Sommer 2007

Wissenschaft & Umwelt

Interview

Ein Astronom über Spiritualität

Dan Cloer

Der Astronom Nahum Arav, Professor für Astrophysik an der University of Colorado, glaubt, dass die Wissenschaft einen Zugang zu einer neuen Form menschlicher Spiritualität eröffnet. Diese neue Spiritualität, die in einem Gefühl evolutionärer Verbundenheit mit einem sich wandelnden, wachsenden Universum gründe, würde, wenn sie vollständig verwirklicht wäre, die alten Vorstellungen von einem übernatürlichen Schöpfer transzendieren. 

Arav, der die Dynamik von Quasaren und ihre Rolle bei der Entwicklung von Galaxien erforscht, sprach mit dem Vision-Mitarbeiter Dan Cloer über Wissenschaft und Spiritualität.
 

DC Sie haben gesagt: „Der menschliche Geist braucht es
einfach, zu glauben.“ Was meinen Sie damit?

NA Wenn man dies aus einer naturwissenschaftlichen, evolutionären Perspektive betrachtet, kann man sehen, dass intelligente Wesen, die an das Übernatürliche glauben, sehr stark im Vorteil sind. Wir hatten einen enormen Vorteil in der Evolution, nachdem wir ein Gehirn, ein Bewusstsein und die Fähigkeit des Verstehens entwickelten. Doch damit ging auch eine enorme Belastung einher. Als wir uns unserer Selbst bewusst wurden, begriffen wir auch, dass alles, was wir tun, auf der persönlichen Ebene vergeblich ist – wir werden eines Tages sterben.

Einer der Auswege hieraus besteht darin, ein sehr starkes Glaubenssystem zu entwickeln, das über die natürliche Welt hinausreicht. Die häufigste Form bei allen menschlichen Gesellschaften auf diesem Planeten ist ein übernatürlicher Glaube. Der war äußerst notwendig, denn für Menschen ist es sehr schwer, in einem beliebigen und ziellosen Universum zu leben.

DC Wenn Sie also von „spiritueller Gleichwertigkeit“ sprechen, meinen Sie die grundlegenden Gemeinsamkeiten in den verschiedenen Glaubenssystemen aller Menschen.

NA Ja. Es ist ganz offensichtlich, dass die Glaubensüberzeugungen, die die Menschen praktizieren, von ihrer eigenen Familie und Umgebung kommen; all das kommt von dem Umfeld, das sie unterstützt. Was ich mit dem Prinzip der spirituellen Gleichwertigkeit zu vermitteln versuche, ist ein simpler Gedanke, aber von großer Tragweite: dass es Menschen spirituell besser geht, wenn sie weniger urteilen und weniger spalten. Gleichwertigkeit würde eine moralische Verbindung und eine gleichförmigere Beziehung zu allen anderen Spiritualitäten schaffen. Wir müssen unsere Glaubensüberzeugungen an objektiven Kriterien messen und das „Gute“ akzeptieren, das in jeder religiösen Tradition zu finden ist. Das ist produktiver, als die Unterschiede und „allein selig machenden Wahrheiten“ zu finden, nach denen Meins richtig ist und Deins falsch.

DC Einige vehemente Stimmen in der Wissenschaft erklären alle Religionen für falsch – z.B. Richard Dawkins und Christopher Hitchens. Sehen Sie das auch so?

NA Ich denke, Dawkins und Hitchens sprechen gegen den Dogmatismus, die Abspaltung und die Selbstgerechtigkeit, zu der organisierte Religionen führen können. Ich selbst glaube, dass wir sehr spirituelle Wesen sind und dass Religion eine tiefe und positive Wirkung auf unser Leben haben kann.

DC Dennoch gibt es Reibungen zwischen Religion und Wissenschaft. Religion beruht auf Autorität; Wissenschaft ist dagegen ein skeptisches System, das Autorität untergräbt. Wie überwinden wir das, um weiterzukommen?

