Folgen haben, ehe sie vorüber ist; aber es ist im Kern eine gutartige Unruhe, eine dynamische Kraft, die sich nicht beruhigen lässt, bis sie das physiologische Fundament des menschlichen Schicksals gelegt hat.“

Wie die Soziologinnen und Wissenschaftshistorikerinnen Dorothy Nelkin und M. Susan Lindee in ihrem Buch The DNA Mystique von 1995 schrieben, neigen wir dazu, der Doppelhelix gottähnliche Kräfte zuzuschreiben. Schon damals, in den Anfangsjahren des Human Genome Project (HGP) zur Sequenzierung aller drei Milliarden DNS-Basen unseres Genoms, sahen sie seinen verlockenden Glanz voraus: „Der Status des Gens – als deterministische Wirkkraft, Bauplan, Basis für soziale Beziehungen, auch als Quelle von Gut und Böse – verheißt eine beruhigende Gewissheit, Ordnung, Berechenbarkeit und Kontrolle.“ Doch die erhoffte „Gewissheit“ und „Ordnung“ bringt das Molekül selbst nicht mit. Es sind vielmehr Eigenschaften, die wir ihm geben müssen; die DNS ist ein wildes Ding, und wir müssen lernen, ihre veränderbaren, wankelmütigen und facettenreichen Kräfte zu zähmen: „Mehr Autorität und Macht wachsen daher Wissenschaftlern und Ärzten zu, die die Manager einer Patientengesellschaft werden.“

Über 20 Jahre später hat uns das HGP ein immer schärferes Bild unserer DNS verschafft, und wir alle sind dem Zauber des populären Narrativs von Kontrolle immer mehr erlegen. Wenn nun noch CRISPR oder andere Korrekturtechniken hinzukommen, rückt das Ziel, den Menschen umzubauen, noch näher. Lindee schrieb an Vision: „Das Lustige ist, dass wir dachten, unser Buch würde bald überholt sein und wir müssten uns deshalb beeilen, es herauszubringen. Jetzt sieht es so aus, als ob die Trends, die wir aufgegriffen haben, sogar noch stärker geworden sind, und DNS wird an Verbraucher und Patienten in einer Weise vermarktet, die lustig wäre, wenn sie nicht traurig wäre.“

Lindee merkte zudem an, die „begrenzte und probabilistische“ Natur genetischer Informationen sollte den Hype vernünftigerweise dämpfen. Laut Nathaniel Comfort, Professor für Medizingeschichte an der Johns Hopkins University, „hat das HGP es möglich gemacht, dass Eugeniker wieder aus dem Keller kommen. Die Fantasie, unsere eigene Evolution zu steuern, ist gesund und munter.“

Das war sie schon, bevor wir über Gene Bescheid wussten; der Wunsch nach menschlicher Vollkommenheit, so Comfort, sei eine Art eugenischer Impuls, der unseren Charakter geprägt hat. Weiter schreibt er: „Schon zu Beginn des [20.] Jahrhunderts machten Befürworter der Erbgesundheit die gleichen Versprechen, die wir heute hören: Genetik würde uns gesünder, langlebiger, intelligenter, glücklicher – besser machen.“

Comfort sieht Bio-Engineering als die jetzige Erscheinungsform der Eugenik, eine Art Neoeugenik. Über das heutige Potenzial für Genkorrektur schrieb Comfort an Vision: „Es ist immer schwer, die historische Bedeutung eines Ereignisses zu erkennen, während es geschieht; aber CRISPR scheint eine bahnbrechende Technologie der Art zu sein, die Genmanipulation zu etwas Normalem machen könnte.“

Bio-Engineering beginnt mit der Erkenntnis, dass wir weit davon entfernt sind, das volle Potenzial organischer Körper zu verwirklichen.“

Yuval Noah Harari, Homo Deus: A Brief History of Tomorrow (2017)

Auf den „Nimbus der DNS“ in der Gegenwart bezogen, bemerkt Comfort einen „Druck, nach vorn zu preschen, aufgrund von Wissenschafts- und Technikgläubigkeit. CRISPR wird als Geldmaschine gesehen. Es treibt uns weiter voran zu profitablen Hightech-Lösungen für Gesundheitsprobleme anstelle von unsexy Lösungen wie der Armutsbekämpfung, der Verbesserung von Hygiene und Bildung, dem Ausgleich rassischer und sozialer Disparitäten in der Gesundheitsversorgung. Es gefällt mir nicht, dass Gesundheitsversorgung mehr von Aktienkursen bestimmt ist als von den Bedürfnissen der Patienten.“

Er fügt hinzu: „Diese Sorgen bringe ich nicht in irgendeinem aussichtslosen Bestreben zum Ausdruck, in der Biomedizin die Notbremse zu ziehen. Mein Ziel ist es vielmehr, den Hype zu zügeln, damit machtvolle Technologien wie CRISPR auf humane Weise genutzt werden – um Menschen Vorrang vor Profiten zu geben.“

