Frühjahr 2001

Wissenschaft & Umwelt

Buchbesprechung

Künstliche Intelligenz - eine virtuelle Realität?

Wilf Hey

Die meisten Menschen, die sich zum Christentum bekennen, feiern Ostern als einen der beiden höchsten Feiertage im Jahr, und doch haben weder die Apostel noch die Urkirche es gefeiert. Tatsächlich kommt es in der Bibel nicht einmal vor - außer als falsche Übersetzung.

When Things Start to Think

Neil Gershenfeld. 1999. Hodder & Stoughton, London. 247 Seiten.

Wired Life

Charles Jonscher. 2000. Anchor (Transworld Publishers), London. 173 Seiten.

The Age of Spiritual Machines

Ray Kurzweil. 1999. Orion Publishing Group, London. 388 Seiten.

In der Computerwissenschaft und der Informationstheorie werden unglaubliche Fortschritte gemacht. Der PC von heute hat eine weit höhere Rechenkapazität als alle Computer der Fünfzigerjahre zusammen. Er ist komplexer als das „Elektronengehirn“, das die Reihe von Computern steuerte, die für die Mondlandung der Apollo-11-Astronauten erforderlich war.

Viele Experten sagen voraus, diese Generation werde Computer erleben, die intelligenter sind als der Mensch. Ist das möglich, oder nähern wir uns einer technologischen Grenze? Und wenn es uns gelingt, eine solche Grenze zu überschreiten, was werden wir dann erschaffen haben? Müssen wir fürchten, von einem computerisierten Monster übernommen zu werden wie in dem Kultfilm Die Matrix?

Neurologen zufolge ist das menschliche Gehirn die komplexeste Struktur im bekannten Universum. Bei einem Gewicht von weniger als 1,5 kg ist es von unzähligen Blutgefäßen durchzogen, die es mit Sauerstoff versorgen, und mit fast 2 Milliarden Neuronen ausgestattet - winzigen Zellen, die als Trioden fungieren und elektrochemische Signale umwandeln, freigeben, dämpfen oder verstärken.

Im 19. Jahrhundert, lange bevor es so etwas wie Elektronenrechner gab, führte der britische Mathematiker George Boole eine strenge, formale Grammatik für das logische Denken ein. Er wollte die praktischen Regeln aufzeigen, die die Denkfähigkeit des menschlichen Gehirns regeln.

Spätere Generationen von Wissenschaftlern fingen an, Booles Algebra spielerisch anzuwenden. Sie begannen zu fragen: Wenn das menschliche Gehirn nach gut definierten Regeln arbeitet, könnte man dann eine Maschine erdenken, die als ein künstliches Gehirn funktionieren würde?

Im Jahr 1940 kombinierte Claude Shannon vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) die Boolesche Algebra mit seinem eigenen Verständnis der Elektronik. Er wies nach, dass alle Booleschen Denkregeln in elektronischen Schaltkreisen nachgebildet werden konnten. Dies ermöglichte nicht nur die moderne Telefonie, sondern löste auch die Vorstellung aus, dass künstliche Intelligenz tatsächlich machbar sei.

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierten sich viele Wissenschaftler darauf, militärische Technologien zusammenzuführen und sie zur Wiederbelebung der Nachkriegswirtschaft anzuwenden. Riesige Maschinen, die zum Entschlüsseln feindlicher Codes gedient hatten, wurden nun eingesetzt, um banale geschäftliche Berechnungen schnell und genau durchzuführen.

Während Computer fast täglich leistungsstärker - und dabei paradoxerweise kompakter und preisgünstiger wurden, befassten sich Forscher mit der Aufgabe, eine Art Intelligenz in ihnen nachzubilden. Gleichzeitig fand eine Revolution in der Neurologie statt, und so konnte die Forschung endlich beginnen, die tatsächlichen Vorgänge im Gehirn zu erklären.

