Herbst 2015

Religion

Das Gesetz, die Propheten und die Schriften, Teil 14

Rettung für Israel

David Hulme

Bevor das antike Volk Israel ein Königtum hatte, wurde es von einer Folge von Richtern geführt. Ihnen oblag die nicht eben beneidenswerte Aufgabe, ein Volk zu regieren, dessen Hang zu fremden Göttern wiederholt Anlass zu Kriegen und dann zu Flehen um Rettung gab, wie das Buch Richter anschaulich skizziert.

Wie das Buch Josua wurde auch das Buch Richter, das ihm folgt, in den letzten Jahren von etlichen Forschern attackiert und als historisch unzuverlässig bezeichnet. Doch wie Josua enthält Richter mehrere interne Beweise, die es als wertvolles Zeugnis der Geschichte des antiken Nahen und Mittleren Ostens glaubwürdig machen. Es bestätigt die Interaktion des antiken Volkes Israel mit verifizierbaren einheimischen Nachbarvölkern und -kulturen über einen Zeitraum von fast dreieinhalb Jahrhunderten.

Die Entdeckungen der letzten eineinhalb Jahrhunderte zeigen: Jedes Mal, wenn ein antikes Dokument, das ans Tageslicht kommt, auf eine Person oder Begebenheit verweist, die auch die Bibel erwähnt, steht es trotz unterschiedlicher Perspektiven und Absichten tendenziell in Einklang mit den hebräischen Texten.“

Alan R. Millard, „The Value and Limitations of the Bible and Archaeology“

Die in Richter überlieferten Ereignisse sind der Vorlauf zu der Forderung des Volkes nach einem Königtum zur Zeit des Propheten Samuel. Darüber hinaus ist sein Bericht über Israels wankelmütigen Kompromiss mit dem Weg Gottes und das Chaos, das über das Volk hereinbricht, wenn es von der gottgewollten moralischen Ordnung abweicht, entscheidend für das Verständnis der Grundbotschaft der Bibel – Versöhnung zwischen Gott und den Menschen. Aus der Sicht seines anonymen Autors, der wahrscheinlich zu Beginn der Herrschaft Davids über Juda schrieb, ist das Buch eine nachdrückliche Erinnerung an die Notwendigkeit und den Wert einer treuen Führung und eines treuen Volkes.

Moses Gehilfe und Nachfolger Josua führte die Kinder Israel an, als sie das Gelobte Land in Besitz nahmen. Mit Gottes Hilfe gelang es ihnen, das Land für sich zu erobern, und die zwölf Stämme teilten Gebiete am Ost- und am Westufer des Jordan zwischen sich auf. Solange Josua und die Generation, die ihn überlebte, noch da waren, diente das Volk Gott. Josua starb mit 110 Jahren (Richter 2, 8), und die Ältesten, die mit ihm gedient hatten, lebten wahrscheinlich wenige Jahrzehnte länger. Doch „kam nach ihnen ein anderes Geschlecht auf, das den HERRN nicht kannte noch die Werke, die er an Israel getan hatte“ (Vers 10). Dieser Satz bezeichnet die tragische Geschichte der Mehrheit der Kinder Israel während der nächsten Generationen – der sogenannten Richterzeit – zwischen Josua und dem Königtum von Saul und David.

Das Wort Richter ist eine Übersetzung des hebräischen schoftim, das auf das Verb schafat – richten, regieren oder führen – zurückgeht. In dem Buch umfasst die Aufgabe der Richter sowohl die Rettung vor Gefahren von außen als auch die Regierung im Inneren. Sie sollten angesichts immer schlechterer sozialer Bedingungen für militärische, zivile und religiöse Führung sorgen.

Als Geschichtsbericht offenbart Richter ein Muster: Gehorsam gegenüber Jahwe, gefolgt von der Anbetung fremder Götter, die wiederum Jahwes Strafe in Form von Niederlagen gegen andere Völker nach sich zieht, Israels Flehen um Rettung, Gottes Entsendung eines Retters/Führers/Richters und das erneute Abgleiten in Untreue und Ungehorsam (Verse 11–19).

