Winter 2017

Editorial

Einsichten

Was wirklich zählt: moralische Prinzipien

David Hulme

Mit eindrucksvollen Zitaten über Moral bekommt man in den sozialen Medien viel Zuspruch. Wir reagieren mit Begeisterung, wenn wir lesen: „Der ultimative Test für eine moralische Gesellschaft ist die Welt, die sie ihren Kindern hinterlässt“ – ein Ausspruch, der Dietrich Bonhoeffer von der Bekennenden Kirche zugeschrieben wird. Oder Martin Luther Kings Satz: „Ein Mensch stirbt, wenn er sich weigert, für das aufzustehen, was richtig ist.“ Solche Weisheiten sprechen uns tief im Inneren an.

Überraschung und Bewunderung löst auch ein prinzipientreuer Mensch aus, der sich durch nichts davon abhalten lässt, zu erfüllen, was sein Glaube von ihm verlangt – so wie der Sanitäter und Pazifist Desmond Doss in Mel Gibsons Film Hacksaw Ridge – die Entscheidung, der auch den Sabbat hielt. Dieser ungewöhnliche und unbewaffnete Held rettete 1945 in der Schlacht von Okinawa etwa 75 Verwundete, indem er sie Mann für Mann von einer Felswand abseilte. Er war der einzige amerikanische Soldat, der im Zweiten Weltkrieg den Dienst an der Waffe verweigerte und dennoch mit der Medal of Honor ausgezeichnet wurde.

Ich fand es nicht richtig, jemandem das Leben zu nehmen; nach meinem Empfinden hatte Gott das Leben gegeben, und ich hatte nicht das Recht, es wegzunehmen.“

Interview mit dem Gefreiten Desmond T. Doss, US Army Medical Department (20. März 1987)

Moralische Prinzipien, Werte und die Taten, die ihnen folgen – das ist es, was wirklich zählt. Was in jedem beruflichen oder sonstigen Lebensbereich Menschen überzeugt und auch überführt, ist das Umsetzen von Prinzipien im gelebten Beispiel.

Dennoch sind viele schnell dabei, die Taten tapferer, prinzipientreuer Menschen abzutun, während sie im gleichen Atemzug ihr Engagement loben. So bewundern sie z. B. die Prinzipientreue von Christen, die den Sabbat halten, reden sich aber darauf heraus, sie persönlich wollten nicht übertrieben streng sein – womit sie die Handlungsweise, die zu der Bewunderung geführt hat, effektiv entwerten. Mit anderen Worten: Mag der andere nach seinen Prinzipien handeln, ich will kein Fanatiker sein. Das ist ein interessantes Manöver, das im Inneren des Menschen abläuft. War Jesus ein Fanatiker, als er den Sabbat hielt? Bestimmt nicht. War das Problem mit den strengen Pharisäern ihre gehorsame Einhaltung des Sabbats oder war es ihr selbstgerechtes, richtendes Auftreten gegenüber anderen? Eindeutig das Letztere.

Wir neigen zur Selbsttäuschung, wenn unser Handeln im Widerspruch zu den gelebten Prinzipien und moralischen Werten steht, die wir bei anderen bewundern. Dann setzt das Wegerklären ein, und wir finden einen Grund dafür, dass wir nicht tapfer, beharrlich oder engagiert sind. Wir sagen uns, das Richtige zu tun sei zu schwer, wir verstecken uns hinter Sätzen wie „Ich bin kein Heiliger“ oder entschuldigen unser Fehlverhalten mit „Ich bin eben ein schwacher Mensch“. Aber Jesus mahnte die Menschen in seiner Nachfolge: „Lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Matthäus 5, 16), und sagte: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Vers 48).

Der Glaube sollte sich in guten Werken zeigen – darin, das Richtige zu tun. Bekenntnis ohne entsprechendes Handeln werde nur schreckliche Enttäuschung hervorrufen. Denn „es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel“ (Matthäus 7, 21).

Kann man menschliche Schwäche so überwinden, dass aus dem richtigen Prinzip auch das richtige Handeln resultiert? Unmittelbar vor seinem Tod sicherte Jesus den Menschen in seiner Nachfolge seine anhaltende Hilfe zu. Sie war eng mit einem Leben nach seiner Lehre verbunden: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen“ (Johannes 14, 23).

Im Kampf gegen die Schwächen der menschlichen Natur kann es keine bessere Hilfe geben!