Das transhumane Ziel

Obgleich Huxley und seine Zeitgenossen die DNS-Struktur nur in rudimentären Zügen verstanden, scheint er die Zukunft vorausgesehen zu haben, als er beschrieb, wie sich die Biotechnologie den Weg durch das Meer der Genetik bahnen würde: „Die schwungvolle, aber wissenschaftliche Erforschung von Möglichkeiten und von Techniken, sie zu realisieren, wird unsere Hoffnungen rational machen“, glaubte er, „und unsere Ideale in den Rahmen der Realität stellen, indem sie zeigt, wie viel davon tatsächlich realisierbar ist.“

Das Potenzial der Genkorrektur – sogar der Korrektur der menschlichen Keimbahn mit der Aussicht, den tatsächlichen Krankheitscode aus einer Vererbungslinie zu löschen – wird möglicherweise das genetische Schicksal unserer Kontrolle unterwerfen. Die künstliche Erzeugung und Korrektur von Ei- und Samenzellen sind schon am Horizont zu erkennen, und die Erzeugung von Kindern mit der DNS von drei Eltern (der DNS einer Mutter und eines Vaters sowie der mitochondrischen DNS einer gespendeten Eizelle) ist bereits gelungen. Menschliche Embryonen, die für die In-vitro-Befruchtung/Einpflanzung bestimmt sind (oder auch nicht), werden routinemäßig auf genetische Mängel untersucht. Zwar sind wir zunächst zögerlich und werden mit Sicherheit eine Weile darüber diskutieren, welchen Weg wir gehen sollten, aber im Hinblick auf die abschließenden Entscheidungen und unseren künftigen Kurs sind viele zuversichtlich.

Ich denke, Genmanipulation an der menschlichen Keimbahn ist unvermeidlich, und es wird im Grunde keine wirksame Methode geben, die Anwendung von Genkorrekturen in der menschlichen Reproduktion zu regulieren oder zu steuern“, schreibt J. Craig Venter in Nature Biotechnology. Venter war einer der Hauptakteure bei der Förderung des HGP und hat die Entwicklung synthetischer Zellen seither mitfinanziert – und seine Worte klingen nach Realität. „Unsere Spezies wird sich durch nichts von dem Versuch abhalten lassen, als positiv wahrgenommene Merkmale zu verbessern und Krankheitsrisiken oder als negativ wahrgenommene Merkmale bei künftigen Nachkommen zu eliminieren – insbesondere von denen, die die Mittel oder den Zugang zu Korrektur- und Reproduktionstechnologie haben. Die Frage ist wann, nicht ob.“ Doch er warnt: „Erst wenn wir sehr viel mehr über das Humangenom […] und die Konsequenzen von Veränderungen wissen, werden wir genug wissen, um klug zu entscheiden. Bis dahin sollten Korrekturen am Humangenom als willkürliche Menschenversuche gelten.“

Eine ähnliche Warnung kommt von Marcy Darnovsky, der Geschäftsführerin des Center for Genetics and Society. Beim International Summit on Human Gene Editing sagte sie 2015: „Korrekturen an der menschlichen Keimbahn aus irgendeinem Grund zu erlauben würde wahrscheinlich dazu führen, dass sich dies jeder Art regulatorischer Beschränkung entzieht, dass es für Zwecke der genetischen Verbesserung eingesetzt wird, zur Entwicklung einer marktbasierten Eugenik und […] mit inakzeptablen, gefährlichen sozialen Folgen.“

Neuer Wein in alte Schläuche?

Wie die Soziologin Jasanoff wissen auch Venter und Darnovsky um das Wesen des Menschen: Wenn wir etwas können, dann werden wir es auch tun. Huxley meinte in New Bottles for New Wine, unsere großartigen neuen Technologien (der Wein) würden uns dazu inspirieren, uns selbst und unser Potenzial in einer neuen Weise zu betrachten, als „neue Weinflaschen“. Aber diese Analogie ist unvollständig, denn unsere Natur hat sich nicht geändert. Unser Wissen macht uns mutig statt demütig; unsere menschliche Natur ist nicht schwächer geworden.