Doch nicht alle Richter zeigten sich so treu und engagiert, wie man es hätte erwarten können. Otniël, Ehud und Schamgar – die drei zuerst Genannten – gehorchen Gott und retten das Volk. Doch dann muss Debora, die Prophetin und nächste Richterin, mit ihrem widerstrebenden Militärführer Barak in die Schlacht ziehen, um Gottes Rettung zu erringen. An dieser Stelle ist männliche Führungskraft Mangelware. Der nachfolgende Richter Gideon stellt Jahwe mehrfach auf die Probe, führt einen persönlichen Rachefeldzug und stellt eine Figur auf, die das Volk anzubeten beginnt. Gideons Sohn Abimelech ist ein selbst ernannter Richter und tötet seine Brüder. In seiner Zeit beten die Israeliten wieder lokale, kanaanitische Götter an. Von den übrigen sieben Richtern retten nur zwei, Jeftah und Simson, das Volk aus der Unterdrückung, doch auch sie haben schwerwiegende persönliche Mängel.

Es zeigt sich also ein sehr uneinheitliches Verhaltensmuster, das die Schlussworte des Buchs rechtfertigt: „Zu der Zeit war kein König in Israel; jeder tat, was ihn recht dünkte“ (Richter 21, 25). Außerdem wird deutlich, dass es den Israeliten schadete, Gott nicht gehorcht und die noch übrigen einheimischen Völker nicht vertrieben zu haben (siehe Kapitel 1). „Die Israeliten wohnten unter den Kanaanitern, Hetitern, Amoritern, Perisitern, Hiwitern und Jebusitern“ (Kapitel 3, 5), und als sie Mischehen mit ihnen eingingen, wurde Israel durch diese Völker geprüft (Kapitel 2, 20–22; 3, 5–6).

Betrachten wir nun einige Richter näher.

DIE ERSTEN RICHTER 

Weil sich die Kinder Israel von Gott abwandten, ließ dieser zu, dass der König von Mesopotamien sie unterwarf und sie ihm acht Jahre lang Tribut zahlen mussten. Erst dann flehten sie um Hilfe, und Gott „erweckte ihnen einen Retter, […] Otniël“, einen Neffen und Schwiegersohn Kalebs, der in Moses Zeit einer der Getreuen Israels gewesen war (Richter 1, 13; 3, 9; 4. Mose 13). Dank Otniël wurde das Volk für 40 Jahre vom mesopotamischen Joch befreit.

Nach seinem Tod entfernten sich die Israeliten erneut von Gott. Nun wurde der Retter Ehud vom Stamm Benjamin gesandt, um sie von den Moabitern zu befreien. Das tat er, indem er mit einer List ihren König Eglon in dessen privaten Räumen tötete (Kapitel 3, 16–25). Mit Unterstützung des Stamms Ephraim führte Ehud dann eine siegreiche Schlacht gegen die Moabiter und das Land hatte 80 Jahre lang Frieden (Verse 27–30).

Wenn dann der HERR Richter erweckte, die ihnen halfen aus der Hand der Räuber, so gehorchten sie den Richtern auch nicht, sondern liefen andern Göttern nach und beteten sie an und wichen bald von dem Wege, auf dem ihre Väter gegangen waren, als sie des HERRN Geboten gehorchten; sie jedoch taten nicht wie diese.“ 

Richter 2, 16­–17_

Als Nächster wird Schamgar kurz erwähnt; er befreite Israel von den Philistern, von denen er 600 eigenhändig tötete (Vers 31). Möglicherweise war Schamgar kein Israelit; sein Name könnte hurritischen Ursprungs sein. In seiner Zeit kam der Karawanenhandel der Israeliten zum Erliegen, weil sie Überfälle der Kanaaniter fürchteten, und die unbefestigten Dörfer des Hochlands waren ähnlichen Gefahren ausgesetzt, bis die Prophetin Debora auftrat (5, 6–7).

