Sommer 2005

Wissenschaft & Umwelt

Sensationelles aus der Gehirnforschung

David Hulme

Neues Denken ist möglich! Jahrelang ging die Forschung davon aus, die „Verdrahtung“ des Gehirns von Neugeborenen sei bereits weitestgehend „vorprogrammiert“, doch neue Befunde zeigen, dass Veränderungen und „Neuprogrammierung“ möglich sind. Eine sensationelle Erkenntnis, nicht nur für Forscher!

„Niemand, der sich nicht selbst überzeugt, wird von dir überzeugt werden“, und „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg“ – zwei Sprichwörter, die ausdrücken, wie schwierig oder leicht wir es gemeinhin finden, unser Denken dauerhaft zu ändern.

Wenn wir erklären wollen, wie Entscheidungen durch eigene, unabhängige Denkprozesse bestimmt werden, ist die Bedeutung des eigenen Willens von entscheidender Bedeutung. Wenn wir nicht einer Überzeugung anhängen, dass alles im menschlichen Leben vorherbestimmt ist, müssen wir anerkennen, dass der Mensch moralische Entscheidungen frei treffen kann. Wir sind weder durch unsere Gene noch durch unsere frühesten Kindheitserfahrungen unabänderlich programmiert; wir können unser Leben durch bewusstes Denken und Wollen, das zum Handeln führt, verändern. Wie sich dieser Prozess in der materiellen Struktur des Gehirns exakt erkennen lässt, ist erst in jüngster Zeit bekannt geworden.

Jahrelang ging die Forschung davon aus, das Gehirn von Neugeborenen sei bereits „vor-verdrahtet“ – seine Entwicklung von der Geburt bis ins Jugendalter sei das Ergebnis der Entfaltung des vorhandenen Potenzials, und mit dem Erwachsenenalter erreiche es seinen endgültigen Zustand. Neue Befunde zeigen jedoch, dass die Schaltkreise des Gehirns festgelegt („verdrahtet“) werden, während sich ein Mensch entwickelt, und dass sie durch bewusstes Denken verändert werden können (siehe Artikel „Die Einheit von Geist und Materie“). Mit anderen Worten, wir können unsere Denk- und Verhaltensmuster durch unseren eigenen, selbstgesteuerten Willen verändern. Der materielle Beweis hierfür sind feststellbare physische Veränderungen in den neuronalen Bahnen des Gehirns. Diese neuen Schaltkreise können sich festigen und frühere ersetzen.

Der Fachbegriff für die Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu verdrahten, ist „Neuroplastizität“. Dieses Phänomen entdeckte man zuerst bei der Arbeit mit Opfern von Schlaganfällen und obsessiven Zwangsstörungen (OCD – obsessive-compulsive disorder). Es zeigte sich, dass Patienten mit durch Hirnblutungen geschädigten Gehirnfunktionen, die zu bestimmten Tätigkeiten nicht mehr fähig waren, diese wieder erlernen konnten. Ihr Gehirn bildete neue Bahnen um das Problem herum. Hierzu war intensives Training erforderlich, doch es führte zu positiven und dauerhaften Veränderungen. Die Patienten mit OCD (z.B. Waschzwang aus Angst vor Keimen) erfuhren eine Besserung, als sie verstanden, dass das Problem in der Verdrahtung eines Teiles ihres Gehirns lag. Es wurde ihnen beigebracht, ihre fehlerhafte Verdrahtung durch Einsatz ihres eigenen freien Willens zu korrigieren (siehe Sonderdruck „Vier riesige Schritte für die Menschheit“).

Selbstverständlich sind solche Durchbrüche auch bei anderen Geisteskrankheiten und Verhaltensstörungen dringend nötig. Diese neuen Erkenntnisse sind von großer Tragweite in Bezug auf die Linderung der schwierigsten und heikelsten menschlichen Probleme, angefangen von der Depression über Süchte aller Art, sogar bis hin zu festgefahrenen nationalen und internationalen Konflikten (siehe Sonderdruck „Der Weg aus der Sackgasse“). Schwer Depressiven kann mit dem Vier-Schritte-Programm geholfen werden, indem sie lernen zu erkennen, was in ihrem Gehirn abläuft, und mit bewusstem und von der eigenen Willenskraft unterstütztem Handeln etwas dagegen zu tun. Andere Untersuchungen haben ergeben, dass es möglich ist, bei Pornographiesüchtigen die sexuelle Reaktion abzustellen.

