Sommer 2001

Religion

Die Stufen des Größenwahns

David Hulme

Er ist ein bleibendes Bild in der abendländischen Kultur. Eine schnelle Suche im Internet offenbart die Faszination, die der Turmbau zu Babel Jahrhundert für Jahrhundert auf uns ausübt. Manche Webseiten bieten sogar Zeitschienen mit Informationen zu Babel, die sich von 5000 v. Chr. bis 2001 n. Chr. erstrecken. Dazu gehören Werke der bildenden Kunst, Musik, Literatur und Philosophie, Reden, Nachrichtenmeldungen und Filme über das Thema verfehlter, hochfahrender menschlicher Ziele.

Dass dieses Bild von Babel so langlebig ist, macht uns vielleicht deutlich, dass jener Bau eine viel tiefere Bedeutung hat. An dem biblischen Bericht über ein antikes Bauprojekt, der die nachaufklärerische Ablehnung des religiösen Glaubens überlebt hat, muss wohl etwas Besonderes sein.

Wie begann die Geschichte des Turmbaus? Das biblische Buch über die Anfänge, Genesis (das 1. Buch Mose), sagt uns, dass einer der Söhne Noahs in der frühen Menschheitsgeschichte einen Urenkel namens Nimrod hatte. Er wird als ein Mann von beachtlichem Ansehen und Führungsqualitäten beschrieben. „Nimrod … war der erste, der Macht gewann auf Erden, und war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn. Daher spricht man: Das ist ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn wie Nimrod. Und der Anfang seines Reichs war Babel, Erech, Akkad und Kalne im Lande Schinar [Babylon]“ (1. Mose 10, 8-10). Manche haben Nimrods Beziehung zu Gott negativ gedeutet und „vor dem Herrn“ mit „gegen den Herrn“ übersetzt – vielleicht, weil Nimrod als Erbauer des ersten Turms zu Babel gilt, mit dem die Menschen Gott herausforderten, indem sie bildlich nach dem Himmel griffen.

Der Bericht der Genesis (1. Mose) enthält einige vertraute Anklänge an spätere babylonische Bautechniken und Einstellungen: „Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, laßt uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel“ (Kap. 11, 1-3). Wir wissen von den im 19. und 20. Jahrhundert ausgegrabenen Ruinen Babylons aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., dass in der Stadt mit harten, gebrannten Ziegeln und mit Asphalt oder Teer als Mörtel gebaut wurde.

Dann kommentiert der biblische Bericht die Einstellung der ersten Bewohner Babylons: „und sprachen: Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder“ (Vers 4).

Wir wissen auch von ähnlichen Ideen im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau eines Turms in Babylon durch König Nabupolassar (der von etwa 625-605 v. Chr. herrschte) und seinen Sohn Nebukadnezar (605-562 v. Chr.). Der Vater, Gründer des Spätbabylonischen Reiches, unternahm den Wiederaufbau eines zerstörten Stufenturms (Zikkurat) namens Etemenanki. Laut dem New Bible Dictionary (Neues Bibellexikon) ist Etemenanki sumerisch und bedeutet „der Bau der Fundamentplatte des Himmels und der Erde“, „dessen Spitze an den Himmel reicht“. Er stand neben dem Heiligtum des Marduk, dem Tempel Esagila, was (wiederum laut New Bible Dictionary) „der Bau, dessen Spitze im Himmel ist“ bedeutet. An der Ausgrabungsstätte wurde eine Inschrift von Nabupolassar gefunden, in der es heißt: „zu jener Zeit gebot mir Marduk, den Turm Babels … an die Brust der Unterwelt fest zu gründen, während seine Spitze himmelan strebe“ (C. W. Ceram, Götter, Gräber und Gelehrte, Hamburg 1949). Nebukadnezar, der sein Werk vollendete, verstand seine Worte so, dass der Bau „für die Ewigkeit“ sein sollte.

Die Realisierung eines menschlichen Bauwerks, das mit Gott und seinem Plan wetteifert, impliziert vielleicht unbewusst die Ahnung, dass in der Beziehung der Menschheit zu ihm etwas nicht stimmt. Wir Menschen haben auch Freude daran, sichtbare Hindernisse zu überwinden und etwas Großartiges zu leisten. Vielleicht erklären diese beiden Impulse die Langlebigkeit des Bildes und seine anhaltende Faszination für uns.

Bildlich dargestellt wurde diese zeitlose Ikone unter anderem von Pieter Brueghel d. Ä. (um 1525-1569) in seinem Bild Der Turmbau zu Babel. Brueghel gehörte einer Bewegung europäischer Maler an, die sich darauf spezialisierten, diesen Turm zu malen. Brueghel hatte Rom besucht, und sein Gemälde basiert auf seinen Eindrücken vom Kolosseum. Im Jahr 1928 schuf der niederländische Maler M.C. Escher (1898-1972) seine eigene Interpretation des Turmbaus. Der Europarat verwendete das antike Symbol bei einem Plakat, das ein zweites Gemälde Brueghels von dem Turmbau zitierte. Es erschien auch in der Herbstausgabe 1996 der internationalen Finanzzeitschrift International Currency Review.

Wenn der Turm auch eine anhaltende Faszination ausübt – sein Bau gefiel Gott nicht. Die Genesis berichtet: „Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, laßt uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe! So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder“ (1. Mose 11, 5-9).

Es war nicht so sehr das Gebäude selbst oder die Anstrengung, es zu bauen, sondern die Hybris – der arrogante, stolze Größenwahn der Erbauer, dem Gott sich entgegenstellte.