DIE HAND EINER FRAU 

Nach Ehuds Tod waren die Israeliten erneut in Götzendienst verfallen, und die Strafe kam in Gestalt des Kanaaniterkönigs Jabin von Hazor (Kapitel 4, 1–3).

Zu dieser Zeit war die Prophetin Debora Richterin in Israel; sie hatte ihren Sitz im Kerngebiet von Ephraim. Angesichts der Unterdrückung durch Jabin verlangte sie von Barak, einem Anführer des Stammes Naftali, 10 000 Mann auszuwählen, um gegen Jabins Heer zu kämpfen, das über 900 Streitwagen verfügte und von Sisera kommandiert wurde (Verse 4–7).

Barak weigerte sich, ohne Debora in den Kampf zu ziehen. Dies zeigte wohl, dass es ihm zunächst an mutiger Führungsstärke mangelte; deshalb, so sagte sie, werde nicht er den Ruhm für den Sieg über die Kanaaniter ernten, sondern Gott werde den Feind „in die Hand einer Frau geben“ (Verse 8–9). Mit Gottes Hilfe schlugen sie ihre Unterdrücker in die Flucht (Verse 14–16) und Deboras Prophezeiung erfüllte sich: Nicht Barak oder seine Männer töteten den Heerführer der Kanaaniter, sondern Jaël, die Frau eines Verbündeten von Jabin, die ihn überlistete (Verse 17–22; 5, 24–27). Dennoch folgten glücklicherweise 40 Jahre in Frieden.

GIDEON: LANGSAM IM GLAUBEN  

Trotz Gottes offensichtlicher Hilfe im Kampf gegen den König von Hazor vergaßen die Israeliten seine Gnade und seinen Weg bald wieder. Daraufhin wurden sie sieben Jahre lang von den Midianitern geplagt (Kapitel 6, 1–2), die ihre Ernten und ihr Vieh vernichteten: „So wurde Israel sehr schwach vor den Midianitern. Da schrien die Israeliten zum HERRN“ (Vers 6). Daraufhin sandte Gott ihnen einen Mann, der zwar stark war, aber noch nicht fest im Glauben: Gideon.

Bei seinen ersten Begegnungen mit Gott war Gideon skeptisch, dass Gott ihm beistehen würde. Er bezweifelte, dass sein manassitischer Familienverband stark genug war, um gegen das Übergewicht der Midianer und deren Verbündeten – der Amalekiter und „denen aus dem Osten“ (Vers 3, 33) – etwas auszurichten. Gideon wollte sich nur überzeugen lassen, wenn Gott ihm ein Zeichen gab. Dieses Zeichen gab Gott ihm in Gestalt eines Feuers, das ein von Gideon dargebrachtes Opfer verzehrte.

Nun gehorchte Gideon dem Befehl, den heidnischen Altar seines Vaters und seine Holzfigur des kanaanitischen Gottes Baal zu zerstören, und brachte ein weiteres Opfer dar, aber erst in der Nacht, weil er Vergeltung von den anderen Bewohnern des Ortes fürchtete (Verse 25–27). Diese wollten ihn daraufhin richten, doch sein Vater verteidigte ihn und gab ihm den neuen Namen Jerubbaal („Baal streite mit ihm“, Vers 32) als Zeichen für sein kraftvolles Eintreten gegen Israels Götzendienst. Richter überliefert, dass Gideon dann von Gottes Geist erfüllt wurde und die Posaune blasen ließ, um vier Stämme zum Kampf gegen die Midianiter und ihre Verbündeten zusammenzurufen (Verse 34–35).

Doch Gideon zweifelte erneut und bat Gott um ein weiteres Zeichen dafür, dass er ihn als Heerführer unterstützen werde. Er ließ abgeschorene Schafwolle über Nacht auf dem Boden liegen; würde am Morgen „der Tau allein auf der Wolle sein und der ganze Boden umher trocken, so will ich daran erkennen, dass du Israel erretten wirst durch meine Hand, wie du zugesagt hast“ (Vers 37). Obgleich Gott tat wie gewünscht, verlangte Gideon noch ein weiteres Zeichen – die Wolle sollte trocken sein und der Boden nass. Wieder war Gottes Antwort positiv.

