Winter 2005

Wissenschaft & Umwelt

Interview

Gegner des Schöpfungsglaubens

David Hulme

In diesem Interview, das Vision-Herausgeber David Hulme im November 2004 führte, vertritt der angesehene Wissenschaftler das Gegenteil des Standpunkts von William Dembski (siehe unseren Sonderdruck „Ein klarer Fall von Design“).

 

DH Was entgegnen Sie den Verfechtern der intelligenten Planung (Intelligent Design, ID), die oft die Geißel von Bakterien als primitiven, aber hoch entwickelten Motor als Beispiel zitieren und behaupten, diese könne unmöglich durch zufällige Veränderungen entstanden sein, sondern müsse als Ganzes zusammengesetzt worden sein, um ihre Funktion erfüllen zu können.

CP Ich möchte der Prämisse widersprechen. Ich denke, zuerst ist alles purer Zufall. Dann entwickeln sich aufgrund zufälliger Mutationen Organismen, die einer bestimmten Umgebung besser angepasst sind als andere. Sie pflanzen sich mehr fort als diese, leben länger, und in einer Million, zwei Millionen, fünf Millionen Jahren funktionieren sie recht gut - besser, als sie sonst funktioniert hätten. Aber dahinter steckt keine gezielte Planung. Es war purer Zufall.

DH Nun haben die Vertreter der ID-Bewegung durchaus ihre Qualifikationen in der Welt der Wissenschaft, aber sie sind an einen Punkt gelangt, wo sie eine Wende vollzogen haben. William Dembski spricht heute vom anthropischen Prinzip - dass das Universum im Hinblick auf den Menschen geplant scheint. Damit wird das Argument auf den Kopf gestellt und gesagt: „Das alles ist da, weil wir da sind.“

CP Auch dem möchte ich widersprechen. Ich finde anthropische Argumente recht schwach und nicht überzeugend. Ja, es gibt bestimmte Konstanten - die Neigung der Erdachse, die Zeit, die es dauert, um die Sonne zu kreisen und all diese Dinge -, die die Erde absolut einzigartig machen. Aber ich meine, sie machen sie einzigartig für belebte Materie. Für mich gibt es nichts Gezieltes, das spezifisch zum Menschen geführt hat. Wir sehen nun einmal den Homo sapiens als Spitze einer Art Lebensbaum, und die Tatsache, dass die Erde diese Merkmale herausgebildet hat, ist gut für das Leben. Sie ist gut für das, was Chemiker „Aufrechterhaltung der Wasserstoffbindung“ nennen, eine Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Struktur der Nukleinsäuren DNA und RNA sowie der Proteine. Ohne die Wasserstoffbindung könnte Leben, wie wir es kennen, nicht bestehen. Das gilt für jeden lebenden Organismus.

Sicher sind die Menschen die Herren der Welt geworden, aber ich glaube nicht, dass Menschen etwas Besonderes sind. Ich habe große Schwierigkeiten, wenn Leute über „Seele“ oder „Geist“ als etwas reden, das sich vom Gehirn unterscheidet. Als Naturwissenschaftler tue ich mich schwer, das zu begreifen. Als Mensch - und wenn Sie wollen, als religiöser Mensch - kann ich verstehen, wovon sie sprechen, aber für mich ist Religion keine Alternative zur Wissenschaft. Es ist einfach eine Parallele. Es ist eine Art zu leben. Newton war gläubig, Einstein war gottgläubig. Ich denke, der Glaube an etwas Spirituelles ist etwas, das in uns geschieht: Christus ist nicht da draußen im Himmel, sondern in uns. Das steht nicht im Widerspruch zum tatsächlichen Mechanismus, der molekularen Grundlage von Dingen wie bewusstem Denken, Glück, Verzweiflung, Mutlosigkeit.

DH Was wäre der Überlebenswert der Religion aus der evolutionären Perspektive?

CP Wahrscheinlich nicht allzu viel. Tiere haben keine - jedenfalls nicht, soweit ich erkennen kann. Wenn man von Überleben spricht - Krokodile gibt es seit hundert Millionen Jahren, also könnte man sie als Meister im Überleben bezeichnen. Viel besser als die Menschen, die es erst seit ein paar Millionen Jahren gibt.

DH In Ihrem Buch fragen Sie zum Thema Tod: „Warum halte ich mich bei diesem Thema auf? Kann es sein, dass ich etwas fürchte, auf das ich eine Antwort suche?“ Was genau meinen Sie damit?

Im Prinzip sollte ich sehr froh sein, dass mein Körper plötzlich aufhört, wenn ich alt genug bin und nicht mehr funktioniere. Und doch …“

CP Ich denke, es fällt vermeintlich rationalen, reduktionistischen Leuten wie mir schwer, den Tod fröhlich zu akzeptieren. Ich bin wirklich überzeugt, dass er etwas ist, das uns allen Sorgen und möglicherweise Angst macht. Und es gibt keine rationale Erklärung. Im Prinzip sollte ich sehr froh sein, dass mein Körper plötzlich aufhört, wenn ich alt genug bin und nicht mehr funktioniere. Und doch - ich nehme an, das gehört zu unserer Kultur - fällt es uns sehr schwer zu akzeptieren, dass das Licht an geht, wenn wir geboren werden, dann an bleibt, und wenn wir sterben, geht es einfach wieder aus. Das ist es wohl, was ich meine.

DH Der australische Neurowissenschaftler Sir John Eccles war ein überzeugter Materialist. Doch als sich sein Leben dem Ende näherte, begann er nachzudenken, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass sein eigener Geist aufhörte.

CP Solche Dinge sind es, die ich meine. Manchmal finde ich mich in bedrohlichen Situationen, über die ich keine Kontrolle habe. Vor kurzem machte ich z.B. in Südspanien einen langen Spaziergang und stellte fest, dass ich nicht daran gedacht hatte, Wasser mitzunehmen. Ich glaube, ich hatte einen leichten Sonnenstich, und ich hatte einfach keine Energie. Mir war sehr übel. Ein Teil von mir sagte: Nun, wenn es sein muss, muss ich eben die Nacht am Berg verbringen. Das ist nicht das Ende der Welt. Die andere Seite sagte: Ich habe kein Wasser getrunken, und wenn ich mich nicht bewegen kann, um Wasser zu bekommen, dann ist das keine gute Lage. Ich glaube, ich bekam ein wenig Angst. In diesem Moment merkte ich, dass ich zu beten begann, ohne es zu wollen, und das ist - da stimme ich Ihnen zu - in gewisser Weise ein Widerspruch zu allem, das ich wissenschaftlich gesagt habe. Ich denke, darum geht es Ihnen.

DH Das stimmt. Es erinnert mich an Thomas Kuhn, den Autor von Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Er war ein Mann, der großes Vertrauen in die Wissenschaft und ihre Vorgehensweise hatte, und doch ist es die Kernaussage dieses Buches, dass jedes Paradigma gebrochen werden kann.

CP Nun, ich glaube, wenn Sie mich da „festnageln“, würde ich einfach sagen, dass meine Neuronen in einer bestimmten Weise reagieren. Diese Idee des Betens ist nur ein Weg, mich zu beruhigen und den Stress zu verringern. Man könnte sagen, ich hätte vielleicht das Gleiche erreicht, wenn ich eine Tablette genommen oder Mozart gehört hätte. Manche Menschen beten dann einfach. Das wäre dann mein Ausweg aus dem Dilemma.