Heute sind wir soweit, dass einige Wissenschaftler erwarten, Intelligenz in einem Computer reproduzieren zu können. Die Rechengeschwindigkeit verdoppelt sich alle paar Monate, und neue Technologien wie zum Beispiel Laserschaltkreise und Quantenrechner, die eine millionenfache Steigerung der heute verfügbaren Geschwindigkeit und Leistung verheißen, zeigen sich am Horizont. Wird in den nächsten Jahren ein wirklich intelligenter Computer entwickelt werden? Welche Merkmale hätte er? Sind wir dabei, uns selbst zu übertrumpfen und die Menschheit zum Abstieg zu verurteilen? Werden unsere eigenen Werkzeuge unsere Herren werden?

Sind wir dabei, uns selbst zu übertrumpfen und die Menschheit zum Abstieg zu verurteilen? Werden unsere eigenen Werkzeuge unsere Herren werden? 

IMMER UNTER KONTROLLE 

Neil Gershenfeld, ein Direktor im Media Laboratory des MIT, ist bekannt für seine Ratschläge, wie sich Großunternehmen heutige und künftige Technologien zunutze machen können. In seinem Buch When Things Start to Think erklärt er, dass wir Menschen am Steuer sitzen. Seine These lautet, der Mensch werde die Computertechnologie in jedem Fall auch künftig beherrschen, gleichgültig, wie leistungsstark sie werde.

Diese These stützt er mit der Tatsache, dass selbst die neueste Computertechnologie schwerfällig ist und dass bei jeder Kommunikation zwischen Mensch und Maschine eine Art Ritual eingehalten werden muss (selbst wenn dies nur bedeutet, bestimmte Tasten zu drücken). Er betont, dies sei eine gute Nachricht, weil die revolutionäre, neue Fähigkeit von Maschinen, ebenso gut zu denken wie der Mensch - oder besser -, einfach latent bleiben werde, bis der Mensch sie sich nutzbar mache.

Die neuen Maschinen, erklärt er, mögen leistungsstark sein, aber sie werden vollkommen abhängig von uns bleiben. Er sieht in der Tat Computer voraus, die Verlängerungen unseres eigenen Willens sein werden.

In leuchtenden Farben malt Gershenfeld ein Bild der nahen Zukunft, in der die Menschheit mobiler ist und die Umwelt unter Kontrolle hat und in der Aufgaben, die unsere eigene Generation überfordert hätten, als banal gelten - so wie Michelangelo angesichts von Tätigkeiten ratlos gewesen wäre, die für uns Routine sind, zum Beispiel einen Schalter zu drehen, um Wäsche zu waschen oder zu kochen.

NICHT SO SCHNELL 

Charles Jonscher betreibt eine Investmentfirma mit Sitz in London, doch sein Lebenslauf glänzt auch mit Lehraufträgen in Harvard. Sein Buch Wired Life trieft vor Verachtung über die Vorstellung, ein Computer könne in irgendeiner Weise, die auch nur annähernd dem menschlichen Denkvorgang ähnelt, wirklich „denken“. Mit Vergnügen weist Jonscher auf die Spezialisierung hin, die Computern eigen ist. Als Beispiel nennt er Deep Blue, den Computer, der 1997 gegen den Schachmeister Garry Kasparov spielte und gewann.

Hätte sich bei einem der Spiele der Meisterschaft in New York,“ schreibt er, „der Raum allmählich mit Rauch eines Brandes gefüllt, hätte jeder Erwachsene und jedes Kind - selbst eine Biene mit einem stecknadelgroßen Gehirn mit nicht mehr als 7500 Neuronen - gewusst, dass man den Raum verlassen musste, aber der Computer hätte weitergespielt. Wo war die Intelligenz in dem Raum, und wo die Dummheit?“

Sein Argument ist einigermaßen brüchig. Sicher, die Flucht vor dem Rauch ist nützlich für das Überleben, und Deep Blue ist dazu nicht fähig. Doch hätten die IBM-Forscher es für wünschenswert gehalten, so hätte dieser leistungsstarke Schachcomputer sicher mit genügend Intelligenz gebaut werden können, um den nächsten Ausgang zu finden.