Nun war es Zeit, sich zum Kriegszug gegen die Midianiter zu versammeln. Doch Gott wollte den Glauben der Israeliten prüfen: Ihre Zahl sollte von zunächst 32 000 so reduziert werden, dass offensichtlich war, dass nur Gott ihnen den Sieg geben konnte. Als Erstes sollten alle umkehren, die sich fürchteten: Es waren 22 000. Dann wurden die verbliebenen 10 000 Krieger aufgefordert, aus einem Wasserlauf zu trinken. Nur wer das Wasser wie ein Hund aufgeleckt hatte, wurde ausgewählt; die übrigen, die sich zum Trinken niedergekniet hatten, wurden heimgeschickt. Danach waren nur noch 300 übrig (7, 1–8).

In der Nacht ging Gideon zum Lager der Midianiter; dort belauschte er zwei Männer, denen ein Traum Angst gemacht hatte. Da wusste er, dass er den Sieg davontragen würde. Er teilte seine Leute in drei Gruppen ein; jeder Mann bekam eine Posaune und einen Krug mit einer brennenden Fackel darin und sie umstellten das schlafende Lager. Auf Gideons Zeichen hin stießen sie in die Posaunen, zerbrachen die Krüge und riefen: „Hier Schwert des HERRN und Gideons!“ Unter den 135 000 Midianitern und ihren Verbündeten brach daraufhin Panik aus; in ihrer Verwirrung gingen sie aufeinander los, und wer übrig blieb, floh. Dann jagten die Stämme sie aus dem Land; daran beteiligte sich auch der Stamm Ephraim, den Gideon noch hinzurief. Die Midianiter wurden geschlagen und ihre Fürsten getötet (Verse 9–25). Die Ephraimiter fühlten sich übergangen, weil sie erst am Ende der Schlacht gerufen worden waren, um sich an dem Kampf gegen das Bündnis der Midianiter zu beteiligen, doch Gideon konnte sie mit geschickt gewählten Worten über ihre Bedeutung für Israel besänftigen.

Die Geschichte, die das Buch Richter beschreibt, zeigt die immer chaotischeren Zustände im Leben des Volkes Israel.“ 

Arnold G. Fruchtenbaum, Ariel’s Bible Commentary: The Books of Judges and Ruth

Was in Gideons Geschichte dann folgte, war kein Ruhmesblatt. Weil seine Leute bei der Verfolgung der Feinde, insbesondere der Könige von Midian, müde geworden waren, wollten sie sich am anderen Jordanufer in Sukkot und Pnuël ausruhen und verpflegen. Diese Ortschaften gehörten dem israelitischen Stamm Gad; doch der wies seine Volksgenossen ab. Daraufhin kam Gideon nach der Gefangennahme der midianitischen Könige zurück zu den Gaditern und nahm brutale persönliche Rache. Viele von ihnen tötete er (Kapitel 8, 13–17) und verfuhr mit ihnen nicht anders als mit seinen nicht israelitischen Feinden.

Trotzdem wollte das Volk Israel Gideon angesichts des Sieges, den er unter Gottes Führung errungen hatte, zum König machen. Gideon lehnte dies für sich selbst und seine Nachkommen ab, weil er der Meinung war, dass Jahwe allein Israels König sein sollte. Seltsamerweise stellte er dann aber eine Art Götzenbild auf, das aus dem von den midianitischen Königen erbeuteten Schmuck geschmiedet war, und die Israeliten begannen, es anzubeten. Trotzdem herrschte unter Gideon 40 Jahre Friede (Verse 22–28). So konnte er nach Ofra zu seinen vielen Frauen und 70 Söhnen heimkehren (Verse 29–30).

Nach Gideons Tod glitten die Israeliten wieder in die Götzenanbetung ab; sie „liefen den Baalen nach und machten Baal-Berit zu ihrem Gott“ (Vers 33).