Regelmäßige Leser von Vision werden nicht überrascht sein, dass es eine geistliche Parallele zu diesen neuen Erkenntnissen gibt. Dass es nichtmaterielle Prinzipien hinter der materiellen Veränderung des Gehirns gibt, zeigt auch das alte hebräische Verb shub, das „umkehren“ bedeutet. Eine seiner wichtigsten Nebenbedeutungen ist, vor Gott falsches Handeln zu bereuen und sich vom Bösen abzuwenden. Das Wort verbindet zwei Aspekte der Reue: die Abwendung vom Bösen und die Hinwendung zum Guten. Das bedeutet, dass wir umkehren und den richtigen Weg einschlagen. Das Böse lässt sich sehr breit definieren als alles, was unserer Beziehung mit Gott oder den Menschen (auch uns selbst) schadet. Anders gesagt, Gedanken und Taten, die uns, anderen Menschen oder unserer Beziehung zu Gott schaden, sind insofern böse und müssen geändert werden – zuerst im Denken, durch den Einsatz des Willens, das Gute zu tun. Im Fall der alten Israeliten wollte Gott, dass sie ihr Tun änderten, indem sie zuerst ihr Denken änderten. Das Theological Wordbook of the Old Testament erklärt: „Durch die Umkehr, das ist eine gottgegebene Fähigkeit, kann ein Sünder seinem Schicksal eine neue Richtung geben.“ Das heißt, Verkehrtes (Sünde) kann durch Veränderung im bewussten Bereich des Denkens überwunden werden, wenn der Wille dazu eingesetzt wird. Fehlerhafte Schaltkreise im Gehirn – sei es aufgrund eines Hirnschadens oder bewusster Entscheidung – haben negative Auswirkungen. Der einzige Weg nach vorn, der Weg zu körperlicher wie geistiger Gesundheit, ist Veränderung bzw. Neuverdrahtung.

Die griechische Entsprechung des Verbs shub im Neuen Testament ist metanoeo. Seine Bedeutung schließt ein Umdenken ein, oder das Erreichen einer neuen Denkweise. Welche Rolle das stoffliche Gehirn hierbei spielt, verstehen wir erst seit kurzer Zeit. Wenn der Wille zur Veränderung da ist und spezifische Handlungen unternommen werden, entstehen neue neuronale Bahnen, die wiederum neue Einstellungen und Verhaltensmuster bewirken. Je öfter wir die neue Handlungsweise ausüben, desto dauerhafter wird das Verhaltensmuster.

Anhaltspunkte in Bezug auf eine mögliche Neuverdrahtung des Gehirns und eine daraus resultierende Änderung des Verhaltens gab es schon früher. Man sagt generell, dass es drei Wochen dauert, eine Angewohnheit abzulegen und eine neue „zu installieren“. Wir wissen auch, dass unser Gewissen, wenn wir regelmäßig schädliche und verkehrte Dinge tun, Schaden nimmt und sich das Böse allmählich einnistet und von uns akzeptiert wird. Der Ausweg aus so unterschiedlichen menschlichen Problemen wie obsessiven Zwängen, verkehrten Angewohnheiten, Rassenvorurteilen, Hassverbrechen, Depressionen, Brutalität und Ausbeutung anderer ist und bleibt ein grundlegendes Umdenken. Die jüdisch-christliche Schrift (die Bibel) hat uns das im Prinzip schon immer gesagt.

Wie wir gesehen haben, spricht diese Tradition von Reue als einem In-sich-Gehen und einer dauerhaften Veränderung unseres Handelns. Der Hirnforscher Jeffrey Schwartz sieht in seiner Technik für die Therapie von OCD große Ähnlichkeiten zum biblischen Konzept der Reue: „Es drückt mit anderen Worten genau das aus, worüber ich spreche! Das ist richtig verstandene Reue!“ Doch er räumt auch ein, dass Reue heute nicht in Mode ist, es aber sein sollte. „Man kann keine vertrauensvollen Beziehungen zu anderen entwickeln, ohne Fehler einzugestehen, ohne Aufrichtigkeit. Und Reue ist eigentlich eine Form von Aufrichtigkeit. Sie ist eine Form, einzugestehen: Ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe. Ich bin nicht vollkommen. Es gibt Dinge, die ich besser machen könnte.“

Wenn diese Denkweise auf die zahllosen Probleme der Welt, in der wir leben, angewandt würde, würde sich vieles ändern. Ein globales Umdenken ist das, was wir brauchen – und wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.