Frühjahr 2017

Editorial

Einsichten

Was kommt nach dem Tod?

David Hulme

Geliebte Menschen zu verlieren – sei es durch Unfall, Krankheit, Alter, Hunger, Krieg oder Terrorismus – ist immer schwer. Der Tod gehört zum Menschsein, doch dieses Wissen ändert weder etwas an der unmittelbaren Trauer und dem Schmerz noch an den langfristigen Folgen.

Fragen über das Leben nach diesem Leben haben uns alle schon einmal beschäftigt: Werden wir diese geliebten Menschen je wiedersehen oder sind sie für immer verloren? Sind sie irgendwie noch lebendig, unsterblich und können sie mit uns kommunizieren? Sind sie im Himmel und blicken auf uns herab, bereit, uns zu helfen – oder müssen sie weiterhin leiden?

Wie regelmäßige Vision-Leser wissen, ist es unser Bestreben, Dinge aus biblischer Sicht zu betrachten, und dabei stellen wir oft fest: Was für die Aussage der Bibel gehalten wird, „ain’t necessarily so“, wie es in einer Arie aus Porgy and Bess heißt – muss nicht unbedingt stimmen.

Wie definiert die hebräische heilige Schrift den Menschen? Sind wir nur Materie – eine zufällige Ansammlung von Atomen? Oder sind wir Geist, der in einem materiellen Körper gefangen ist? Die diesbezügliche Verwirrung resultiert großteils aus der Fehldeutung des hebräischen Wortes nefesch in 1. Mose 2, wo die Erschaffung des ersten Menschen beschrieben wird: „Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen [nefesch]“ (1. Mose 2, 7; Luther-Bibel 1984). Dies unterscheidet sich von Luthers eigener Übersetzung von 1545: „VND gott der HERR machet den menschen aus dem Erdenklos / vnd er blies jm ein den lebendigen Odem in seine Nasen / Vnd also ward der Mensch eine lebendige Seele“, nach der es auch in der Luther-Bibel von 1912 noch heißt: „Und Gott der HERR machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele“. Diese Übersetzungen waren von den frühen Kirchenvätern des zweiten und dritten Jahrhunderts beeinflusst, die ihrerseits die philosophische Vorstellung der griechischen Antike übernommen hatten, dass der Mensch ein Körper sei, dem die Seele innewohne. Für sie war die Seele der wesentliche und unsterbliche Teil, der Körper dagegen nur ein vorläufiges Behältnis. Doch das Buch 1. Mose lehrt uns, dass die sogenannte Seele eines Menschen grundsätzlich nichts anderes sein kann als materiell und körperlich. Der Mensch wurde ein lebendiges Wesen, als Gott ihm den Atem des Lebens einhauchte.

Das Wort nefesch wird auch für Tiere verwendet: „Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels“ (1. Mose 1, 20). Dies würde kaum jemand in dem Sinn verstehen, dass Meerestiere eine unsterbliche Seele haben. Tiere und Menschen sind einfach Lebewesen, die atmen und durch Sauerstoff am Leben gehalten werden.

In der Jewish Study Bible kommentiert Jon Levenson diese hebräische Sichtweise, die in 1. Mose zum Ausdruck kommt: „Der Mensch ist kein Amalgam aus vergänglichem Leib und unsterblicher Seele, sondern eine psychophysische Einheit, deren Leben selbst von Gott abhängt.“

So überrascht es nicht, dass die hebräische heilige Schrift durchgängig dieser Sichtweise entspricht. Im Buch Hiob heißt es: „Aber der Geist ist es in den Menschen und der Odem des Allmächtigen, der sie verständig macht“ (Hiob 32, 8). Dies hängt natürlich mit dem Schöpfungsbericht in 1. Mose zusammen, doch nun wird das, was denken kann, als „Geist in den Menschen“ bezeichnet. Es kommt von Gott und gibt uns die Fähigkeit, zu verstehen.

Die hebräische heilige Schrift erklärt, dass beide Teile dieser psychophysischen Einheit mit dem Tod aufhören zu funktionieren. In den Psalmen kommt dies klar zum Ausdruck: „Des Menschen Geist muss davon, / und er muss wieder zu Erde werden; dann sind verloren alle seine Pläne“ (Psalm 146, 4).