FÜHRUNG DURCH VERRAT 

Mit einer Dienerin aus Sichem in Kanaan hatte Gideon einen Sohn namens Abimelech. Dieser ehrgeizige junge Mann stellte sich gegen seine Brüder und ermordete sie alle mit Ausnahme von Jotam, dem jüngsten, der sich verstecken konnte.

Dies bewerkstelligte Abimelech, indem er sich mit anderen Mitgliedern und Verbündeten seiner Familie in Sichem zusammentat und Männer anwarb, die mit ihm nach Ofra kamen, um den Massenmord auszuführen. Die Männer von Sichem, die den Lohn für diese Männer mit Silber von ihrem Baal-Berit-Tempel finanziert hatten, machten Abimelech nun zu ihrem König.

Es folgte eine weitere schreckliche Episode in Israels Geschichte. Jotam warnte Abimelech und seine Parteigänger, es könne nur zur Katastrophe führen, sich gegen das Haus Gideon zu verschwören – denn „mein Vater hat für euch gekämpft und sein Leben gewagt, um euch aus der Hand der Midianiter zu erretten“. Danach hielt ihr Bündnis nur noch drei Jahre; dann „sandte Gott einen bösen Geist zwischen Abimelech und die Männer von Sichem“ (Kapitel 9, 1, 17, 22–23). Interne Zwistigkeiten endeten damit, dass Abimelech einen Rivalen besiegte, den die Männer von Sichem favorisierten, Sichem zerstört und 1 000 Männer und Frauen bei lebendigem Leibe verbrannt wurden und auch Abimelech den Tod fand: Er wurde durch einen Mühlstein, den eine Frau auf ihn herabwarf, so schwer verletzt, dass er seinen Waffenträger bat, ihn zu töten, „dass man nicht von mir sage: Eine Frau hat ihn erschlagen“ (Verse 39–55).

Der Autor des Buches Richter schließt: „So vergalt Gott dem Abimelech das Böse, das er seinem Vater angetan hatte, als er seine siebzig Brüder tötete. Desgleichen alle bösen Taten der Männer von Sichem vergalt ihnen Gott auf ihren Kopf, und es kam über sie der Fluch Jotams, des Sohnes Jerubbaals“ (Verse 56–57).

EIN WIEDERKEHRENDER ZYKLUS 

Die Abfolge aus Rettern, Abfall von Gott und erneutem gnädigem Eingreifen setzte sich mit mehreren Führern fort. Der nächste war Tola vom Stamm Issachar (Kapitel 10, 1), dessen Gebiet an das des gescheiterten Abimelech angrenzte. Über Tolas 23-jährige Regierung werden sehr wenige Einzelheiten angegeben. Sein Nachfolger war Jaïr aus Gilead, einem Gebiet östlich des Jordan, das in Teilen den Stämmen Manasse, Gad und Ruben gehörte. Sein Name deutet möglicherweise auf seine Zugehörigkeit zu Manasse hin (siehe 4. Mose 32, 41). Er starb, nachdem er 30 Söhne großgezogen, 30 Ortschaften besessen und 22 Jahre regiert hatte (Verse 3–5). Unter beiden Richtern lebten die Israeliten offenbar in Frieden – im Gegensatz zu den Zeiten von Schamgar und Jaël (Kapitel 5, 6–9) in etwa der gleichen Region und zu der darauf folgenden kurzen Regierung von Jeftah in Gilead.

Es gibt mehrere Parallelen zwischen den Berichten über Jeftah und Gideon. Beide beginnen mit einer Konfrontation zwischen Gott und Israel; beide Männer sind von unbedeutender Herkunft, werden aber tyrannisch; beide bekommen Hilfe von Gottes Geist, zweifeln aber an Gott; sie erringen große Siege, werden mit streitlustigen Ephraimitern fertig und metzeln israelitische Volksgenossen brutal nieder. In anderen Dingen hatte Jeftah große Ähnlichkeit mit dem irregeleiteten Abimelech.