NA Der anhaltende Kampf zwischen Wissenschaft und Religion ist in Geschichte und Politik eingebettet. Meiner Ansicht nach wussten wir bis vor rund 500 Jahren einfach nichts über die stoffliche, materielle Welt. Weil wir so wenig wussten, brauchten wir alle einen Bezugsrahmen, damit die Welt nicht einfach beliebig und unberechenbar wäre. Die Religion füllte für alle die Leere, denn sie lieferte Geschichten, wie alles begann, oder die Bedeutung von Plagen und Krankheiten und dergleichen. 

Dann geschah etwas Dramatisches in der Philosophie und in der Realität: Wir fanden einen Weg, eine Methode, die die stoffliche Welt schrittweise immer besser erklären kann. Seither rufen die religiösen Obrigkeiten aller Religionen zum Kampf dagegen auf, um ihren Einfluss zu behalten. „Wir haben gesagt, dass es so ist. Ihr könnt nicht daherkommen und uns erzählen, es sei anders.“ Ehrlich gesagt bin ich der Meinung, es ist für jede Religion ziemlich unklug, in faktischen und materiellen Dingen einen sehr bestimmten Standpunkt zu vertreten, denn jedes Mal, wenn das in den letzten 500 Jahren geschehen ist, hat die religiöse Position verloren.

DC Ist das Ihre Art zu sagen, dass wir davon loskommen müssen, Gott als Platzhalter für die Dinge zu behandeln, die wir nicht wissen?

NA Jemand hat einmal angemerkt, dass Menschen, die sich in diesem Kampf [zwischen Wissenschaft und Religion] engagieren, oft sagen: „Weil ihr nicht wisst, was den Urknall bewirkt hat, ist der Gottesbeweis erbracht.“ Das Gleiche wurde früher über Krankheiten, Wetter und Blitze gesagt. Theologisch und religiös denkende Menschen, die so etwas sagen, bringen sich in Gefahr, denn wenn man hieraus die Konsequenz zieht, ist ihre Religion in diesem Sinn nur die Summe unseres gesamten Nichtwissens.

DC In einem Interview hörte ich Sie sagen, es sei „gut, Freunde am Himmel zu haben“. Die Implikation war, dass das in Ordnung sei, solange diese Freunde die von den Arabern und Griechen identifizierten Konstellationen sind. Aber sich vorzustellen, dass da noch mehr ist, ist nicht in Ordnung?

NA Die Metapher von den Freunden am Himmel ist für uns alle von großer Wirkung. Die Sterne und Konstellationen als meine Freunde am Himmel zu haben, ist meine Art, mich verbunden zu fühlen und aus dem gewaltigen Anblick über uns Kraft und Trost zu schöpfen. Ich habe keine Bedenken dagegen, dass Menschen sich ihren Gott oder ihre höhere Macht am oder im Himmel vorstellen.

DC Kann größeres physikalisches Wissen – mehr Bewusstheit für das Universum – unser Bedürfnis nach Glauben wirklich befriedigen?

Ich bezweifle, dass die Wissenschaft je fähig sein wird, uns die spirituellen und emotionellen Dinge zu geben, nach denen wir hungern. Darum denke ich, dass der Glaube immer da sein wird.“

NA Ich bezweifle, dass die Wissenschaft je fähig sein wird, uns die spirituellen und emotionellen Dinge zu geben, nach denen wir hungern. Darum denke ich, dass der Glaube immer da sein wird. Ich hoffe nur, dass wir dies in unserer wachsenden Spiritualität so kanalisieren können, dass wir das Schlechte aus der alten, traditionellen Religion entfernen und die spirituellen und emotionellen Dinge behalten, die gut für uns sind. Ich sehe keinerlei Problem in einer wachsenden, sich wandelnden Spiritualität, aber ich spreche als Naturwissenschaftler, der nie etwas anderes sieht als ein veränderliches Bild.