Winter 2005

Wissenschaft & Umwelt

Das Leben - unreduzierbare Komplexität

John C. Anderson

Die Evolutionstheorie wird heutzutage von Teilen der Wissenschaftsszene auf eine Weise hinterfragt, die vermutlich selbst Darwin unterstützt hätte, wenn er Zugang zur modernen Technologie gehabt hätte. Es ist doch erstaunlich, wie unwissenschaftlich und leichtgläubig manche Theorien einfach übernommen werden.

Während Sie diesen Artikel lesen, vollzieht sich ohne Ihr Wissen ein erstaunlicher Prozess. Lichtphotonen, die von der bedruckten Seite reflektiert werden, dringen durch die Hornhaut in Ihr Auge ein. Diese kleinen Energiepakete werden durch die Linse auf die Netzhaut gebündelt. In den lichtempfindlichen Rezeptoren (den Stäbchen und Zapfen, aus denen die Netzhaut besteht) lösen sie eine komplexe Folge chemischer Reaktionen aus, sodass diese ihrerseits elektrische Impulse an das Gehirn senden. Das Gehirn wandelt diese elektrischen Impulse in ein inneres Bild um - wie dies vor sich geht, versteht die Wissenschaft allerdings noch nicht. Auf diese Weise können Sie die Formen von Buchstaben und Wörtern erkennen - die Gedanken und Begriffe vermitteln. Gedanken, die zuerst im Geist des Autors waren, können durch dieses Mittel in den Geist des Lesers übertragen werden.

Der biochemische Prozess, der zu unserem Sehvermögen gehört, ist einer von vielen, die Michael J. Behe in seinem Buch Darwin‘s Black Box - The Biochemical Challenge to Evolution von 1996 behandelt.

Seit fast 150 Jahren wird das wissenschaftliche Denken von der Philosophie der Evolution beherrscht. Der Glaube, all die staunenswerte Vielgestaltigkeit des Lebens ließe sich mit rein naturalistischen Mechanismen erklären, wurde Ende des 19. Jahrhunderts von vielen begeistert akzeptiert; im 20. Jahrhundert ist er zu einem starren Dogma geworden. Zwar wurde die Evolutionstheorie mehrfach in Frage gestellt, doch diese Bemühungen wurden meistens abgeschmettert, weil sie von religiöser Seite kamen, deren fundamentaler Glaube an einen Gott mit übernatürlicher Macht von vielen als unwissenschaftlich abgelehnt wird. Behes Argumente beruhen auf wissenschaftlicher Beobachtung und sind daher nicht so leicht von der Hand zu weisen.

Behe erklärt, dass man vor der Entwicklung des Mikroskops nur die größere Anatomie von Lebewesen sehen konnte; aber weil unbekannt war, wie alles funktionierte, war der ganze Organismus effektiv eine „Black Box“ (schwarze, undurchsichtige Kiste): „ein Objekt, das etwas tut, dessen innere Funktion aber im Dunkeln bleibt - manchmal weil sie unsichtbar ist, und manchmal einfach, weil sie nicht verständlich ist“.

Vor der Entwicklung des Mikroskops konnte man nur die größere Anatomie von Lebewesen sehen; aber weil unbekannt war, wie alles funktionierte, war der ganze Organismus effektiv eine „Black Box“. Mit der Erfindung des Mikroskops wurde es möglich, zu sehen, dass alle Organismen aus Zellen bestanden, aber die Zelle selbst war immer noch eine „Black Box“. Später konnten Wissenschaftler mit Elektronenmikroskopen subzellulare Strukturen innerhalb der Zellen sehen, aber wie diese Organzellen funktionierten, war wiederum eine „Black Box“. Heute kann man mit der Röntgenkristallographie und anderen Techniken wie der kernmagnetischen Resonanz die Position jedes Atoms innerhalb eines Moleküls bestimmen.

Laut Behe sind die Argumente für die Evolution nicht stichhaltig, weil sie auf Verallge-meinerungen beruhen statt auf einem genauen Verständnis der wahren Natur des Lebens auf biochemischer Ebene.