Jonscher beharrt auf der unüberbrückbaren Kluft zwischen dem Wesen der Intelligenz und den Funktionen digitaler Schaltkreise.

Während Gershenfeld eine optimistische Perspektive vertritt und voraussieht, dass die Menschheit die künstliche Intelligenz in nützlicher und freizeitschaffender Weise integrieren wird, beharrt Jonscher auf der unüberbrückbaren Kluft zwischen dem Wesen der Intelligenz und den Funktionen digitaler Schaltkreise.

VIRTUELL MENSCHLICH 

Seit Jahrzehnten diskutieren Mathematiker, Philosophen und Forscher nun über die Grenzen der Denkfähigkeit des Computers und sogar über die Bedeutung von „Intelligenz“.

So betonte der englische Computerpionier Alan Turing, die Frage sei nicht so sehr „Kann eine Maschine denken?“ als vielmehr „Kann man erreichen, dass eine Maschine ein Verhalten zeigt, das von Denken nicht zu unterscheiden ist?“ Dann stützte er seine eigene Antwort durch den Nachweis, dass jede Komponente des Denkens formalisierbar ist.

Der Schriftsteller, Unternehmer und preisgekrönte Technologe Ray Kurzweil vertritt diese Ansicht mit extremer Konsequenz: Er ist fest überzeugt, dass die Computersimulation des Denkens dem menschlichen Denken vollkommen entspricht.

Als in den Siebzigerjahren jemand äußerte, es sei einer Maschine nicht möglich, gedruckte Wörter zu lesen und laut auszusprechen, entwickelte Kurzweil eine Technologie, die genau das tat, und stellte sie in den Dienst der Blinden. In einem Fall nach dem anderen reagierte dieser hochangesehene Erfinder und Ingenieur auf die Einwände von Skeptikern, indem er Methoden erfand, wie ein Computer die angeblich unmöglichen Aufgaben erfüllen konnte. Im Jahr 1990 veröffentlichte er das mit einem Preis ausgezeichnete, einflussreiche Buch The Age of Intelligent Machines. Inzwischen hat er in dem nachfolgenden Werk The Age of Spiritual Machines ein Szenario für den Zeitraum 1999-2099 vorgelegt.

Kurzweil prognostiziert die Entwicklung echter Intelligenz in Computern innerhalb der ersten 20 Jahre des neuen Jahrtausends. Bis 2019 werde es Computer mit der Speicherkapazität und der Rechenfähigkeit des menschlichen Gehirns geben. Mit bestechenden Argumenten verficht er die Meinung, wenn wir diesen Meilenstein passiert hätten, seien die Bestimmung von Computern und der Menschheit nicht mehr zu unterscheiden.

Seiner Überzeugung nach wird im Jahr 2099 niemand mehr einen Gedanken daran verschwenden, ob eine Maschine intelligent ist: Jede Maschine wird ein echtes Individuum mit einer eigenen geistigen Existenz sein - eine neue Spezies neben dem Menschen. Könnte er Recht haben?

In ihrem Roman Frankenstein malt Mary Shelley aus, was geschehen könnte, wenn jemand ein anderes intelligentes Wesen erfände, und zahllose Geschichten in allen Sprachen und literarischen Genres wiederholen diesen Alarm. Der Auffassung vieler Wissenschaftler zufolge werden wir diese Warnsirenen weiterhin gröblich ignorieren und wahrscheinlich innerhalb weniger Jahrzehnte Maschinen - Computer und Roboter - hervorbringen, die die menschliche Intelligenz erreichen und sogar übertreffen.

WER HAT RECHT? 