Das Weisheitsbuch Prediger lehrt: „Denn die Lebenden wissen, dass sie sterben werden [weil sie sich ihrer selbst bewusst sind], die Toten aber wissen nichts [nach dem Tod gibt es kein Bewusstsein mehr]; sie haben auch keinen Lohn mehr, denn ihr Andenken ist vergessen. Ihr Lieben und ihr Hassen und ihr Eifern ist längst dahin“ (Prediger 9, 5–6a). Und dem Menschen ergeht es nicht anders als dem Vieh: „Wie dies stirbt, so stirbt auch er“ (Prediger 3, 19); „der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat“ (Prediger 12, 7). Der Körper kehrt zurück zur Erde als Materie, die verrottet, oft als Staub oder Asche, und der Geist kehrt zurück zu Gott.

Die Vorstellung, dass die Seele nach der Auflösung des Körpers weiter existiert, beruht auf philosophischer oder theologischer Spekulation statt auf einfachem Glauben und wird dementsprechend nirgendwo in der Heiligen Schrift ausdrücklich gelehrt.“

Kaufmann Kohler, „Immortality of the Soul“ in The Jewish Encyclopedia

Doch trotz der scheinbaren Endgültigkeit des Todes wurde das Ende dieses Lebens von den Hebräern als vorläufig, als eine Art Schlaf verstanden. Sie wussten, dass eine Zeit des Erwachens kommen würde, in der der Leib wiederhergestellt und der Geist wiederbelebt werden würde – eine Auferstehung.

Die Hauptfigur im Buch Hiob fragt: „Meinst du, ein toter Mensch wird wieder leben?“ und antwortet: „Alle Tage meines Dienstes wollte ich harren, bis meine Ablösung kommt. Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände“ (Hiob 14, 14–15). Dann ruft er aus: „Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust“ (Hiob 19, 26–27).

Die Rückkehr zu bewusstem Leben erfolgt zweifach: körperlich und geistig. Der Prophet Hesekiel sprach von einer Auferstehung körperlicher Menschen zu körperlichem Leben: „So spricht Gott der HERR zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet. Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin“ (Hesekiel 37, 5–6). Der Prophet Daniel schrieb über Menschen, die zu ewigem Leben oder ewigem Tod auferweckt werden: „Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande“ (Daniel 12, 2). Daniel selbst wurde beschieden: „Du aber, Daniel, geh hin, bis das Ende [dein Tod] kommt, und ruhe, bis du auferstehst zu deinem Erbteil am Ende der Tage“ (Daniel 12, 13). All diese Verse sprechen von der Auferweckung vormals körperlicher Menschen, die für eine gewisse Zeit aufgehört haben, zu existieren.

Betrachten wir zum Schluss die Worte eines anderen hebräischen Gelehrten – des Apostels Paulus. In seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth erklärt er, dass es uns allen so ergehen werde wie den ersten Menschen: In Adam würden alle sterben. Doch, so fährt er fort, „werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden“ (1. Korinther 15, 22). Er verweist auf 1. Mose 2, 7: „Der erste Mensch, Adam, ‚wurde zu einem lebendigen Wesen‘ [griechisch psyche]“ und zeigt auf, wodurch die Auferstehung möglich wird: „und der letzte Adam [Christus] zum Geist [griechisch pneuma], der lebendig macht“ (1. Korinther 15, 45). Nichts deutet darauf hin, dass Paulus die griechische Vorstellung von einer unsterblichen Seele akzeptierte. Er tat es nicht, weil der hebräische Originaltext diese Vorstellung nicht stützt. Tatsächlich ist sie der Bibel in beiden Sprachen fremd.

Alle Fragen, die mit einer unsterblichen Seele zusammenhängen – ob sie nach dem Tod vom Himmel auf geliebte Hinterbliebene herabblickt oder ewige Qualen erleidet, ob wir geliebte Verstorbene je wiedersehen usw. – werden beantwortet, wenn man diese grundlegenden biblischen Wahrheiten durchdenkt.