Er behauptet: „Viele sind Darwin in der Auffassung gefolgt, gewaltige Veränderungen ließen sich in kleine, plausible Schritte über lange Zeit-räume aufgliedern. Überzeugende Beweise für diese Meinung sind bisher allerdings ausgeblieben. … Mit Hilfe der modernen Biochemie können wir die Grundstruktur des Lebens sehen. Wir haben jetzt eine solide Basis, um zu bewerten, ob die angenommenen kleinen Schritte, die große evolutionäre Veränderungen bewirken, je klein genug sein können. … Die Biochemie hat Darwins Theorie auf den Prüfstand gestellt - indem sie die letzte ,Black Box‘ geöffnet hat, die Zelle, und uns dadurch möglich gemacht hat zu verstehen, wie Leben funktioniert. Es ist die erstaunliche Komplexität subzellularer Strukturen, die geradezu zur Frage zwingt: „Wie kann sich all dies entwickelt haben?‘“

DIE EVOLUTION IN KLEINE SCHRITTE ZERTEILT

Mit dem Begriff „unreduzierbare Komplexität“ beschreibt Michael Behe sein grundsätzliches Argument gegen Darwins Evolutionstheorie. Wie er ausführt, weist Darwin selbst in The Origin of Species (Die Entstehung der Arten) auf etwas hin, das seine Theorie hinfällig machen könnte: „Wenn bewiesen werden könnte, dass es einen komplexen Organismus gibt, der unmöglich durch zahlreiche, sukzessive, geringfügige Abwandlungen entstanden sein kann, dann würde meine Theorie absolut zusammenbrechen.“

Behe definiert unreduzierbare Komplexität als „ein einzelnes System, das aus mehreren gut aufeinander abgestimmten, sich gegenseitig beeinflussenden Teilen besteht, die zum Funktionieren des Ganzen beitragen und in dem das Fehlen eines dieser Teile bewirken würde, dass das ganze System praktisch nicht mehr funktioniert“. Als Beispiel für solch ein einfaches, aber dennoch unreduzierbares System führt er eine Mausefalle an. Sie besteht aus nur fünf Teilen und ein paar Krampen; doch jedes Teil muss vorhanden sein, damit sie funktioniert. Und die Teile müssen nicht nur alle vorhanden sein, sondern auch die richtige Größe haben, richtig platziert sein und selbst die Eigenschaften haben, die sie geeignet machen, ihre Funktion im System zu erfüllen. Die Feder muss das Spannstück mit ausreichender Kraft schließen, um die Maus zu töten. Die Bodenplatte muss fest genug sein, um das Spannstück zu halten, wenn die Falle aufgestellt ist, und so weiter.  

Das ist genau der Umstand, unter dem Darwins Theorie, wie er selbst einräumte, „absolut zusammenbrechen würde“.

Wenn ein unreduzierbar komplexes System nicht alle Teile aufweist, kann es nicht funktionieren. Wenn es nicht funktioniert, bietet es dem Organismus keinen Vorteil, in den meisten Fällen wird der Organismus sogar nicht überleben. Aus diesem Grund müssen alle Teile zur selben Zeit existieren. Das bedeutet, ein solches System kann unter keinen Umständen durch „zahlreiche, sukzessive, geringfügige Abwandlungen“ entstehen. Das ist genau der Umstand, unter dem Darwins Theorie, wie er selbst einräumte, „absolut zusammenbrechen würde“.

Behe fügt hinzu, dass: „viele Studenten aus Textbüchern lernen, wie sie die Welt durch die Brille der Evolution betrachten sollen. Sie lernen jedoch nicht, wie die Darwinsche Evolution auch nur eines der bemerkenswert komplizierten biochemischen Systeme hervorgebracht haben könnte, die diese Texte beschreiben.“

All das führt eine Person, die „sich nicht genötigt fühlt, ihr Suchen auf unintelligente Ursachen zu beschränken, zu dem nahe liegenden Schluss … dass viele biologische Systeme geplant wurden. Sie wurden nicht durch die Naturgesetze, nicht durch Zufall und Notwendigkeit geformt, sondern nach einem Plan. … Das Leben auf der Erde ist auf seiner grundlegendsten Ebene, in seinen entscheidenden Bestandteilen das Werk von intelligentem Handeln. Der Schluss auf eine intelligente Planung ergibt sich ganz natürlich aus den Daten selbst - nicht aus heiligen Büchern oder den Überzeugungen irgendeiner Glaubensrichtung.“

Der Schluss auf eine intelligente Planung ergibt sich ganz natürlich aus den Daten selbst – nicht aus heiligen Büchern oder den Überzeugungen irgendeiner Glaubensrichtung.“

Michael J. Behe, Darwin’s Black Box: The Biochemical Challenge to Evolution

Aber was kennzeichnet eine solche Planung? Laut Behe „ist Planung erkennbar, wenn mehrere getrennte, sich gegenseitig beeinflussende (interagierend) Komponenten so angeordnet sind, dass sie eine Funktion erfüllen, die über die der einzelnen Komponenten hinausreicht“.