Die gegensätzlichen Reaktionen auf das Phänomen, das wir vor uns haben - die unglaubliche Leistungssteigerung des Computers -, reichen von Leugnen über Optimismus und Enthusiasmus bis zur Angst. Wird er unser Werkzeug sein, unser Sklave, unsere gerechte Strafe oder gar ein Teil von uns, wie Kurzweil meint - eine Verschmelzung von Mensch und Maschine?

Die mathematische Aufarbeitung der Logik und die Entwicklung der Rechentechnik - beides wesentliche Elemente der Computerentwicklung - beruhen auf Modellen der Funktionsweise des Menschen. Unsere Computer scheinen immer mehr wie das menschliche Gehirn zu funktionieren, weil sie nach unserem Wissen über das Gehirn konzipiert sind. Dies wirft allerdings eine wichtige Frage auf: Wie gut verstehen wir uns selbst?

Eigentlich gar nicht so gut. Wir haben unklare Vorstellungen darüber, was wir sind, weil es gegensätzliche Auffassungen vom menschlichen Bewusstsein gibt.

Kurzweil spricht von geistigen Maschinen. Kann ein Computer in irgendeinem biblischen Sinn geistig sein? 

Aufgrund des starken Einflusses des aristotelischen Denkens neigen wir im Westen zu der Vorstellung, es gebe zwei Universen - das materielle (reale) und das immaterielle, zu dem nur unser Geist Zugang hat. Bei Aristoteles ist das immaterielle „Reich der Ideen“ das eigentlich reale - eine Vorstellung, die auf Platon zurückgeht. Aristoteles nannte diese beiden Universen physisch und geistig (ideell). Man verwechselt diese Begriffe oft mit ihrer ganz anderen biblischen Bedeutung. Kurzweil spricht von geistigen Maschinen. Kann ein Computer in irgendeinem biblischen Sinn geistig sein?

Ein Mensch besteht aus einem physischen und einem geistigen Element. Im biblischen Sprachgebrauch stehen diese Begriffe nicht im Kontrast zueinander. Dieses geistige Element im Menschen ist weder imaginär noch mystisch.

Der Geist im Menschen ist das, was den Menschen definiert. Er ist der menschliche Wesenskern. „Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als allein der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiß auch niemand, was in Gott ist, als allein der Geist Gottes“ (1. Korinther 2, 11). Diese Bibelstelle zeigt, dass der Mensch bzw. sein Inneres nur durch den „Geist des Menschen“ verstanden werden kann, und analog dazu Gott nur durch den Geist Gottes.

Wenn je ein Computer konstruiert würde, der weitgehend wie ein Mensch funktioniert, würde Geist dann sein Verhalten bestimmen?

Computer sind Maschinen, die wir geschaffen haben. Ob sie je ein Bewusstsein haben werden oder nicht (wie auch immer wir das definieren) - uns an Kreativität übertreffen, anfangen, Selbstlosigkeit oder Lasterhaftigkeit an den Tag zu legen -, niemals können sie einen eigenen Geist haben. Sie werden einfach ihre Erschaffung durch Menschen reflektieren.

Um einen Ausdruck zu prägen: Computer sind wir. Gleichgültig, welche Version der Zukunft, die in den drei hier besprochenen Büchern dargestellt wird, dem am nächsten kommt, was geschehen wird: Auf der Grundlage der Bibel gibt es keinen Grund zu fürchten, dass wir im Begriff sind, irgendeine nichtmenschliche Lebensform zu erschaffen. Was immer wir erschaffen, wird nur einen eindeutig menschlichen Ursprung reflektieren.

Doch gerade weil Computer unauslöschbar menschlich geprägt sind, müssen wir die Verantwortung für die Zukunft der Computertechnologie tragen. Es ist schließlich möglich, die Entwicklung einer Computerintelligenz zum Guten oder zum Bösen zu steuern. Angesichts der menschlichen Neigung zum Bösen müssen wir beschließen, in jede künstliche Intelligenz, die wir vielleicht einmal erschaffen, nur das Gute einzubauen.