Dennoch war Jeftah letztlich kein komplett Gescheiterter, sondern ein Retter. Er kam am Tiefpunkt der Abtrünnigkeit Israels an die Macht: „Aber die Israeliten taten wiederum, was dem HERRN missfiel, und dienten den Baalen und den Astarten und den Göttern von Aram und den Göttern von Sidon und den Göttern Moabs und den Göttern der Ammoniter und den Göttern der Philister und verließen den HERRN und dienten ihm nicht“ (10, 6). Dies sind die Götter der sieben Völker, die Israel eigentlich hätte vertreiben sollen (5. Mose 7, 1), von denen es sich stattdessen aber beeinflussen ließ. Aus diesem Grund wurden die Israeliten von den Philistern und Ammonitern zerschlagen und erdrückt.

Der Autor von Richter zeigt, dass mangelndes Engagement für das Volk Israel und den Gott Israels nur zu Anarchie und Selbstzerstörung führen kann.“ 

Trent C. Butler, Word Biblical Commentary, BD 8: Judges

Die Unterdrückung dauerte 18 Jahre (Richter 10, 7–8). Erst dann waren die Israeliten wieder bereit, Gott anzuflehen und sich von ihm retten zu lassen. Sie waren bereit für Gottes Retter. Jeftah war von Anfang an durch seine Herkunft benachteiligt: Er war der Sohn Gileads mit einer Prostituierten, ein Ausgestoßener, der sich mit „losen Leuten“ umgab (11, 1–3). Die Ältesten von Gilead baten ihn, den Kampf gegen die Ammoniter anzuführen. Er stimmte zu – unter der Bedingung, dass sie ihn zu ihrem Oberhaupt machten, wenn er gewann.

Die Ammoniter behaupteten, Israel habe ihnen ihr Land geraubt (insbesondere Moab, das nicht zum Erbe Israels gehörte), und forderten es zurück. Jeftah erklärte, dass dieses Gebiet schon in der Hand eines Amoriterkönigs gewesen war, als Gott den Israeliten den Sieg gab (Verse 12–22). Die Ammoniter wiesen Jeftahs Argument ab und zogen in den Krieg.

Als Jeftah am Kriegsschauplatz ankam, legte er ein Gelübde ab, das sich als unüberlegt erweisen sollte: Wenn Gott ihm den Sieg gebe, werde er das, was ihm bei der Heimkehr aus seinem Haus entgegenkomme, Gott weihen. Er dachte dabei an ein Tieropfer (Verse 29–31). Doch tatsächlich war es sein einziges Kind, eine Tochter. Sein Gelübde konnte er nicht zurücknehmen; er hatte keinen anderen Erben als sie, und nun musste sie Gott geweiht werden (und damit unverheiratet und folglich kinderlos bleiben).

Der Rest des Berichts über Jeftahs Regierung schildert den Krieg gegen die störrischen und hochmütigen Ephraimiter. Darin kamen 42 000 seiner israelitischen Volksgenossen um (12, 1–6). Nach sechsjähriger Herrschaft wurde Jeftah in seinem Heimatgebiet Gilead begraben.

Es folgten sieben Jahre unter Ibzan. Er war höchstwahrscheinlich aus dem Bethlehem, das dem Stamm Sebulon gehörte (siehe Josua 19, 15) und nicht dem Bethlehem in Juda, das in der Bibel immer mit diesem Zusatz bezeichnet wird. Er hatte 30 Söhne und 30 Töchter – ein Anzeichen für Polygamie. Ihm folgten noch zwei Richter, Elon von Sebulon und Abdon von Ephraim, der ebenfalls viele Kinder hatte und wohl in einer Zeit des Wohlstands lebte. Elon regierte zehn Jahre, Abdon acht Jahre lang (Verse 8–15).

In der nächsten Folge geht diese unruhige Periode in Israels Geschichte weiter mit der vielleicht bekanntesten Charakterstudie im Buch Richter – Simson.