Das Problematische am „zentralen Ordnungsprinzip des Transhumanismus“, wie Huxley es nannte – d. h. dem Humanismus selbst –, ist der Glaube, das menschliche Schicksal liege allein in unseren Händen. Es ist das gleiche Denken, das auch die Reise der Israeliten erschwerte und sie in der Wüste in die Irre führte. Ihr Problem war, wie unseres heute, dass sie im Grunde an nichts außerhalb des Physischen glaubten. „Es gibt nur eine Realität“, betonte Huxley, „und der Mensch ist ihr Prophet und Pionier.“

So, wie die Israeliten ihre Vereinbarungen mit Gott aus den Augen verloren und zu der Überzeugung gelangten, es sei ihre menschliche Macht, die ihr Schicksal steuerte, wird unser Glaube an unsere Wissenschaft und die Verlässlichkeit menschlicher Entscheidungen heute zu unserem Verhängnis. Das Bemühen um bessere Gesundheit ist nicht in sich schlecht oder gegen Gottes Willen. Das ist nicht das Problem, sondern dass wir in der Überzeugung stecken geblieben sind, unsere Entscheidungen seien die höchste Instanz. Die Israeliten wurden vor der Gefährlichkeit solcher Hybris gewarnt: „Hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den HERRN, deinen Gott, vergisst, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft. […] Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen“ (5. Mose 8, 14, 17, alle Bibelzitate Luther-Bibel 1984). Doch die Mahnung verhallte ungehört.

Man könnte sagen, sie waren an einem neuen Ort, aber sie hatten immer noch das alte Herz.

Der Gedanke des genetischen Determinismus – dass es das Erbgut ist, von dem unser Wohl und Wehe abhängt – ist einleuchtend, aber unvollständig. Nicht wegen unserer Gene sind wir Mängelwesen, sondern wegen unseres Charakters. Diesem Problem kommt man nicht mit materiellen Reparaturen bei. Unsere tiefste Leere, unsere verheerendste Krankheit und unser größter Wiederherstellungsbedarf werden immer spirituell sein, nicht materiell. „Ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes“, schrieb Paulus (Römer 12, 2): Das ist die Heilung, die wir vor allem anderen brauchen. Das ist kein transhumanistisches Ziel. Dieses erneuerte Denken ist vielmehr das neue Gefäß, das für den „neuen Wein“ von Gottes Plan für die Schöpfung geeignet ist, denn „man füllt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche und der Wein wird verschüttet und die Schläuche verderben. Sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, so bleiben beide miteinander erhalten“ (Matthäus 9, 17). Wer auf diesen Plan vertraut, kann standhalten – selbst unter scheinbar hoffnungslosen Bedingungen, wie sie das antike Volk Israel erlebte (2. Mose 14, 13–14; Psalm 33, 13–22).

Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben.“

Hesekiel 36, 26

Der Gott der Bibel beansprucht die Autorität des Schöpfers für sich. Das bedeutet allerdings nicht, dass er der Urheber jeder schrecklichen Mutation ist, die uns als körperliche Wesen heimsucht; wie Salomo feststellte: „Denn schlechte Tage und schlimmes Geschick überfallen jeden“ (Prediger 9, 11, Gute Nachricht Bibel). Es steht außer Zweifel, dass die Spezies Mensch stark unter genetischen Katastrophen leidet. Im Innersten unseres Körpers befindet sich ein DNS-Code. Und Tag für Tag, Zelle für Zelle, Generation für Generation gehen schädliche Veränderungen vonstatten. Unserem Schöpfer entgeht das nicht. Aber wir sind nicht dieser Code.

Der ultimative Exodus ist die Befreiung von der Angst vor Tod und Krankheit. Beide sind real und bringen Schmerz und Leid in unser Leben, sowohl persönlich als auch kollektiv. Doch es wird eine Zukunft geben, in der der Schmerz vergeht, und selbst das Leid, das die ganze Schöpfung jetzt noch erträgt, wird aufhören (Römer 8, 18–22; Offenbarung 21, 1–5).

Wir stellen uns vor, dass Genmanipulation uns zu einem von uns selbst erschaffenen Gelobten Land der DNS führt. Dieses Land ist eine Fata Morgana; es wird immer nur fast in Reichweite sein. Was auch immer wir in unserem Streben nach menschlicher Perfektion erreichen – bessere Babys, Vererbungslinien, Gesundheit, Glück, Aussehen, Intellekt, Langlebigkeit –, es wird nie genug sein. Wir werden uns immer etwas Weiteres vorstellen, einen besseren Platz gleich hinter der nächsten Düne. Und selbst diese nächste Stufe zu erreichen wird nie genug sein; es wird nicht ersetzen, was Gott der Schöpfung und uns, seinen Kindern, tatsächlich verheißen hat: eine wiederhergestellte und vollständige Beziehung mit ihm und anschließend miteinander (Apostelgeschichte 17, 22–31).

Sein Plan für jeden Menschen basiert nicht auf unserer Nukleotidsequenz; er basiert nicht darauf, wie gesund oder invalide, lang- oder kurzlebig wir sind. Er basiert auf einer spirituellen Beziehung, die jenseits des Materiellen besteht. Wir haben gelernt, Gene auszuschneiden und einzubringen, abzuschneiden und zu spleißen. Genetische Rekombination ist unsere Stärke. Geistliche Wiederherstellung – den Geist im Menschen wieder mit Gottes Geist und Willen in Verbindung zu bringen – ist das Vorrecht Gottes und das künftige Gelobte Land für alle Menschen (1. Korinther 2, 9–14).