Wie William Paley 1802 in seinem Buch Natural Theology erklärt: „Wenn wir auf einem Feld über eine Armbanduhr stolpern, wissen wir, dass die Uhr von jemandem geplant und gemacht worden ist, weil alle ihre Teile genau so geformt sind, dass sie zu einem bestimmten Zweck zusammenwirken: Die Zeit zu messen. Das Gleiche gilt für die innere Funktion einer Zelle, nur dass die Zelle unendlich viel komplizierter ist und aus unendlich viel mehr Teilen besteht, die alle zusammenwirken, um Leben zu erhalten und weiterzugeben.“

Auf den letzten Seiten seines Buches beklagt Behe die Reaktion der Wissenschaftler auf die Beweise für eine Planung hinter der Komplexität der Zelle und ihrer biochemischen Systeme:

Das Ergebnis dieser kumulativen Anstrengungen, die Zelle zu erforschen - das Leben auf der molekularen Ebene zu erforschen -, ist ein lauter, klarer, durchdringender Ruf: ,Planung!‘ Das Ergebnis ist so eindeutig und von so großer Tragweite, dass es als eine der größten Leistungen der Wissenschaftsgeschichte anzusehen ist. … Angesichts des Ausmaßes dieses Sieges, der durch solch große Kosten mittels jahrzehntelanger Anstrengungen errungen wurde, sollte man erwarten, dass in den Labors der Welt die Champagnerkorken fliegen. … Doch es wurden keine Flaschen entkorkt. Warum macht sich die Wissenschaft diese verblüffende Entdeckung nicht begierig zu Eigen? … Das Dilemma ist: Wenn auf einer Seite des Elefanten ,intelligente Planung‘ steht, könnte auf der anderen ,Gott‘ stehen.“

GEWALTIGER ZUFALL

Die Schlussfolgerungen, die Behe zieht, werden von einem anderen Werk unterstützt: The Design Inference: Eliminating Chance Through Small Probabilities von William Dembski, 1998 (Die Schlussfolgerung auf Design: Zufall eliminiert durch geringe Wahrscheinlichkeit).

Diese Folgerung basiert auf einem Denkansatz, den Dembski, stellvertretender Professor auf dem Gebiet der begrifflichen Grundlagen der Wissenschaft an der Baylor Universität, das „Gesetz der geringen Wahrscheinlichkeit“ nennt, wonach bestimmte Ereignisse, die unwahrscheinlich sind, nicht durch Zufall eintreten.

Dembski nennt das Beispiel eines Wahlhelfers, der angeklagt wurde, weil er - angeblich durch reinen Zufall - auf 40 von 41 Stimmzetteln den Namen seiner Partei als den des Siegers fand. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies zufällig geschieht, beträgt weniger als 1:50 Milliarden, sodass das Gericht befand: „Angesichts dieser Wahrscheinlichkeit wird schwerlich ein denkender Mensch die Erklärung des blinden Zufalls akzeptieren.“

Eine fundierte Grundlage für den Ausschluss des Zufalls als Erklärung für das Eintreten eines bestimmten Ereignisses ist in vielen Bereichen wichtig - zum Beispiel für den Schutz geistigen Eigentums (Urheberrecht), bei der Fahndung nach Kriminellen, bei der Entdeckung von falschen Angaben in wissenschaftlichen Studien und der Entschlüsselung von Geheimcodes. Außerdem ist sie ein zentrales Argument in der Kontroverse um Schöpfung oder Evolution.

DESIGN ERKENNEN

Behe, Denton und Dembski stellen fest, dass der Rückschluss auf intelligente Planung, den sie aus den Tatsachenbeweisen des Universums ziehen, nicht einen bestimmten Planer identifiziert. Doch der tatsächliche Planer hat die Menschen nicht ohne eine Offenbarung seiner Existenz und Identität gelassen.

Vor fast 2000 Jahren kam der Apostel Paulus zu dem gleichen Schluss: „Denn der Zorn Gottes wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrhaftigkeit durch Ungerechtigkeit niederhalten. Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart. Denn Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt, so daß sie keine Entschuldigung haben“ (Röm. 1, 18-20).

Die Schönheit und Komplexität des Lebens sollte uns eigentlich dazu führen, Gott zu preisen, wie König David es vor drei Jahrtausenden tat. David schrieb: „Ich danke dir dafür, daß ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke“ (Ps. 139, 14). David schrieb auch: „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch … daß du dich seiner annimmst?“ (Psalm 8, 4-5).

Die Lichtphotonen, die auf unsere Augen treffen, wenn wir in den Nachthimmel blicken, haben ungeheure Entfernungen hinter sich gebracht, bevor sie uns erreichen. Diese Photonen lösen eine unreduzierbar komplexe biochemische Reaktion aus, die es uns ermöglicht, zu sehen. Doch die Sehkraft der Augen ist nichts im Vergleich zur Sehkraft unseres Geistes. Kann die unbegreifliche Dimension des Universums und die Komplexität des Lebens uns dazu bringen, die Größe Gottes zu sehen, wie es König David tat?